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Württemberg zur Zeit Carl Eugens

Der 35. Geburtstag Carl Eugens

Albert Pfister (1907)

 
 
Der Geburtstag des Herzogs fiel auf den 11. Februar ; er sollte im Jahr 1763 besonders feierlich begangen werden. Der Berichterstatter [Joseph Uriot, d. Verf.] beginnt mit den Worten: "Die Feierlichkeiten, welche Se. regierende Herzogl. Durchl. zu Württemberg zu veranstalten pflegen, sind so prächtig, dass sie dem Kühnsten die Hoffnung benehmen, sie gut zu beschreiben."  - Der erste Tag, der Geburtstag selbst am 11. Febr. 1763, brachte Parade und Oper in Stuttgart. An hohen Gästen waren erschienen: die Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, von Fürstenberg, von Thurn und Taxis, drei Prinzen von Schwarzenberg, die Grafen von Ottingen-Wallerstein, von Montfort und Fugger. Gesandte zur Beglückwünschung waren empfangen worden von Bayreuth, von Ansbach, von Baden-Baden und Baden-Durlach.
Bei Tisch saßen 100 Personen an der ersten Tafel, 200 an der zweiten. "Pracht, Niedlichkeit, Überfluss herrschten gleich stark an diesen Tafeln. Man muss aber die erste gesehen haben, um sich einen rechten Begriff davon machen zu können. Niemals hat man etwas Kostbareres und Prächtigeres gefunden. Die großen Haus- und Hofbeamten, alle mit den Zeichen ihrer Würde gezieret, beobachteten in der zeremonieusen Verrichtung ihrer Ämter eine solch erhabene Ordnung und einen solchen Anstand, dass selbst Personen, welche die größesten Monarchen hatten speisen sehen, in Erstaunen darüber gerieten." - "Das Volk, dessen Glück von dem Wohl eines Souveräns abhängt, hatte sich im Schlosshof versammelt und ließ sein Freudengeschrei hören, als Se. Herzogl. Durchl. befahlen, dass man ihm eine beträchtliche Summe auswerfen solle. Hierauf wurde ihm eine Menge gebratenen Fleisches preisgegeben, wobei zwei Springbrunnen von Wein ohne Aufhören flossen."
Zweiter Tag: Maskenball und Redoute. An den nächsten Tagen folgten französische Komödie und die Ballette: Pfyche und der Tod des Herkules; darauf Oper und Ball. Der siebente Tag endlich führte zum "Festin in Ludwigsburg" "Gegen sechs Uhr des Abends fuhr der ganze Hof in mehr als sechzig Wagen nach Ludwigsburg." - "Die Karossen hielten vor der mittleren Pforte der Orangerie. Se. Durchl. bewillkommneten daselbst die fürstlichen und fremden Standespersonen, welche sein Geburtstag herangezogen hatte. Er führte sie und den gesamten Adel des Hofs durch die verschiedenen Alleen der Orangerie hindurch."
Beinahe eine Million Lampen sollen das fast tausend Fuß lange, mit blauem Tuch überspannte, außen durch Zimmerwerk verkleidete, wohl geheizte, mit Seen und Springbrunnen versehene Treibhaus erleuchtet haben, das vor dem südlichen Flügel des Schlosses errichtet war. "Die Orangen- und Zitronenbäume machen hohe gewölbte Gänge, unter welchen Se. Herz. Durchl. mit Ihrem Hofstaat ordentlicher Weise spazieren gehen." - Allein das war nur die Einleitung zum Fest. Der Herzog führte seine Gäste weiter dem Schlosse zu und fand sich plötzlich von Wolken umgeben. Ein Wink des Fürsten und sie teilten sich; der Gipfel des Olymp mit den Göttern wurde sichtbar. Jupiter gab den Befehl, dass die Elemente und die Jahreszeiten sich versammeln, dass der "Palast der Pracht" sich erhebe beim Annblick des Sterblichen, der zum Glück seiner Untertanen heute der Welt geschenkt worden.
