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Ein Krieg, der 30 Jahre währt, hat viele Wirklichkeiten.
Nicht überall war Krieg. Viele Landstriche hat er ganz verschont, sie
standen sogar in Blüte und verdienten noch am Krieg. Auch war der Krieg
nicht überall gleichzeitig, und auch in stark heimgesuchten Regionen gab
es ruhige Perioden und lange Erholungspausen. Und auch die kriegerischen
Truppen agierten nicht überall gleich entfesselt gegenüber der schutzlos
ausgelieferten Landbevölkerung. Offiziere, die ihre Truppen in Zucht
hielten, ließen die schlimmsten Peiniger unter ihren Soldaten, die auch
Pfarrer nicht verschonten, kurzerhand aufhängen oder aber ließen von den
Soldaten ins Lager entführte junge Mädchen aus angesehenem Hause "ohne
alle Entgelt und mit Ehren ihren lieben Eltern" zurückbringen. Andere
Truppen tobten wie wahre Teufel, und oft genug waren die vermeintlichen
Freunde die schlimmsten Feinde. [...] Die Wirklichkeit des Großen Krieges
hatte viele Gesichter, doch der Grundtenor war die immerwährende Angst,
waren Ohnmacht und Hilflosigkeit. [...]
Alltag im Dreißigjährigen Krieg - das waren schier unvorstellbare Extreme
vom glaubhaft bezeugten Kannibalismus in ausgehungerten belagerten Städten
und festen Plätzen bis hin zu Luxusverordnungen über die "grausame pracht
in der kleydung, die der gestalt gestiegen, dass es nicht mehr zu dulden
war", vom unglaublichen Reichtum an Silber und Geschmeide, das auch am
Ende des Krieges sich noch in Bürgerhäusern fand, bis hin zu Hungersnöten,
in denen "ein acker [...] umb ein leyb brot hingegeben". [...]
Die Landbevölkerung, die der peinigenden Drangsal der Soldaten ungleich
stärker ausgesetzt war als die Stadtbevölkerung hinter dem Schutz ihrer
oft unbezwingbaren Mauern, suchte bei drohendem Soldateneinfall zunächst
nur das nackte Leben, das des Viehs und das nötigste Hab und Gut zu
retten. Die Flucht in nahe gelegene Wälder, Weinberge und Moore war oft
eine allnächtlich, ja monatelang ausgeübte Überlebenspraxis. Zogen große
Truppenteile vorbei, empfahl es sich, in den nächsten festen Platz, sei es
ein Kloster, eine Wehrkirche oder der grundherrliche Burghof, oder aber in
die nächst gelegene größere Stadt zu fliehen. Nicht überall waren die
Flüchtlinge willkommen und angesichts ihrer großen Zahl erschienen die
Verhältnisse oft unerträglich. [...] In den Städten war auf christliche
Nächstenliebe allein nicht zu zählen. Hier bestand Meldepflicht für die
Flüchtlinge und Schutzgelder waren für "weib, kinder, roß und vieh" zu
zahlen. War die Stadt zu stark überlaufen, forderte der Rat die
Landbevölkerung unter Androhung von Strafgeldern zur Heimkehr auf. [...]
Das Bewusstsein ständig möglicher Bedrohung durch Hunger, Krieg und Pest
hat die Menschen während des Krieges zutiefst verunsichert und die Angst
zu ihrem ständigen Begleiter gemacht. Eines der wesentlichen Kriterien des
Alltagslebens dieser Zeit ist das Nebeneinander von Angst und Furcht auf
der einen und der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit auf der anderen
Seite. [...] Das elementare Geworfensein in Lebensbedingungen, deren
kausale Verknüpfung nicht durchschaubar war und die zu ändern man kaum
Möglichkeiten sah, haben zahlreiche Einzelstränge des Alltags nachhaltig
bestimmt. Sphären möglicher Sicherheit konnte der Einzelne sich nicht
alleine schaffen; er war immer auf die Mithilfe anderer angewiesen, sei es
in der Familie und Nachbarschaft, in Zunft und Gilde, in Gemeinden und
Kommunen. [...]
Zweifellos spielten Glaubensvorstellungen, die mit der christlichen
Religion nur teilweise in Einklang standen, nicht nur in den unteren,
ungebildeten Bevölkerungsgruppen eine wichtige Rolle. [...]
Dennoch darf man als sicher annehmen, dass gerade die "kleinen Leute" sich
in die göttliche Ordnung eingebunden sahen und ihr Dasein der höheren
Verantwortlichkeit vor Gott unterworfen wussten. Und dort, wo die Hilfe
Gottes gegen die Geißeln Hunger, Krieg und Pest und andere Fährnisse des
Lebens weder durch Gebet noch durch Gelübde, weder durch Votivgaben noch
durch Wallfahrten zu erreichen war, da war das unabwendbare Schicksal
gottgegebenes. (aus: Ruth. E. Mohrmann, Alltag in Krieg und
Frieden, in:
Bußmann/Schilling (Hg.) o.J. (1998), S.319ff., gekürzt)
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