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Schwarze Pädagogik

Affenliebe

Handwörterbuch für den deutschen Volksschullehrer (1874)

 
 


Affenliebe
, im wörtlichen Sinne die Art der Liebe, wie sie die Affen ihren Kindern und Pfleglingen zeigen. Den Äußerungen nach muss bei dieser Tiergattung die Liebe zu ihrer Nachkommenschaft in dem höchsten denkbaren Grad vorhanden sein. Plinius erzählt, dass die Äffinnen ihre Jungen zuweilen aus lauter Liebe zu Tode drücken. Brehm (vgl. Brehm's Tierleben) bezweifelt zwar jene Behauptung, bestätigt aber das Vorhandensein eines hohen Grades von Liebe durch die Versicherung, dass der Tod des Kindes in den meisten Fälle, in der Gefangenschaft aber fast regelmäßig, den Tod der Affenmutter zur Folge habe. Zeigen die Menschen gegen ihre Kinder einen ähnlichen Grad natürlicher, oft vernünftiger Liebe, so spricht man ebenfalls von Affenliebe. Sie äußert sich darin, dass die Kinder nur zum Gegenstand der Bewunderung und Liebkosung gemacht werden und sozusagen zum förmlichen Spielzeug der Kinder herabsinken. Alles, was die Kinder tun, wird ungeprüft gutgeheißen, belächelt, gelobt, über kindliche Fehler drückt man die Augen zu, anstatt sie abzustellen; Lüge und Betrug nennt man Klugheit, Stolz und Überhebung heißt Selbstbewusstsein, vorlautes Geschwätz gilt als genialer Einfall u. dergl. m. Affenliebe ist ein rechter Krebsschaden in der Erziehung; nicht nur, dass sie selbst jedwede Anwendung weiser Zuchtmittel verschmäht, sie kämpft auch gegen ihre Handhabung von seiten der Schulerzieher an; sie erzeugt auf geradestem Wege jene »verhätschelten Naturen«, denen Dünkel, Widerspenstigkeit, Haltlosigkeit eigen sind und jede ernsthafte Auffassung des Lebens abgeht. Verhätschelte Menschen fallen gemeiniglich als Opfer ihrer Begierden und Leidenschaften oder werden im günstigsten Fall erst durch die bitteren Erfahrungen gerettet, welche ihrer in der Schule des Lebens warten, Affenliebe findet man weniger häufig in zahlreichen Familien als da, wo nur ein Familienspross sich vorfindet. Das Wort »Muttersöhnchen« deutet auf das Vorhandensein dieser fehlerhaften Neigung hin. Treten derartig verzogene Muttersöhnchen in die Schule ein, so wird der Lehrer eine schwere Stellung haben, aber er wird sich nicht abschrecken lassen dürfen, die einzigen Heilmittel, Anwendung weiser und strenger Zucht, Gewöhnung an ernste Arbeit und völlige Gleichstellung den übrigen Schülern gegenüber mit Konsequenz, ohne Härte, zur Durchführung zu bringen.

(aus: Rutschky, 8. Aufl. 2001, S.41f., dort zit. n. Petzoldt, E. (Hg.) (1874): Handwörterbuch für den deutschen Volksschullehrer, 2. Bde., Bd. 1, Dresden 1874, S.13f.)


 

     
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, was der Verfasser unter "Affenliebe" versteht.

  2. Zeigen Sie, welche Erziehungsmethoden das Konzept der Affenliebe kennzeichnen.

  3. Welche Folgen ergeben sich für den Zögling wie die Erzieher, wenn ein Kind nach diesem Konzept erzogen wird?

  4. Nehmen Sie zu den Auffassungen des Verfassers kritisch Stellung.

  5. Inwiefern lässt sich die "Affenliebe"-Kritik der so genannten "schwarzen Pädagogik" zuordnen?

  6. Vergleichen Sie die Ausführungen aus dem "Handwörterbuch" mit der Darstellung der "Affenliebe" in C. F. Gellerts Verserzählung "Die Affen und die Bären" (1756).
     

 
      
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