So geschah es; auch die letzte Wolke verschwand und der "Palast der Pracht" zeigte sich den Staunenden. - Der mittlere Schlosshof war durch riesige Bauten überwölbt; in der Mitte stand der Olymp, von goldenen Säulen eingefasst; außerhalb derselben hatten die vier Elemente und die vier Jahreszeiten ihren Sitz; in dem Weinberg besonders, der den Herbst darstellte, teilten die Winzerinnen die köstlichsten Trauben aus. Wohl 200.000 Kerzen und Lampen erhellten den glänzenden Raum.
Jetzt fingen die Götter an italienisch zu singen und der Herzog setzte sich mit seinen Gästen zur Tafel. Da erhob sich mitten in der Tafel, durch eine Maschine emporgetragen, Venus mit 16 Liebesgöttern, welche den 16 Damen an der Tafel des Herzogs Blumensträuße überreichten, wahre Kunstwerke aus der Porzellanfabrik. Nun rief Venus ihrem Sohne und dieser schoss einen Pfeil wider die Mauer des Palastes der Pracht. Da teilte sich das Mauerwerk und ein Schauspielsaal wurde sichtbar. Die entzückten Damen liefen herzu, um das Schauspiel zu sehen, und fanden neue Geschenke, "welche die Galanterie und der Pracht vor sie bereitet hatte". Auf der Bühne fing das Schäferspiel an: Der Tag des Liebesgottes. "Die Szene eröffnete sich mit einem galanten Ballett, in welchem Herr Noverre alles, was die aufgeheitertste Einbildungskraft durch Tänzer vorstellen kann, vereinigt hatte." - "Die jüngere, 15-16 Jahre alte Jungfer Toscani erschiene hier zum ersten Mal." - "Das Schäferspiel, dessen Ort die Insel Zypern ist, hat jene edle Einfalt, mit welcher sich die Hirtengedichte Vergils bezeichnen. Der Text ist von Herrn von Tagliazucci."
Drauf begab sich die erlesene Gesellschaft auf den nördlichen Balkon des Corps de logis, um das Feuerwerk abbrennen zu sehen, "das der Generalmajor und Kommandant des Artilleriebataillons Freiherr v. Leger, unter der Aufsicht der Herren Offiziere seines Corps, hatte verfertigen lassen." Der Gott Vulkan überreichte der Fürstin von Hohenzollern eine Lunte, mit der sie einen Drachen ansteckte und damit das Zeichen zum Anfang gab.
Zwischen Corps de logis und Favoriteschloss war das Feuerwerk in neun Linien vorbereitet. Über die ganze Dauer dieser Belustigung ließ sich eine Batterie von 30 Kanonen hören und 30 Mörser warfen Luftkugeln. - Die erste Linie enthielt lauter Neuheiten, "die Herr Genovini, besoldeter Feuerwerker des Königs von Frankreich, erfunden." Eine Herzogskrone, von vier Kunstfeuern umgeben, kam zum Vorschein. Die zweite Linie brachte 24 Capricen von weißem Feuer; dem schlossen sich an: Feuerspringbrunnen, Pfauenschwänze, Windmühlen, 24 Sonnen, 13 Arkaden, 21 Pyramiden, 20 Tarusbäume, 120 Bienenschwärme u. a. Im ganzen wurden 14.000 Raketen verwendet. Das Auffliegen eines Kastens mit 6.000 Raketen machte den Schluss.
Es war drei Uhr in der Frühe geworden und man fuhr nach Stuttgart zurück.
Der achte Tag des Geburtstagsfestes brachte das Schauspiel Zaire; der neunte das Jagdfest bei Degerloch. -  Schon im Jahr 1762 hatte der Herzog bei Degerloch einen See herstellen lassen, 700 Fuß lang und 300 breit. Die umliegenden Ämter mussten 360 Karren stellen und als Arbeiter in erster Linie die beurlaubten Soldaten. Aus den Regimentern nahm man Handwerker. So entstand der See durch die Arbeit mehrerer Monate; auf der einen Seite war das Wasser von einer Galerie mit Logen und Pavillons umgeben, auf der andern stieß es an den Wald. Für das Fest am 20. Februar 1763 war der See mit allem Zubehör wieder instandgesetzt.
