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Krieg und Modernisierung
Heinz Schilling (1987)
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Dieser Dreißigjährige Krieg [...] war ein Glaubenskrieg in Deutschland
und ein europäischer Krieg. Er war eine militärisch-politische Spielart
der gemeineuropäischen Krise des 17. Jahrhunderts. Und er war eine
Extremform des politischen und gesellschaftlichen Wandels hin zum
neuzeitlichen Deutschland und Europa, somit gar Modernisierungsimpuls in
aller Schrecklichkeit. [...]
Dieser Dreißigjährige Krieg war Leidensschicksal für zwei Generationen von
Menschen, die das grausame Geschehen nicht verstanden und sich dennoch
einrichten mussten im Chaos, in der ständigen Gefahr der Entwürdigung.
Unmenschlich war das Schicksal der Opfer [...]. Entmenschlicht waren aber
auch die Täter. [...] Je länger der Krieg sich hinschleppte, um so mehr
wurde den Deutschen die Soldateska zum Inbegriff der Sittenlosigkeit, ja
des Teuflischen schlechthin. Neben dem religiösen Fanatismus, der
insbesondere die Spanier auszeichnete, und der Abstumpfung durch das
Kriegserleben selbst, trug zu dieser Verrohung bei, dass die Söldner
längst nicht mehr »aus dem Land« stammten, sondern aus aller Herren Länder
zusammengelaufen waren - Schotten, Franzosen, Kroaten, Wallonen, Italiener
und viele mehr. [...]
Die Realität des Krieges aber züchtete Wolfsnaturen. [...] Gerade aus
dieser kaum noch überbietbaren Fanatisierung der politischen Gegensätze
und der Verrohung der Kriegsführung wuchs aber auch unaufhaltsam der Zwang
zur Einhegung der zerstörerischen Kräfte. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte
entwickelte sich ein Kriegs- und Völkerrecht, das bald allgemein anerkannt
wurde und schließlich zu einer Humanisierung des Kriegsgeschehens führte.
Am Ende dieser Schreckenserfahrung wurde die ausweglose Totalkonfrontation
der Weltanschauungssysteme durch die Trennung von Konfession und Politik
überwunden. Das war zugleich ein Schritt hin zum modernen, pragmatisch
bestimmten Verständnis von politischem Handeln. [...]
Lässt man die konkreten Ursachen, Ziele und Zwecke beiseite, gibt sich der
Dreißigjährige Krieg einschließlich seiner Inkubationszeit als Teil jener
»allgemeinen Krise des 17. Jahrhunderts« zu erkennen, mit der die
europäische Entwicklung nach dem Aufschwung und der inneren Formierung
sowie der äußeren, kolonialen Expansion zu Beginn der Neuzeit nun in eine
Phase ökonomischer und demographischer Stagnation sowie zwischen- und
innerstaatlicher Turbulenzen eintrat. Dahinter steht ein verzweigtes
Geflecht demographischer, sozio-ökonomischer, staatlich-politischer,
teilweise auch kultureller Ursachen. Ungeachtet der europäischen
Zusammenhänge war die Krise in den einzelnen Ländern und Regionen
unterschiedlich, abhängig von dem Entwicklungsstadium und dem
ereignisgeschichtlichen Verlauf des 16. Jahrhunderts.(aus:
Schilling1987,
S.164.f.)
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Arbeitsanregungen:
- "Der Krieg züchtete Wolfsnaturen.", behauptet der Autor. Erläutern
Sie, was er damit meint und wie es entstanden ist.
- Worin sieht Schilling den Modernisierungsimpuls, der vom
Dreißigjährigen Krieg
ausgeht?
- Wo sehen Sie heute die Grenzen eines pragmatisch bestimmten
politischen Handelns?
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