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Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Krieg und Modernisierung

Heinz Schilling (1987)


  Dieser Dreißigjährige Krieg [...] war ein Glaubenskrieg in Deutschland und ein europäischer Krieg. Er war eine militärisch-politische Spielart der gemeineuropäischen Krise des 17. Jahrhunderts. Und er war eine Extremform des politischen und gesellschaftlichen Wandels hin zum neuzeitlichen Deutschland und Europa, somit gar Modernisierungsimpuls in aller Schrecklichkeit. [...]
Dieser Dreißigjährige Krieg war Leidensschicksal für zwei Generationen von Menschen, die das grausame Geschehen nicht verstanden und sich dennoch einrichten mussten im Chaos, in der ständigen Gefahr der Entwürdigung. Unmenschlich war das Schicksal der Opfer [...]. Entmenschlicht waren aber auch die Täter. [...] Je länger der Krieg sich hinschleppte, um so mehr wurde den Deutschen die Soldateska zum Inbegriff der Sittenlosigkeit, ja des Teuflischen schlechthin. Neben dem religiösen Fanatismus, der insbesondere die Spanier auszeichnete, und der Abstumpfung durch das Kriegserleben selbst, trug zu dieser Verrohung bei, dass die Söldner längst nicht mehr »aus dem Land« stammten, sondern aus aller Herren Länder zusammengelaufen waren - Schotten, Franzosen, Kroaten, Wallonen, Italiener und viele mehr. [...]
Die Realität des Krieges aber züchtete Wolfsnaturen. [...] Gerade aus dieser kaum noch überbietbaren Fanatisierung der politischen Gegensätze und der Verrohung der Kriegsführung wuchs aber auch unaufhaltsam der Zwang zur Einhegung der zerstörerischen Kräfte. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte entwickelte sich ein Kriegs- und Völkerrecht, das bald allgemein anerkannt wurde und schließlich zu einer Humanisierung des Kriegsgeschehens führte.
Am Ende dieser Schreckenserfahrung wurde die ausweglose Totalkonfrontation der Weltanschauungssysteme durch die Trennung von Konfession und Politik überwunden. Das war zugleich ein Schritt hin zum modernen, pragmatisch bestimmten Verständnis von politischem Handeln. [...]
Lässt man die konkreten Ursachen, Ziele und Zwecke beiseite, gibt sich der Dreißigjährige Krieg einschließlich seiner Inkubationszeit als Teil jener »allgemeinen Krise des 17. Jahrhunderts« zu erkennen, mit der die europäische Entwicklung nach dem Aufschwung und der inneren Formierung sowie der äußeren, kolonialen Expansion zu Beginn der Neuzeit nun in eine Phase ökonomischer und demographischer Stagnation sowie zwischen- und innerstaatlicher Turbulenzen eintrat. Dahinter steht ein verzweigtes Geflecht demographischer, sozio-ökonomischer, staatlich-politischer, teilweise auch kultureller Ursachen. Ungeachtet der europäischen Zusammenhänge war die Krise in den einzelnen Ländern und Regionen unterschiedlich, abhängig von dem Entwicklungsstadium und dem ereignisgeschichtlichen Verlauf des 16. Jahrhunderts.

(aus: Schilling1987, S.164.f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. "Der Krieg züchtete Wolfsnaturen.", behauptet der Autor. Erläutern Sie, was er damit meint und wie es entstanden ist.
  2. Worin sieht Schilling den Modernisierungsimpuls, der vom Dreißigjährigen Krieg ausgeht?
  3. Wo sehen Sie heute die Grenzen eines pragmatisch bestimmten politischen Handelns?

  

 
                 
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