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Spartakusbund

Oktoberprogramm

Oktober 1918


A Resolution über die weltpolitische Lage

I

Der Zusammenbruch des deutschen Imperialismus kennzeichnet den Bankrott der deutschen Weltpolitik seit 1890.

Die deutsche Weltpolitik war der Ausdruck der inneren ökonomischen und politischen Struktur Deutschlands, wie sie sich nach der Niederwerfung der deutschen Revolution von 1848 und der Schaffung des Deutschen Reiches als Bundesstaat der deutschen Fürsten durch preußische Bajonette konsolidiert hatte. Die Grundlage der deutschen Reaktion war die Allianz zwischen Fürsten und Junkertum mit dem Finanzkapital, die in den Hochschutzzöllen und der Schlagkraft des deutschen Militarismus das Element verbindenden gemeinsamen Interesses fand.

Die Zertrümmerung des deutschen Imperialismus hat die deutsche Verfassung und die deutsche Wirtschaftsorganisation aufs tiefste erschüttert und schafft dadurch eine revolutionäre Situation, die alle Probleme neu entrollt, die die deutsche Bourgeoisie in der Revolution von 1848 nicht zu lösen fähig war.

II

Der Sieg der Entente bedeutet den Sieg des anglo-amerikanischen Weltkapitalismus. Indem Wilson die Völkerbundsidee zum Mittelpunkt seines Friedensprogramms macht, verlangt er die Einordnung des deutschen nationalen Kapitals in das weltkapitalistische System der Entente. Der "Völkerbund" ist die Organisation der Herrschaft der Weltbourgeoisie zum Zwecke der "gerechten" Verteilung des Weltprofits.

III

In dieser weltpolitischen Situation ist in die Hände des deutschen Proletariats die Entscheidung darüber gelegt, ob die proletarische Revolution, die in Russland ihren Anfang nahm, durch die Machtentfaltung der Weltbourgeoisie erdrosselt werden soll. Seine Stellung kann deshalb nicht zweifelhaft sein: Das deutsche Proletariat proklamiert unter Anknüpfung an das revolutionäre Programm der kommunistischen Partei von 1848 die deutsche sozialistische Republik, die mit der russischen Sowjetrepublik solidarisch ist, zur Entfesselung des Kampfes des Proletariats der Welt gegen die Bourgeoisie der Welt - der proletarischen Diktatur gegen den kapitalistischen Völkerbund.

B Aufruf an die Bevölkerung

Wir sind in die letzte Periode des Krieges eingetreten. Nach 50 Monaten zeigt sich sein Werk so, wie es nach unserer Auffassung sein musste: Auf der einen Seite die Masse derjenigen, die diese lange Zeit in den Schützengräben vertierten, Leib und Leben, ihr Blut und ihre Gesundheit opferten, um das "Vaterland" zu verteidigen, dieweil der Krieg selbst das wenige, was sie vom Vaterlande hatten, ihre Familien, ihre wirtschaftliche Existenz vernichtete; auf der anderen Seite die Schar derer, die zu Hause in Behaglichkeit sitzen, die Konjunktur des Krieges ausnutzen, um den Proletariern an der Front und deren Klassengenossen zu Hause in Kriegslieferungen, mit Lebensmittelwucher das Geld aus der Tasche zu stehlen.

Dieses Resultat des Krieges hat in allen Ländern der Welt nicht nur die objektiven Grundlagen der Revolution verstärkt, sondern den Zeitpunkt des unmittelbaren Beginnens der Revolution herangeführt.

Für Deutschland kommt ein Besonderes hinzu.

Dieser Krieg, mit der frechsten Lüge der Weltgeschichte - der vom schmählichen Überfall - begonnen, stellt endlich, nach vierjähriger Häufung von Lüge auf Lüge, das deutsche Proletariat vor die nackte Tatsache, dass Deutschlands Imperialismus politisch und militärisch vernichtend geschlagen ist.

Das Übermaß dieses Leidens und der schimpfliche Missbrauch mit der Gutgläubigkeit der Proletarier hat aber in Deutschland bereits über den Zeitpunkt des Beginns revolutionärer Kämpfe hinausgeführt.