Das für das Lustjagen bestimmte Wild musste durch die Forstämter lebend gefangen, nach Degerloch geliefert und in Behältnisse in dem Wald am See untergebracht werden; im ganzen 5.218 Stück, darunter 121 starke und geringe Hirsche, 30 Damhirsche, 150 Spießer, 61 Hauptschweine, 180 zweijährige Schweine und Bachen, 36 Dachse, 207 Füchse, 3.000 Hasen, 197 Fasanen, 530 Feldhühner, 209 Enten usw. Die "Repartition des in den Herz. Oberforstämtern zu fangenden Wildbrets" ergibt z. B. für Waldenbuch: 35 Hirsche, 40 Sauen, 20 Rehböcke, 40 Füchse, 10 Dachse, 500 Hasen, 50 Feldhühner. Alles lebendig abzuliefern und in Käfige zu sperren.
"Gegen zehn Uhr vormittags fuhr der Hof von Stuttgart ab und erblickte bei seiner Ankunft ein Schauspiel, welches ein Nachbild jener berufenen römischen Amphitheater genennet werden kann. Pauken und Trompeten schalleten unaufhörlich durch die Luft. - In den Pavillons wurde indessen das Frühstück aufgetragen. "Weine von allerhand und den besten Gattungen waren im Überfluss zugegen und die Ergötzlichkeit der Mahlzeit befeuerte die Hofleute noch mehr zu der Jagdlust." - Jetzt gab der Herzog das Zeichen; auf sieben schön gezierten Gondeln fuhren die Jagdoffiziere und Jäger über den See. Sie landeten, verschwanden im Wald, öffneten die Behälter und trieben aus ihnen das Wild dem See zu. Hier staute sich die Masse; ein Teil suchte zu entfliehen, andere stürzten in den See. Die Jagdgäste aber standen bequem in ihren Pavillons, ließen sich immer neue Büchsen reichen und richteten ein entsetzliches Blutbad an. Den Jagdtag schloss ein Konzert.
Die nächsten Tage brachten Ball, Oper, Redoute. Am dreizehnten Tag der Festfolge, Mittwoch den 23. Febr. wurde ein besonders beliebtes Schäferspiel, der Triumph der Liebe und das Ballett Armide gegeben. "Es ist dies eines der vollkommensten, so Herr Noverre verfertigt. Man muss bekennen, bisher der Tanzkunst eine solche Kraft niemals zugetrauet zu haben. Das beständige Händeklatschen, welches sich bei diesem Schauspiel mit so großem Recht hören ließ, wurde durch die Musik ebenso wohl als durch die Tänze erreget. - Vestris der Ältere selbst trat auf. "Jungfer Nency erfüllete vollkommen den Begriff, den man sich von der Armide macht, und an der Jungfer Salomoni, so die Rolle der Wollust hatte, bewunderte man eine Gesichtsbildung und Annehmlichkeiten, die bei dieser Gattung von Charaktern mehr Eindruck machen als die größten Talenten."
Der Taumel näherte sich seinem Ende; am vierzehnten und letzten Tag der Geburtstagsfeier für das Jahr 1763 fand Karussell statt. Diese Karussels erscheinen keineswegs nur als Polonaisen, zu Pferd ausgeführt, sie erinnern vielmehr immer noch an einen Nachklang der Turniere. Jeder einzelne Ritter hat seine Geschicklichkeit in Führung der Lanze, des Degens und im Werfen des Speeres zu erproben.

(aus: A. Pfister, Hof und Hoffeste 1907, S.104-108)

(in der Rechtschreibung an die derzeit geltenden Regeln angepasst; Hervorhebungen im Fettdruck d. Verf.]

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Stellen Sie in einer Übersicht die Festfolge des Jahres 1763 zusammen.

  2. Der Text von Pfister enthält längere Zitate aus der offiziellen Festbeschreibung.

    • Arbeiten Sie heraus, mit welcher Intention Uriot die Festbeschreibung verfasst.

    • Wie steht Pfister zu den Veranstaltungen

  3. Erläutern Sie Inhalt und Funktion der Festveranstaltungen Carl Eugens. (→Geburtstagsfeste des Herzogs)
     

     
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