Auch in der •
sozialen
Welt des Adels galten im Grunde die gleichen christlichen Normen wie anderswo.
Dennoch wurden die adeligen Männer durch andere Gesetze
bevorzugt, die sie beim ▪
vorehelichen Verkehr von den
Risiken weitgehend befreiten, denen sich die Frauen immer
ausgesetzt sahen.
Lange wehrten sich
die adeligen Männer gegen die ▪
Sakramentalisierung und Klerikalisierung der Ehe und ihren Anspruch, die traditionelle
▪ Laienehe abzulösen. Vor
allem bekämpften sie Verwandtschaftsverbote und das Konzept der
Unauflöslichkeit der Ehe, das ihnen untersagte, unter bestimmten
Umständen ihre Ehefrau zu verstoßen. Am Ende eines lang anhaltenden
Prozesses mussten sie jedoch einlenken.
So erscheint es
fast wie eine Kompensation für den Verlust dieser "Freiheiten", die
ihnen die traditionelle Laienehe gewährt hatte, dass sich die
adelige Männerwelt, was den •
Ehebruch und den außerehelichen
Geschlechtsverkehr anbelangte, eigene "Gesetze" gab. So
war in Adelskreisen, was bei bürgerlichen
Personen, wenn es herauskam, bestraft wurde, kein Problem.
Hochadeligen Männern war es so ohne weiteres möglich,
innerhalb ihres adeligen Haushalts Geliebte als
Mätressen zu »halten«." (Gestrich 2003,
S.458)
Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, berief
man sich in zeitgenössischen Rechtsgutachten darauf, dass diese Form
adeligen ▪ Ehebruchs nicht
unter die irdische, staatliche Gerichtsbarkeit falle, sondern nur
vor Gott verantwortet werden müsse.
So konnten die
hohen Adeligen zu ihren »Mätressen oft "ein engeres und
vertraulicheres Verhältnis" (ebd.)
aufbauen als zu ihren Ehefrauen.

Alice Perrers
(1342-1400), die Mätresse des englischen Königs
Eduard
III. (1312-1377), war die erste Geliebte eines englischen
Königs, die aus ihrer Stellung als Mätresse an seiner Seite einen
außerordentlich großen Einfluss auf die Geschicke des Landes nehmen
konnte. Während ihrer einflussreichen Zeit konnte sie großen
Landbesitz anhäufen, musste aber dann erleben, dass nach dem Tod des
Königs das so genannte
Gute Parlament (Good Parliament), das Eröffnungsparlament der
Regierungszeit von
Richard II. (1367-1400), und die Nachfolgeregierung gegen sie
vorging.
In den frühen
1370er Jahren machte sie sich Gedanken, wie es mit ihr nach dem
möglichen Tod des dreißig Jahre älteren und kränklichen Königs
weitergehen würde. Da sie sich bis dahin durch ihre kompromisslose
Art, ihre Günstlingswirtschaft und ihren "Geschäftssinn" schon
zahlreiche Feinde gemacht hatte, ging es ihre darum, die Weichen für
ihre Zukunft zu stellen, wenn der König nicht mehr seine schützende
Hand über seine Geliebte würde halten können. "Der König war alt und
sie war sich sehr bewusst, dass sie ohne seinen Schutz
wahrscheinlich zu den Wölfen geworfen werden würde. In diesem Sinne
schloss sie eine geheime Ehe mit William Windsor und überredete den
König, Windsor zu seinem Leutnant in Irland zu ernennen, trotz
seiner Vorgeschichte früherer Misswirtschaftung desselben Landes."
(vgl.
Connolly 2015, Übersetzung Google)
Noch in den letzten
Lebensjahren war ihr immer wieder vorgeworfen worden, den kranken
König zu ihrer eigenen Bereicherung schamlos ausgenutzt zu haben,
Gelder aus der königlichen Kasse entwendet zu haben. Zudem
verbreitete sich das in der Nachbetrachtung wenig überzeugende
Gerücht, dass sie sich sogar den Schmuck der verstorbenen
Königin Philippa angeeignet habe. (vgl.
ebd.)
Sie beschuldigten
sie, Gerichtsentscheidungen beeinflusst und bei der Ämtervergabe
eigene Günstlinge durchgesetzt zu haben. Zudem klagte man sie des
Ehebruchs an, weil sie während ihrer Zeit als Mätresse des Königs
ihre Ehe mit William de Windsor (1322-1384), verheimlicht hatte.
In den Augen ihrer
Gegner war dies aus zwei Gründen besonders gravierend. Zum einen
wurde der König damit, ohne es zu wissen, in eine ehebruchähnliche
Position gebracht. Zum anderen hatte »Alice
Perrers (1342-1400) ihren rechtlichen Status als vermeintlich
unverheiratete Frau ("sole femme"), dafür genutzt, um eigenständig
Immobilien- und Finanzgeschäfte abzuwickeln, was in der
patriarchalischen Gesellschaft der Zeit, in der die Ehefrau der
Vormundschaft ihres Ehemanns unterworfen war,
1377 wurde sie vor
Gericht gestellt, noch vor dem Tod des Königs, aus England verbannt
und ihres Besitzes beraubt. Die königliche Finanzverwaltung
konfiszierte systematisch Grundstücke, Wertsachen und Schmuck, die
sie nicht nur als Geschenke des Königs erhalten hatte, sondern
selbst, auf welche Weise auch immer, jedenfalls mit ihrem eigenen
Geschäftssinn, erworben hat. (vgl.
Bothwell 1998)
Allerdings gab es trotzdem noch Gerüchte über geheime Schmuck- und
Bargeldvorräte, die durch das Verwaltungsnetz gerutscht waren. (vgl.
Tompkins 2019)
Und man ging sogar soweit zu behaupten, Alice habe dem König
an seinem Ende noch die Ringe von den Fingern genommen, auch wenn
sie nie wegen einer solchen Straftat angeklagt wurde. (vgl.
Connolly 2015)
Nach dem Tod des Königs wurde ihr Verbannungsurteil erneut
bestätigt, das aber 1379 auf Wunsch ihres Mannes aufgehoben wurde.
Später konnte »Alice
Perrers (1342-1400) zurückkehren und einen Teil ihres Eigentums
zurückgewinnen, musste darum aber jahrelang prozessieren.
Als sie 1400 starb, war sie jedenfalls noch immer wohlhabend,
selbst wenn sie wegen ihres Besitzes ihr restliches Leben mit
Rechtsstreitigkeiten verbrachte.
•
Sexualleben in der
frühen Neuzeit
▪
Christliche
Sexualmoral, Sexualstrafrecht und Policey-Ordnungen in der
frühen Neuzeit
▪
Umgang mit
Sexualdelikten •
Ehebruch
[
▪
Ständische Sonderregelungen für den Adel
(Mätressentum) ▪
Überblick ▪
Die Interessen der
Fürsten am Mätressenwesen
▪ Freiwilligkeit
oder sexualisierte Gewalt? Die Motive der Mätressen
►
Alice Perrers, Mätresse des englischen
Königs Eduard III. (1312-1377) ◄
▪ Anna Constantia
Gräfin von Cosel, Mätresse Augusts des Starken (1670-1733)
▪
Madame de Pompadour als offizielle Mätresse von Ludwig XV.
▪ Die Mätressen der
Herzöge von Württemberg
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