Home
Nach oben
Zurück
Weiter
 

 

Schwarze Pädagogik

Kinder und Erwachsene

J. B. Basedow (1773)

 
 

Etwas sehr Wichtiges ist noch übrig von dem vorteilhaften Verhältnis der Jugend gegen ihre Eltern, Aufseher und andere erwachsene Personen. Habt ihr eure Kinder und Untergebenen auf die beste und gelindeste Weise früh zum Gehorsam gebracht, bedient ihr euch eurer Oberherrschaft nicht oft zu ihrem Missvergnügen, hütet ihr euch, sie ohne Not einzuschränken, seid ihr selbst munter, freundlich und gefällig, bezeigt ihr den unschuldigen Vergnügungen der Kinder oftmals ein Wohlgefallen: so wird ihre Liebe zu euch von Jahr zu Jahr unfehlbar zunehmen. Ich muss aber doch noch folgendes raten: Ihr dürft zwar an den Spielen und Vergnügen eurer Kinder teilnehmen und mit ihnen scherzen: aber ihr müsst alsobald ernsthaft werden und zu einigem Verdruss der Kinder aus dem Spiel treten, wenn sie durch Worte, Mienen und andere Handlungen die äußerliche Ehrerbietung gegen euch vergessen. Ihr müsst ihnen eure Spielgemeinschaft so angenehm machen, dass sie um diese Wohltat bitten, und wenn ihr Abschied nehmt, euch ehrerbietig danken. Eure Geburtstagsfeste und etwa eurer jähriger Hochzeitstag müssen solche Familienfeste sein, an welchen die Kinder einen besonders angenehmen Anteil nehmen. Solche Anstalten sind sehr nützlich, in ihren Herzen Liebe und Achtung für euch recht zu gründen. Eure Gegenwart ist den Kindern ein großes Gut; aber der gewöhnliche Genuss desselben, wird ihnen angenehmer bleiben, wenn ihr sie damit nicht überhäuft. Entzieht euch ihnen, wenn ihr sie anderen sicher anvertrauen dürft, täglich einige Stunden und monatlich einige Tage: machet aber solche Anstalten, wenn es möglich ist, dass sie nach ihren Neigungen sich niemals besser und uneingeschränkter befinden, als in eurer Gegenwart. Lasst durch andere das Verlangen danach stärken; und wenn sie euch wiedersehen, so verknüpft immer den ersten Anblick mit angenehmen Umständen; denn es ist eine bekannte Erfahrung, dass jede Art der Liebe durch die Sehnsucht gestärkt wird. Lasst aber keine Wohltat gegen die Kinder so zur Gewohnheit werden, dass sie aufhören, ihnen Freude und eine Erinnerung an eure freiwillige Güte zu verursachen. Nicht zur Strafe, sondern bloß weil ihr es so wollt, müssen sie zuweilen solche Speisen und Getränke genießen, die ihnen nicht so gut schmecken als die gewöhnlichen. Sie müssen zuweilen nach eurer Verordnung dein gemeines, hartes und unbequemes Lager haben. Sie müssen nach allen Wohltaten, welche zur Unterhaltung des Lebens überflüssig sind, euch mit solchen Worten Dank abstatten, welche anzeigen, dass sie den vorzüglichen Wert der Sachen und folglich die Größe eurer Wohltätigkeit erkennen. Wenigstens an jedem Tag einmal muss eine Verbeugung oder irgendeine Zeremonie, welche ihre ganze Abhängigkeit von den Eltern und Aufsehen anzeigt, die Kinder lebhaft derselben erinnern: die Worte könne aber von Monat zu Monat oder von Jahr zu Jahr abgewechselt werden, weil gar zu gewöhnliche Worte nicht geschickt sind, das lebhafte Andenken an die bedeutete Sache zu fördern. Lass euch nicht von einem sonst weisen Rousseau bereden, dass ein solches Zeremoniell unbedeutend und widernatürlich sei. Was kann natürlicher sein, als dass die Jugend von ihren Eltern und Aufsehern abhängen und an dieses Verhältnis oft erinnert werden muss. Die Erfahrung zeigt auf eine unwidersprechliche Weise, wie wichtig dieses ist. Um aller der Ursachen willen wünsche ich, dass wir uns gewissen Regeln der Erziehung des vorigen Jahrhunderts wiederum etwas nähern möchten. Die Kinder müssen vielleicht nicht bei Tisch sitzen; sie müssen schlechteres Tischgerät haben als ihre Eltern und die erwachsenen Freunde; sie müssen sogar einen besonderen Ort am Tisch