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Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu
entfalten, sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden
Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den
tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter
rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrisst
und, launisch
bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen,
Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen
Gesetz gehorcht, indem er wahllos überall züngelt, wo er noch Nahrung
vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt
war, als eine einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als
eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde,
tote Heimstätten und eine entgötterte Welt.
Unter den vielen langen und sinnlosen Kriegen, von denen die
Weltgeschichte zu berichten weiß, war der Dreißigjährige einer der
längsten und sinnlosesten, wahrscheinlich gerade darum so lang, weil er so
sinnlos war. Denn er hatte kein fest umschriebenes Ziel, das zu erreichen
oder zu verfehlen, keinen runden greifbaren »Zankapfel«, der zu gewinnen
oder zu verlieren gewesen wäre. [...]
Als er endlich ausgerungen ist, ist im wesentlichen alles beim alten
geblieben: Habsburg ist nicht aus seiner Vormachtstellung verdrängt, aber
die Souveränität der deutschen Landesfürsten ist ebenso wenig vermindert,
ja erhöht; der Papismus hat nichts von seiner Machtfülle eingebüßt, aber
die Gleichberechtigung der Evangelischen muss er aufs Neue und noch
entschiedener als bisher anerkennen; und fast ein jeder muss sich fragen:
wofür haben wir diesen Krieg geführt und erlitten, während dieser dreißig
langen Jahre alles geopfert, was zu opfern in unserer Macht stand? [...]
Kurz: was den Dreißigjährigen Krieg mehr charakterisiert als jeden
anderen, ist seine Zufälligkeit. Alles war an ihm zufällig: seine
Entstehung, sein Verlauf, seine Ausbreitung, sein Ende. Aber diese
Zufälligkeit selber war nichts weniger zufällig: sie floss aus der
innersten Natur der Epoche, die seinen Namen trägt.
(aus:
Friedell (1928/1969), Kulturgeschichte der Neuzeit, S.411-414)
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