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Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Die Sinnlosigkeit des Krieges

Egon Friedell (1928)


  Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu entfalten, sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrisst und, launisch bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen, Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen Gesetz gehorcht, indem er wahllos überall züngelt, wo er noch Nahrung vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt war, als eine einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde, tote Heimstätten und eine entgötterte Welt.
Unter den vielen langen und sinnlosen Kriegen, von denen die Weltgeschichte zu berichten weiß, war der Dreißigjährige einer der längsten und sinnlosesten, wahrscheinlich gerade darum so lang, weil er so sinnlos war. Denn er hatte kein fest umschriebenes Ziel, das zu erreichen oder zu verfehlen, keinen runden greifbaren »Zankapfel«, der zu gewinnen oder zu verlieren gewesen wäre. [...]
Als er endlich ausgerungen ist, ist im wesentlichen alles beim alten geblieben: Habsburg ist nicht aus seiner Vormachtstellung verdrängt, aber die Souveränität der deutschen Landesfürsten ist ebenso wenig vermindert, ja erhöht; der Papismus hat nichts von seiner Machtfülle eingebüßt, aber die Gleichberechtigung der Evangelischen muss er aufs Neue und noch entschiedener als bisher anerkennen; und fast ein jeder muss sich fragen: wofür haben wir diesen Krieg geführt und erlitten, während dieser dreißig langen Jahre alles geopfert, was zu opfern in unserer Macht stand? [...]
Kurz: was den Dreißigjährigen Krieg mehr charakterisiert als jeden anderen, ist seine Zufälligkeit. Alles war an ihm zufällig: seine Entstehung, sein Verlauf, seine Ausbreitung, sein Ende. Aber diese Zufälligkeit selber war nichts weniger zufällig: sie floss aus der innersten Natur der Epoche, die seinen Namen trägt.

(aus: Friedell (1928/1969), Kulturgeschichte der Neuzeit, S.411-414)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Was charakterisiert den Dreißigjährigen Krieg nach Ansicht Friedells?
  2. Worin besteht seine eigentliche Sinnlosigkeit?
  3. Lassen sich die vom Autor am Dreißigjährigen Krieg beobachteten Merkmale auch auf andere kriegerische Auseinandersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert übertragen?

  

 
                 
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