Sie haben in der Armee begonnen. Massenweise Desertionen, unzählige Scharen von Urlaubern, die mit großer Verspätung oder überhaupt nicht an die Front zurückkehren, bataillons- und divisionsweises Überlaufen beweisen, dass die Soldaten begonnen haben, ihr Joch abzuwerfen, dass die Armee, das wichtigste Werkzeug der Reaktion, zerbricht.

Diese erste Regung der Revolution findet aber schon die Konterrevolution auf ihrem Posten. Mit der Einräumung scheinbarer Rechte sucht sie, da die Gewaltmittel versagen, die Bewegung einzudämmen. Parlamentarisierung und preußisches Wahlrecht sollen das Proletariat geneigt machen, weiter zu dulden und so, wenn schon der Raubzug nach außen missglückt ist, der Bourgeoisie die Früchte des Diebstahls am eigenen Volke sichern und die schwankenden Throne Wilhelms II. und der übrigen souveränen Herren Deutschlands stützen.

In diesem Bestreben haben sie die freundliche Unterstützung jener Sozialisten gefunden, deren Geschäft es seit dem 4. August 1914 ist, das Vertrauen, das sie aus Friedenszeiten her in den Volksmassen besaßen, der Junker- und Kapitalistenbande zur Verfügung zu stellen, damit sie um so unbesorgter das Volk belügen und bestehlen können. Sie, die am 4. August 1914 erklärten, das sie das "Vaterland" - will heißen das Vaterland der Kapitalisten und Junker - gegenüber dem äußeren Feinde nicht im Stich lassen, lassen es auch gegenüber dem Andrängen der Proletariermassen nicht im Stich. In der Person Scheidemanns und Bauers haben sie ihre Agenten in die Regierung entsandt, um dort unter Führung des Prinzen Max von Baden den Fürsten ihren Thron und den Kapitalisten ihre Kassenschränke zu retten.

Darüber hinaus aber und gemeinsam mit ihren Klassengenossen in den "feindlichen" Ländern, die ja in einer ähnlichen Gefahr sich befinden, versuchen die deutschen Kapitalisten und Junker ein neues Lügengewebe um das Proletariat zu stricken. Sie, die Wilhelm II., Poincaré, Lloyd George, Wilson und alle anderen kleineren Götter, die vier Jahre lang ihre Völker abschlachten ließen, verwandeln sich auf einmal in die Hohenpriester eines 'Völkerbundes. Der Sinn der Heuchelei ist klar: Geschwächt an Kapital und Kanonenfutter, wie die imperialistischen Staaten aus diesem Kriege hervorgehen, sind sie auf eine Reihe von Jahren nicht imstande, Kriege zu führen, und haben nur eines zu fürchten: dass der Proletarier selbst den Willen zeige, mit eigener Tat die Quelle künftiger Kriege zu verstopfen. Um diesen Willen und diese Energie einzuschläfern, erfindet man den "Völkerbund", in dem sich in Wirklichkeit nur die Mörder dieses Krieges verbinden und der nichts anderes ist als die Heilige Allianz von vor hundert Jahren, in der sich gleichfalls die Monarchen verbanden, um den Frieden zu sichern mit dem Erfolge, dass das 19. Jahrhundert mit Blut getränkt war wie keines zuvor.

In Anbetracht dieser Lage überhaupt und in Deutschland im besonderen ergeben sich für das deutsche Proletariat folgende Aufgaben:

Nachdem die Soldaten an der Front unter soviel schwierigen Umständen - dem Druck der Kriegsjahre - den revolutionären Kampf begonnen haben, ist es Pflicht der Massen zu Hause, den Brüdern an der Front nicht nur nicht in den Rücken zu fallen, sondern mit aller Macht den Kampf zu unterstützen und aufzunehmen. Es hat dies um so mehr zu geschehen, als es von den parlamentarischen Vertretern der Arbeiterschaft, nach deren Haltung gegenüber dem Matrosenstreik im vorigen Jahre und nach deren Haltung in der jetzigen Situation, in der sie für Parlamentarismus, Völkerbund und preußisches Wahlrecht schwärmen und sich so zu - wenn auch unfreiwilligen -Förderern der Reaktion machen, nichts zu erwarten hat.

