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Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Alltag in Krieg und Frieden

Ruth E. Mohrmann (1998)


 

Ein Krieg, der 30 Jahre währt, hat viele Wirklichkeiten. Nicht überall war Krieg. Viele Landstriche hat er ganz verschont, sie standen sogar in Blüte und verdienten noch am Krieg. Auch war der Krieg nicht überall gleichzeitig, und auch in stark heimgesuchten Regionen gab es ruhige Perioden und lange Erholungspausen. Und auch die kriegerischen Truppen agierten nicht überall gleich entfesselt gegenüber der schutzlos ausgelieferten Landbevölkerung. Offiziere, die ihre Truppen in Zucht hielten, ließen die schlimmsten Peiniger unter ihren Soldaten, die auch Pfarrer nicht verschonten, kurzerhand aufhängen oder aber ließen von den Soldaten ins Lager entführte junge Mädchen aus angesehenem Hause "ohne alle Entgelt und mit Ehren ihren lieben Eltern" zurückbringen. Andere Truppen tobten wie wahre Teufel, und oft genug waren die vermeintlichen Freunde die schlimmsten Feinde. [...] Die Wirklichkeit des Großen Krieges hatte viele Gesichter, doch der Grundtenor war die immerwährende Angst, waren Ohnmacht und Hilflosigkeit. [...]
Alltag im Dreißigjährigen Krieg - das waren schier unvorstellbare Extreme vom glaubhaft bezeugten Kannibalismus in ausgehungerten belagerten Städten und festen Plätzen bis hin zu Luxusverordnungen über die "grausame pracht in der kleydung, die der gestalt gestiegen, dass es nicht mehr zu dulden war", vom unglaublichen Reichtum an Silber und Geschmeide, das auch am Ende des Krieges sich noch in Bürgerhäusern fand, bis hin zu Hungersnöten, in denen "ein acker [...] umb ein leyb brot hingegeben". [...]
Die Landbevölkerung, die der peinigenden Drangsal der Soldaten ungleich stärker ausgesetzt war als die Stadtbevölkerung hinter dem Schutz ihrer oft unbezwingbaren Mauern, suchte bei drohendem Soldateneinfall zunächst nur das nackte Leben, das des Viehs und das nötigste Hab und Gut zu retten. Die Flucht in nahe gelegene Wälder, Weinberge und Moore war oft eine allnächtlich, ja monatelang ausgeübte Überlebenspraxis. Zogen große Truppenteile vorbei, empfahl es sich, in den nächsten festen Platz, sei es ein Kloster, eine Wehrkirche oder der grundherrliche Burghof, oder aber in die nächst gelegene größere Stadt zu fliehen. Nicht überall waren die Flüchtlinge willkommen und angesichts ihrer großen Zahl erschienen die Verhältnisse oft unerträglich. [...] In den Städten war auf christliche Nächstenliebe allein nicht zu zählen. Hier bestand Meldepflicht für die Flüchtlinge und Schutzgelder waren für "weib, kinder, roß und vieh" zu zahlen. War die Stadt zu stark überlaufen, forderte der Rat die Landbevölkerung unter Androhung von Strafgeldern zur Heimkehr auf. [...]
Das Bewusstsein ständig möglicher Bedrohung durch Hunger, Krieg und Pest hat die Menschen während des Krieges zutiefst verunsichert und die Angst zu ihrem ständigen Begleiter gemacht. Eines der wesentlichen Kriterien des Alltagslebens dieser Zeit ist das Nebeneinander von Angst und Furcht auf der einen und der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit auf der anderen Seite. [...] Das elementare Geworfensein in Lebensbedingungen, deren kausale Verknüpfung nicht durchschaubar war und die zu ändern man kaum Möglichkeiten sah, haben zahlreiche Einzelstränge des Alltags nachhaltig bestimmt. Sphären möglicher Sicherheit konnte der Einzelne sich nicht alleine schaffen; er war immer auf die Mithilfe anderer angewiesen, sei es in der Familie und Nachbarschaft, in Zunft und Gilde, in Gemeinden und Kommunen. [...]
Zweifellos spielten Glaubensvorstellungen, die mit der christlichen Religion nur teilweise in Einklang standen, nicht nur in den unteren, ungebildeten Bevölkerungsgruppen eine wichtige Rolle. [...]
Dennoch darf man als sicher annehmen, dass gerade die "kleinen Leute" sich in die göttliche Ordnung eingebunden sahen und ihr Dasein der höheren Verantwortlichkeit vor Gott unterworfen wussten. Und dort, wo die Hilfe Gottes gegen die Geißeln Hunger, Krieg und Pest und andere Fährnisse des Lebens weder durch Gebet noch durch Gelübde, weder durch Votivgaben noch durch Wallfahrten zu erreichen war, da war das unabwendbare Schicksal gottgegebenes.

(aus: Ruth. E. Mohrmann, Alltag in Krieg und Frieden,  in: Bußmann/Schilling (Hg.) o.J. (1998), S.319ff., gekürzt)
   

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, wodurch der Alltag der Menschen  im Dreißigjährigen Krieg geprägt gewesen  ist.
  2. Zeigen Sie, in welcher Form die Menschen die Bedrohungen des Alltags gemeistert haben.

  

 
                 
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