Der Dreißigjährige Krieg 1618-48

Alltag zwischen Krieg und Frieden

Immerwährende Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit als Lebensgefühl


 

Wer im Nachhinein ein Bild von einem Krieg machen will, der vor bald vier Jahrhunderten dreißig lange Jahre hingezogen hat, darf dies nicht auf der Grundlage von Vorstellungen tun, die Kriege im 20. und 21. Jahrhundert im kollektiven Bewusstsein der Nationen und Völker Europas, aber auch der restlichen Welt erzeugt haben. Auch wenn der Dreißigjährige Krieg ein Flächenbrand war, der in zahlreichen Regionen Europas mit einer nach heutigen Maßstäben unvorstellbaren, mitunter geradezu entfesselter Brutalität gewütet hat, hatte er eben auch andere Gesichter. Denn auch während er sich, wie Friedell (1928/1969), S.411-414) beschrieben hat, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineingefressen und geradezu launisch bald hier, bald dort Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen und Weltanschauungen in Asche legte, gab es auch Landstriche, die vom Krieg ganz verschont geblieben sind. Ja, manche blühten als Kriegsgewinnler sogar noch auf. Zudem war nicht überall und schon gar nicht gleichzeitig Krieg und selbst dort, wo er besonders heftig und zugleich mehrfach wütete, "gab es ruhige Perioden und lange Erholungspausen. Und auch die kriegerischen Truppen agierten nicht überall gleich entfesselt gegenüber der schutzlos ausgelieferten Landbevölkerung. Offiziere, die ihre Truppen in Zucht hielten, ließen die schlimmsten Peiniger unter ihren Soldaten, die auch Pfarrer nicht verschonten, kurzerhand aufhängen oder aber ließen von den Soldaten ins Lager entführte junge Mädchen aus angesehenem Hause "ohne alle Entgelt und mit Ehren ihren lieben Eltern" zurückbringen. Andere Truppen tobten wie wahre Teufel, und oft genug waren die vermeintlichen Freunde die schlimmsten Feinde. [...] Die Wirklichkeit des Großen Krieges hatte viele Gesichter, doch der Grundtenor war die immerwährende Angst, waren Ohnmacht und Hilflosigkeit. " (Ruth. E. Mohrmann, Alltag in Krieg und Frieden,  in: Bußmann/Schilling (Hg.) o.J. (1998), S.319ff., Hervorh. d. Verf.)
Die historischen Quellen zeichnen das Bild unvorstellbarer Gräuel. So berichtet z. B Joh. Daniel Minck von solchen Ereignissen im so genannten Schwedischen Krieg: " Bald fielen die Schweden über den Rhein herüber und jagten die Kaiserlichen aus ihren Quartieren, bald jagten diese wieder jene hinaus. Dadurch wurde das ganze Land zwischen Rhein und Main verelendet und kein Mensch durfte sich auf dem Lande blicken lassen, denn dann wurde ihm nachgejagt wie einem Wild. Fing man ihn, so wurde er unbarmherzig misshandelt, und damit er Geld, Vieh und Pferde verriete, [...] geknebelt, nackt an den heißen Ofen gebunden, aufgehängt [...] oder mir Wasser und Jauche getränkt, die man den Leuten zuberweise in den Hals schüttete, worauf man ihnen mit Füßen auf die dicken Bäuche sprang [...]
Weil keine Lebensmittel mehr auf dem Lande waren, wurden alle Dörfer [...] von allen Einwohnern verlassen. Reinheim und Zwingenberg standen zwei Jahre ganz leer und offen [...] Viele [...] versteckten sich zwar in Wäldern, Höhlen [...] usw., aber sie wurden auch hier aufgespürt, denn die Soldaten hatten menschenspürige Hunde bei sich [...] (Joh. Daniel Minck, zit. n.: E. Orthbandt 1960, S.611f. bzw. Schmid, Fragen an die Geschichte, Bd. 2, S.216) (→Quelle 1)

