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Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Tod und Überleben im Krieg


 

Der Pfarrer Michael Lebhardt zu Kutzenhausen berichtet 1635 an seine geistliche Obrigkeit, den Generalvikar des Bistums Augsburg von einem Besuch in dem Pfarrdorf Agawang:

„Vor weihenächten sein (sind) in einem Hauß zue Agawang Lenhart (Leonhard) Weber uff dem khirchberg (zur Pfarre gehörig), 4 personen hunger(s) gestorben, zue denen nach und nach noch andere 5 khommen, weilen ich aber erfaren, daß sie sie und ein(e) so lange Zeit, theils unvergraben (nicht begraben) gelegen, in bedenkhen (indem) kheiner dem andern mehr waß zu lieb thuet, ja (sich) weder (etwas) schaffen noch bietten (gebieten) laßet, auch die Christliche lieb unter den Menschen gar erlischt, besonders wo wie in Ag(a)wang kein Pfarrer mehr vorhanden, (es) gar ellendigkhlich zue geth, bin ich den lezsten Jener nacher Agawang (ge)gangen, (woselbst ich) daß h. Meßopfer verrichtet; nach vollendten (vollendetem) gottesdienst aber (habe ich) dem Undervogt, schuelmaister, und Vierer (Führer-Gemeinde-Vorsteher) Im Namen Ihr Hochwirden und G(naden) Heren Thumbprobst(s) alß dero Obrigkeit ernstlich befohlen, daß sie eilendts, weil Ich vorhanden (wäre), ein grueb (ein Grab), die verstorbenen Cörper, einem andern Uebel vorzukommen, an (in) Ihr(e) ruhe zu ordnen, (zu) machen (hätten). Darauf sie wol zufrieden, (und) die grueb angefangen, sprechent (sie erzählten): es seyen nur noch die vier personen in dem vorbesagten hauß zuer erden zestatten vorhanden, die übrige(n) habe man in einem hauß auf dem khirchberg, darinnen Elß(e) Millerin wittib und Christina Reglerin wohnet verzehrt und geeß (gegessen), über welches Ich ser erschrockhen samt dem schuelmaister, die sach recht zu erkhundigen, dem hauß zugeeilet: - in dem ich aber zu der Thir hinein will, tragen 2 weibsbilder ein scheffle (ein Schäffchen) voller Menschen eingeweidt (Eingeweide) gegen mir herauß; ab welchem ich ser erschrockhen gefragt? was sie da machen? geben sie zuer (zur) antwordt, eß sey hallt ein ellendt, darauf ich gleich gesagt, eß ist ja freylich ein ellendt über alle ellendt, daß ihr Gottloße Leuth so kheckh und vermeßen seyet, und darfft diese todte Cörper, schon so längst verstorben, eßen, sie sagte: »es hats der große unleidige (unleidliche) hunger gethan«. Weilen ich aber gesechen, daß sie noch allermaßen hatten wohl gehen, und etwan, wie andere thun, sich mit Heutragen nach der Stadt Lenger erhalten khenden (länger ihren Unterhalt hätten finanzieren können), hab ich sie mit einem Stecken wohl zerklopfet, Ihne(n) auch ernstich anbefohlen, die 4 noch übrige(n) Leiber (Leichname), sampt den uff das khleinst zerhackhten Menschenbainer (Gebeine), bei anderhalb Metzen in einem seckhle (Säckchen) auff den khirchhoff zue tragen. Nach verrichter sach hab ich sie laßen in des vogtshauß khommen, erforschet wieviel sie menschen verzerht, und ob sie Alles davon geeßen haben? sagten sie einhellig, sie haben zwo weiber mit namen Barbara Mayrinn und Maria Weldeßhoverin, so vor 14 Tagen gestorben, samt 2 Mennern, alß Gregorithüringer am 5ten Tag nach seinem tod auffein mal und sitzend verzerth. Item Jacob khreiner, welcher 5 ganzer Wochen in seinem hauß unvergraben gelegen, auf zweimal hingericht (zur Speise hergerichtet). Ich fragt€ darüber, wie es Ihnen gschmeckht und vorkhommen were (wäre): (sie) antworteten, »es habe ihnen wohlgeschmeckht, und sey das beste an Ihnen gewesen, daß Hürn (Hirn), Herz und (die) Nieren«. Gleichwohl sie bitter weinendt die hendt (Hände) aufgehoben, (und) solcheß die Zeit ihres Lebens nit mer zu thuen versprochen (!). Zu diesen oberzelten personen haben sich in der Nachbarschaft noch zwei andere Apell(onia) und Anna thüringer in Wittfrauen gesellet und mitgehalten. Quarum una nempe Appolonia Gregorium Thüringer maritum suum devorare non exhorruit.
Dieses hab(e) ich E. H. und G. anzufuegen nit versweigen khönden (können) etc. Actum Kuzenhausen den 3. Febr. 1635

E. H. W. G.
underthenigister Gehorsamer
Michael Lebhardt Plebanus

(aus: Lahnstein 1974, S.23-25)

 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Von welchen Vorkommnissen während des Dreißigjährigen Krieges berichtet der Pfarrer?

  2. Welche Motive für seinen Bericht sind erkennbar?

  3. Wie geht er mit den Vorkommnissen um?

  4. Wie beurteilen Sie das dargestellte Geschehen aus heutiger Sicht?
     

 
                 
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