Unbekümmert um Gesetze und Verordnungen der kommandierenden Generale muss das Proletariat mit allen Mitteln verlangen:

  1. Unverzügliche Freilassung all derer, die für die Sache des Proletariats in den Gefängnissen und Zuchthäusern, sei es in Schutzhaft oder in Strafhaft, schmachten; Befreiung aller Soldaten, die wegen militärischer und politischer Verbrechen verurteilt sind; Entlassung aller Soldaten, die aus politischen Gründen eingezogen sind oder im Heer zurückgehalten werden; Aufhebung aller Beschränkungen, die aus politischen Gründen über Soldaten verhängt wurden.

  2. Sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes.

  3. Sofortige Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.

Darüber hinaus hat das Proletariat zu fordern:

  1. Annullierung sämtlicher Kriegsanleihen ohne jede Entschädigung.

  2. Enteignung des gesamten Bankkapitals, der Bergwerke und Hütten, wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit, Festsetzung von Mindestlöhnen.

  3. Enteignung alles Groß- und Mittelgrundbesitzes, Übergabe der Leitung der Produktion an Delegierte der Landarbeiter und Kleinbauern.

  4. Durchgreifende Umgestaltung des Heerwesens, nämlich:

    1. Verleihung des Vereins- und Versammlungsrechtes an die Soldaten in dienstlichen und außerdienstlichen Angelegenheiten.

    2. Aufhebung des Disziplinarstrafrechtes der Vorgesetzten; die Disziplin wird durch Soldatendelegierte aufrechterhalten.

    3. Aufhebung der Kriegsgerichte.

    4. Entfernung von Vorgesetzten auf Mehrheitsbeschluss der ihnen Untergebenen hin.

  5. Abschaffung der Todes- und Zuchthausstrafe für politische und militärische Vergehen.

  6. Übergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter.

  7. Abschaffung der Einzelstaaten und Dynastien.

Proletarier, die Erreichung dieser Ziele bedeutet noch nicht die Erreichung eures Zieles, sie sind der Prüfstein dafür, ob die Demokratisierung, die die herrschenden Klassen und deren Agenten euch vorflunkern, echt ist. Der Kampf um die wirkliche Demokratisierung geht nicht um Parlament, Wahlrecht oder Abgeordnetenminister und anderen Schwindel; er gilt den realen Grundlagen aller Feinde des Volkes: Besitz an Grund und Boden und Kapital, Herrschaft über die bewaffnete Macht und über die Justiz.

Das alte Gebäude der Kapitalistenherrschaft ist morsch geworden.

Proletarier! Nach 50 Monaten des Leidens ist jetzt eure Stunde gekommen. Zeigt euch ihrer würdig! Seht auf eure Brüder in Russland! Seht auf eure Brüder an der Front!

Den Frieden und mit ihm das Brot, das euch die Besitzenden nicht geben können, müsst ihr selbst jetzt holen; für euch, für eure Kinder, für eure Brüder auf der ganzen Welt!

Es lebe die soziale Revolution!

Es lebe der Frieden der Völker!

Nieder die Regierung!

Tod dem Kapitalismus!


Die Gruppe Internationale (Spartakus-Gruppe)

Die Linksradikalen Deutschlands

(aus: Welt-Revolution (Moskau), Nr. 55 vom 24. Oktober 1918.

(in: Berthold, L. und Diehl, E. (Hrg.): Revolutionäre deutsche Parteiprogramme, Berlin 1967, S. 101 - 106, zit. n. Marxistische Bibliothek, 10.07.07)

 

  

   Arbeitsanregungen:
  1. Das Oktoberprogramm des Spartakusbundes besteht aus zwei Teilen. Erläutern Sie die Funktion der beiden Teile.

  2. Arbeiten Sie heraus, welche kurz-, mittel- und langfristigen Ziele im "Oktoberprogramm" enthalten sind.

  3. Welche Rolle spielt der Krieg in der Argumentation der Verfasser?

  4. Welche Vorstellungen über das künftige politische und gesellschaftliche System des Deutschen Reiches sind dem Programm zu entnehmen?

  5. Stellen Sie in einem kurzen Rollenspiel dar, wie sich ein einfacher Soldat, ein Arbeiter, ein bürgerlicher Konservativer und ein Kaisertreuer über dieses Programm streiten.
     

               
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