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Lehrerrolle im Gruppenunterricht 

Überblick


Frank McCourt (2006a), ein amerikanischer Schriftsteller irischer Herkunft, der dreißig Jahre als Lehrer gearbeitet hat, bringt sehr anschaulich zum Ausdruck, welche Anforderungen an die Lehrerrolle heutzutage gestellt sind: "Ein Lehrer muss wie ein Künstler sein. Er muss seinen eigenen Stil und seine eigene Stimme finden. Wahre Autorität ist ein Mysterium. Eine Mischung aus Persönlichkeit, Sensibilität, Wissen, Stimmung. Der Instinkt dafür, wann man Druck ausübt und wann nicht. Manche Lehrer drohen, benutzen Furcht als Mittel für ihren Unterricht. Ich glaube, dass sich Aufmerksamkeit und Disziplin bei Schülern besser durch Ermutigung herstellen lassen, durch Inspiration."  (Interview mit der Zeitschrift emotion, Dezember 2006, zit. n. Bauer 2007, S. 52 )
Und der Mediziner und Psychotherapeut Joachim Bauer, der den Lehrerberuf "gern mit dem des Arztes" vergleicht, die sich beide durch ihr fachliches Wissen und ihre hilfreiche Art des persönlichen Auftretens auszeichnen sollten, stellt ins Zentrum seiner Überlegungen zur Lehrerrolle das Konzept der verstehenden Zuwendung. "Der Lehrerberuf", so führt er in diesem Zusammenhang aus, " erfordert eine Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung. Verstehende Zuwendung bedeutet, den einzelnen Schüler nicht nur unter dem Aspekt seines schulischen Könnens (oder seiner schulischen Schwächen) zu sehen, sondern auch und vor allem als Person, das heißt seine Motive, sein Bemühen, sein Verhalten, seine emotionalen Stärken ebenso wie seine problematischen Seiten wahrzunehmen. Dabei vermeidet sie Kränkungen, Demütigungen und Bloßstellungen. Führung bedeutet die Notwendigkeit, Werthaltungen zu vertreten, Ziele zu formulieren, Schüler zu fordern, als Lehrkraft mutig zu diesen Forderungen zu stehen und Kritik zu üben, Schülerinnen und Schüler dabei aber Mut zu machen und sie in ihren Anstrengungen zu unterstützen." (Bauer 2007, S. 54)
Diese Balance zwischen den Polen Führung und verstehender Zuwendung zu finden ist indessen nicht einfach. Sie verlangt von Lehrerinnen und Lehrern vor allem Spontaneität und Authentizität. Wer als Lehrkraft die Balance schafft, "steht von der ersten Minute jeder Stunde an mit der Klasse im Kontakt." (ebd., S.55)

Die Rollen die von Lehrern eingenommen werden, zeichnen sich dementsprechend durch einen unterschiedlichen pädagogischen Stil aus, hinter dem auch  bestimmte Menschen- bzw. Schülerbilder und bestimmte Konzepte der Selbstwahrnehmung stehen.
Diese Stile konkurrieren miteinander in einer Schule und in den Klassenzimmern, nicht selten schlicht um die Gunst der Schülerinnen und Schüler. Das geht so weit, dass durch zahlreiche Lehrerkollegien eine folgenreiche "Spaltungslinie" verläuft, die die Lehrkräfte entzweit. Da gibt es eher konservativ eingestellte, im Unterricht vorwiegend strikt und bestimmend agierende Lehrkräfte, die ebenso wie umgekehrt, den eher liberal gesinnten, im Unterricht eher gewährend und etwas locker agierenden Lehrkräften mehr oder weniger misstrauisch, zum Teil sogar feindselig gegenüberstehen und sich gegenseitig in Grabenkämpfe um praktisch gesehen Kleinigkeiten, prinzipiell gesehen aber stets  Grundsätzliches streiten. Dabei geht es manchmal nur darum, ob im Unterricht eine Wasserflasche auf der Schülerbank stehen, die Rapper-Mützen und Baseball-Caps abzunehmen sind oder ob ein Schüler, der später als die Lehrer das Klassenzimmer betritt, sofort oder erst bei einer Verspätung von mehr als 2 Minuten ins Klassenbuch eingetragen werden soll. (vgl. ebd., S.63f)
Grundlage für eine Veränderung dieser folgenreichen Auseinandersetzung, die das "Betriebsklima" in der Schule im Ganzen wie auch im Lehrer- und den Klassenzimmern erheblich beeinträchtigen kann und auch die Lehrergesundheit nicht gerade fördert, ist - so Bauer 2007, S. 64f.) die Anerkennung einer schlichten Tatsache, nämlich "dass es nicht nur eine, sondern mehrere Arten gibt, ein guter Lehrer zu sein."  Und: "Nicht das Maß an Strenge oder Liberalität entscheidet darüber, ob ein Unterricht gut ist, sondern die Frage, ob die Lehrkraft Kontakt mit den Schülern herstellen und ihre Aufmerksamkeit binden kann." (ebd.)

Die Lehrerpersönlichkeit und ihr Menschenbild sind für das Gelingen von Gruppenunterricht in der Schule von erheblicher Bedeutung. Von ihnen hängt ab, ob die für die Durchführung von Gruppenunterricht nötige Lehrerrolle auch angemessen ausgefüllt werden kann.

Gruppenunterricht - nicht jedermanns Sache

Gruppenunterricht ist daher auch nicht jedermanns Sache. Gage / Berliner (1986, S.494) stellen dazu ausdrücklich fest, dass die Methode des Gruppenunterrichts dann geeignet ist, wenn Lehrerinnen und Lehrer "ein angemessenes Toleranzverhalten und Selbstsicherheit besitzen".
Dies bedeutet jedoch auf der anderen Seite nicht, dass Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit dieser Sozialform des Unterrichts schwer tun, dies nicht ändern können. Allerdings ist dies häufiger nicht so einfach. Über Jahre praktizierte Gewohnheiten auf der einen und in sich stabile Menschenbilder und Überzeugungen auf der anderen Seite lassen sich nicht mit bloßen Änderungsappellen und Vorsätzen neu definieren. Hier ist u. a. die staatliche Lehrerfortbildung und eine entsprechende inhaltliche Ausrichtung der Lehrerausbildung nötig.

Geringe Strukturiertheit - Aufgabe von Lehrerdominanz

Von der Lehrerpersönlichkeit hängt es schließlich  auch ab, ob die geringe Strukturiertheit des Unterrichts bei dieser Methode ertragen werden kann.

  • "Manche Lehrer fühlen sich nicht wohl, wenn ein Gespräch nicht durchorganisiert ist, sich nicht logisch entwickelt und nicht in allen Punkten wirklich von Belang ist. Solche Lehrer werden sich beim Gruppenunterricht kaum wohl fühlen." (ebd., S.498)
  • Im Übrigen verlangt die Unterrichtsmethode, dass der Lehrer "einen Teil der Autorität, mit der er die Abläufe im Klassenzimmer bestimmt", aufgibt. (ebd., S.498)

Dessen ungeachtet gibt es aber auch Gründe, die für ein stärkeres Einbringen von Lehreraktivitäten in den Gruppenarbeitsprozess sprechen können. (→Unter welchen Umständen sollte die Lehrkraft in den Gruppenarbeitsprozess eingreifen?)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

vgl. auch:

      
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