Wie die Quelle anschaulich zeigt, war es vor allem die Landbevölkerung die unter dem Kriegsgeschehen zu leiden hatte. Die Städte konnten sich oft hinter mehr oder weniger unbezwingbaren Mauern in Sicherheit bringen. Wer auf dem Lande lebte, "suchte bei drohendem Soldateneinfall zunächst nur das nackte Leben, das des Viehs und das nötigste Hab und Gut zu retten. Die Flucht in nahe gelegene Wälder, Weinberge und Moore war oft eine allnächtlich, ja monatelang ausgeübte Überlebenspraxis. Zogen große Truppenteile vorbei, empfahl es sich, in den nächsten festen Platz, sei es ein Kloster, eine Wehrkirche oder der grundherrliche Burghof, oder aber in die nächst gelegene größere Stadt zu fliehen. Nicht überall waren die Flüchtlinge willkommen und angesichts ihrer großen Zahl erschienen die Verhältnisse oft unerträglich. [...] In den Städten war auf christliche Nächstenliebe allein nicht zu zählen. Hier bestand Meldepflicht für die Flüchtlinge und Schutzgelder waren für "weib, kinder, roß und vieh" zu zahlen. War die Stadt zu stark überlaufen, forderte der Rat die Landbevölkerung unter Androhung von Strafgeldern zur Heimkehr auf. [...]" (Mohrmann 1998, ebd,)