haben. Von dieser Regel muss nicht abgewichen werden, als nur etwa bei gewissen Feierlichkeiten und wenn man das Verhalten der Kinder durch Zeichen eines besonderen Wohlgefallens belohnen will. Sie müssen nur an den beiden ersten Schüsseln ihren Anteil haben, alsdann vom Tisch gehen und der Gesellschaft aufwarten; diese Aufwartungen können verschiedene Grade der Würde haben, z. B. etwas vorzulesen, ein Gericht vorzulegen, das Tischgerät wechseln usw. Die höhere Würde kann abermals eine gewisse Belohnung sein, Der Nachtisch wird zwar den Kindern am meisten gefallen; aber ordentlicherweise muss ihnen davon nichts oder sehr wenig gereicht werden, damit Gelegenheiten bleiben, teils die Kinder in der Unterwerfung und in dem Streit wider die Anfälle sowohl der Sinnlichkeit als des Neides zu üben, teils aber ihnen ein vorzügliches Wohlgefallen durch Taten zu zeigen. Es ist sehr schädlich, wenn bei Gastmahlen Kindern den Alten gleich gehalten und mit in die Reihe gesetzt werden. Ihnen gehört alsdann ein besonderer Tisch unter der Aufsicht einer erwachsenen Person. Es ist schädlicher als man denken sollte, wenn man mit Kindern schon wie mit Chapeaux und Dames umgeht, und aus ihnen eine bunte Reihe macht; und wenn man sie bei Bällen eben wie die Alten zum Tanze auffordert oder ihre Aufforderung annimmt. Es müssen Absätze des Lebens sein: der Kindheit bis ins zehnte, der ersten Jugend bis ins sechzehnte, der zweiten Jugend bis ins zwanzigste Jahr oder bis zur Verheiratung. Jede Periode muss ihre besonderen Pflichten und Rechte haben, die zwar nicht vor den bestimmten Jahren enden, doch durch Mangel des Fleißes und der Sittsamkeit verlängert werden können. Der Übergang von einer Periode zu der andern muss eine Feierlichkeit sein, worauf sich die Jugend vorher freuen und vorbereiten muss. Ich halte es für ein wahres Verderben unserer Zeiten, dass diese Regeln, vermittelst welcher Ordnung und Lebhaftigkeit in der Erziehung gefördert werden können, fast allenthalben übertreten werden. Vor einem gewissen Alter muss Kindern nicht erlaubt sein, ohne Fragen und Anklopfen in gewisse Zimmer des Hauses zu kommen; z. B. in die Schlafkammer der Eltern, in die Studierstube, in das Betzimmer. Schon oben habe ich den Wunsch angezeigt, dass die Kinderkleidungen einfacher und von den Kleidern der Erwachsenen merklich unterschieden sein möchten. Eine vernünftige Mode sollte andere Kleider bei der Kindheit, andere bei der ersten, und andere bei der zweiten Jugend einführen; und wenn Jugend von verschiedenen Perioden zusammenkäme, so müssten die jüngern allemal in einer gewissen Abhängigkeit von den älteren bleiben und ihnen bei gewissen Gelegenheiten besondere Zeichen einer vorzüglichen Hochachtung geben. Den älteren könnte auch eine gewisse Art der Aufsicht anvertraut werden. Alsdann könnte man es zu einer sehr eindringenden Strafe oder Belohnung machen, die Kinder auf eine Zeitlang von der höheren Klasse in die niedrige, oder von dieser in jene, vornehmlich bei zahlreichen Zusammenkünften, zu versetzen.

(aus: Rutschky, 8. Aufl. 2001, S.27f., dort zit. n. J. B. Basedow, Methodenbuch für Väter und Mütter der Familie und Völker, in: Basedow, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. H. Göring, Langensalza 1880)
 

 

   
   Arbeitsanregungen:

  1. Fassen Sie das Thema des Textes in einem Satz zusammen.

  2. Geben Sie den Text in Form einer strukturierten Textwiedergabe wieder.

  3. Entwickeln Sie zu zumindest zwei Aussagen Basedows eine Gegenargumentation in Form einer erweiterten Argumentation.

  4. Katharina Rutschky hat den Text in ihr Buch über "schwarze Pädagogik" aufgenommen. Geben Sie dafür eine Erklärung.
     

 
      
  Überblick ] Textauswahl ]  
  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de