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Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Bevölkerungsverluste


  "Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu entfalten", betont Friedell (1928/1969), S.411-414), "sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrisst und, launisch bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen, Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen Gesetz gehorcht, indem er wahllos überall züngelt, wo er noch Nahrung vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt war, als eine einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde, tote Heimstätten und eine entgötterte Welt.
Unter den vielen langen und sinnlosen Kriegen, von denen die Weltgeschichte zu berichten weiß, war der Dreißigjährige einer der längsten und sinnlosesten, wahrscheinlich gerade darum so lang, weil er so sinnlos war. Denn er hatte kein fest umschriebenes Ziel, das zu erreichen oder zu verfehlen, keinen runden greifbaren »Zankapfel«, der zu gewinnen oder zu verlieren gewesen wäre."

"Die Realität des Krieges aber züchtete Wolfsnaturen." (Schilling1987, S.164.f.)

Zwei Generationen lang war das Kriegsgeschehen "Leidensschicksal" von Menschen, "die das grausame Geschehen nicht verstanden und sich dennoch einrichten mussten im Chaos, in der ständigen Gefahr der Entwürdigung. Unmenschlich war das Schicksal der Opfer [...]. Entmenschlicht waren aber auch die Täter. [...] Je länger der Krieg sich hinschleppte, um so mehr wurde den Deutschen die Soldateska zum Inbegriff der Sittenlosigkeit, ja des Teuflischen schlechthin. Neben dem religiösen Fanatismus, der insbesondere die Spanier auszeichnete, und der Abstumpfung durch das Kriegserleben selbst, trug zu dieser Verrohung bei, dass die Söldner längst nicht mehr »aus dem Land« stammten, sondern aus aller Herren Länder zusammengelaufen waren - Schotten, Franzosen, Kroaten, Wallonen, Italiener und viele mehr. [...]
Die Realität des Krieges aber züchtete Wolfsnaturen."  (Schilling1987, S.164.f.).

Deutschland musste im Dreißigjährigen Krieg beträchtliche, regional sehr unterschiedliche Bevölkerungsverluste hinnehmen:

Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Spätmittelalter 12 bis 13 Mio. um 1700 15 Mio.
um 1600 15 Mio. um 1750 16-18. Mio.
um 1650 10 Mio.    

(nach W. Buchholz, Raum und Bevölkerung in der Weltgeschichte, Bd. 3, Würzburg: Ploetz-Verlag 1966, S.46)

Gesamtverluste
Wegen der großen Wanderungsbewegungen zwischen Stadt und Land gibt es nur ein sehr grobes Bild über die gesamten Menschenverluste im Dreißigjährigen Krieg.
"Die Verluste auf dem Lande werden im Allgemeinen auf etwa 35 bis 40 v. H. geschätzt, die der Städte auf 25 bis 30 v. H., wobei die Städte immer relativ schnell einen Teil der Verluste durch Flüchtlinge vom Lande ausgleichen konnten (insgesamt Rückgang der Bevölkerung in Deutschland von etwa 16 Mill. auf 10 bis 11 Mill. Einwohner)."(Hennig 1974, S.242)

Einzelne Angaben

  • Im Herzogtum Württemberg, das 1618 etwa 400.000 Einwohner gehabt haben soll, leben 1648 nur noch 50.000 Menschen.

  • In der Grafschaft Henneberg verminderte sich die Einwohnerzahl von 60.000 auf 16.000.

  • In Frankenthal (Pfalz) gab es von ehemals 18.000 Menschen nur noch 324.

  • In der schlesischen Stadt Löwenberg (am Bober) lebten von ehemals 6.500 Menschen gerade noch 40. Erst im 20. Jahrhundert konnte die Stadt ihre Größe von 1618 wieder erreichen!)

  • Ganze Ortschaften waren menschenleer, wobei mauerbewehrte Städte in der Regel weniger betroffen waren als das offene Land, über das sämtliche Soldatengruppen herfielen. (vgl. Hennig 1974, S.242)

  • In Dortmund verloren in den Jahren 1635 und 1636 910 Menschen ihr Leben durch die Pest. Wegen der gleichzeitigen Beschießung der Stadt, setzte eine starke Fluchtbewegung ein, so dass binnen kürzester Zeit 2/3 der Bevölkerung der Stadt ausgewandert oder an den Folgen von Krieg und Pest gestorben waren.
    (vgl. E. Kayser, Bevölkerungsgeschichte Deutschlands, Leipzig, 3. Aufl. 1943, S.339f.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017
 

 
     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Was charakterisiert den Dreißigjährigen Krieg nach Ansicht Friedells?
  2. Worin besteht seine eigentliche Sinnlosigkeit?
  3. Lassen sich die vom Autor am Dreißigjährigen Krieg beobachteten Merkmale auch auf andere kriegerische Auseinandersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert übertragen?
  4. "Der Krieg züchtete Wolfsnaturen.", behauptet der Schilling Erläutern Sie, was er damit meint und wie es entstanden ist.
  5. Worin sieht Schilling den Modernisierungsimpuls, der vom Dreißigjährigen Krieg ausgeht?
     
 
                 
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