Selbst wenn, was Mohrmann (1998) betont, "die kriegerischen Truppen (...) nicht überall gleich entfesselt gegenüber der schutzlos ausgelieferten Landbevölkerung (agierten)", entstand in dieser Zeit doch eine geradezu entmenschlichte Soldateska, "die zum Inbegriff der Sittenlosigkeit, ja des Teuflischen schlechthin" wurde."  (Schilling1987, S.164.f.). Solche "Truppen tobten wie wahre Teufel, und oft genug waren die vermeintlichen Freunde die schlimmsten Feinde." (Mohrmann, ebd.) Abgestumpft von dem gegenseitigen Abschlachten und zum Teil religiös fanatisiert verrohten mehr und mehr auch solche Offiziere und Soldaten, die sich - und sie gab es offenbar durchaus auch - diesen Abgründen menschlichen Handelns mutig entgegenstellten. Und je mehr Söldner aus aller Herren Länder das Kriegsgeschäft übernahmen, desto schlimmer wurde es. "Die Realität des Krieges (...) züchtete Wolfsnaturen", fasst  Schilling (1987, S.164.f., Hervorh. der Verf.) den entmenschlichten Charakter der Soldateska zusammen.
Dabei hatte diese Entwicklung natürlich auch ein System, denn wer Söldner anheuern wollte, musste eben auch für deren Sold sorgen. Bei der Aufstellung einer Söldnereinheit, musst der jeweilige Kriegsherr zunächst einmal selbst in die Tasche greifen oder betuchte Offizieren schossen ihm das dafür nötige Geld vor. Dafür wurden z. B. einem solchermaßen solventen Obristen, der ein Regiment aus Söldnern aufstellte, "Einkünfte, Landgüter, Rechte, Privilegien, Pfründen und Titel"  übereignet. " Floss schon Geld in die Regimentskasse, das vom Kriegsherrn stammte, dann reichte es kaum für drei Monatssolde [...], für die Monate in denen die "Untersten" keinen Sold erhielten, mussten sie sich andere Quellen erschließen - am wenigsten durch Arbeit. Diese Quellen lagen im jeweiligen Aufenthaltsgebiet einer Einheit. Die Soldaten wurden für die kälteren fünf bis sechs Monate in Privathäuser einquartiert, Fußvolk in den Städten, Reiter meist auf Dörfern. Ihr Unterhalt (Verpflegung, Wohnung, Heizung, Licht u .a. m.) ging also zu Lasten der betroffenen Haushalte. Ausgenommen blieben fürstliche, adlige, ratsherrliche und Pfarrhäuser, so lange das die Versorgungslage und die Disziplin der Soldaten zuließ. [...]
Die Überlieferung lässt keinen Zweifel daran, dass die Einquartierung von Kriegsleuten als oft unerträglich Last empfunden wurde, der man sich zu widersetzen oder von der man sich loszukaufen suchte.
   Dergestalt war das Überwälzen des Heeresunterhalts auf die Bevölkerung eine Art Soldersatz. Mit der Einquartierung ging oft eine weitere Belastung einher - die "Kontribution": Städten, Ländern und Landschaften wurde von den Befehlshabern die kurzfristige und einmalige Zahlung einer hohen Geldsumme auferlegt, die in aller Kürze nur durch Kreditaufnahme erbracht werden konnte. " (Herbert Langer, Heeresfinanzierung, Produktion und Märkte für die Kriegsführung  in: Bußmann/Schilling (Hg.) o.J. (1998), S.294)
Die Heere der verfeindeten Parteien, die vor allem durch Deutschland in alle Richtungen zogen, bestanden aber aus weit mehr als Soldaten. Es war eine Lagergesellschaft, die mit den jeweiligen Heeren durch die Lande zog. Und in dieser Lagergesellschaft spielten auch Frauen aus den Unterschichten wie Mägde, Ammen oder Aufwärterinnen, eine ganz zentrale Rolle. Sie begaben sich aus verschiedenen Gründen in Heirats- oder Partnerbeziehungen mit Soldaten, weil, so seltsam das auch klingen mag, ihnen ein solches Leben an der Seite eines Soldaten offensichtlich mehr Versorgungssicherheit verhieß als ihr sonstiges armseliges Leben. "Auf ihren Schultern beförderten sie die gesamte bescheidene Habe eines mehrköpfigen Soldatenhaushaltes. Sie gebaren Kinder, von denen nur die wenigsten die Strapazen der Heerzüge überlebten. Die zahlreichen Trossbuden, die zur Versorgung der Pferde und für die Beaufsichtigung der Viehherden verwendet wurden, stammten häufig aus Soldatenfamilien. Vielfach gerieten die 13 bis 15 Jahre alten Jugendlichen als Trommlerbuben und Pferdejungen ins unmittelbare Kriegsgeschehen.
   Frauen übernahmen weitgehend die Sanitätsversorgung, während Wundärzte in der Regel nur zur Behandlung der Offiziere eines Regiments, häufiger erst eines Armeestabes, zur Verfügung standen. Die Feldschere, die sich zumeist aus der Gruppe der Bader rekrutierten, fungierten als Knochensäger bei größeren chirurgischen Eingriffen."  (Bernhard Koerner, "Die Soldaten sind ganz arm, bloss, nackend, ausgemattet" - Lebensverhältnisse und Organisationsstruktur der militärischen Gesellschaft während des Dreißigjährigen Krieges,  in: Bußmann/Schilling (Hg.) o.J. (1998), S.289f.)
Aber auch wenn es darum ging, Beute zu machen. anders war die Existenz der Soldatenfamilien bei dem oftmals ausbleibenden Sold gar nicht zu sichern, waren Frauen aktiv und immer zur Stelle, wenn es darum ging, bei Plünderungen alles mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest war. Sie stahlen bei Gelegenheit "die Weißwäsche, die vor den Städten auf der Bleiche lag, um sie gegen ihre zerlumpte Kleidung einzutauschen. Sie bemächtigten sich der Erntevorräte und des Viehs. beluden sich mit Hausrat und Mobiliar. Selbst Türen, Fensterrahmen und Dachsparren wurden aus den Bauernkaten und den Hütten der Vorstädte gebrochen, um vor allem in den kühlen und feuchten Frühlings- und Herbstnächten den Soldaten als Brennmaterial zu dienen. In einer zeitgenössischen Abhandlung wird das mühselige Leben der Frauen im Tross anschaulich beschrieben. Beladen mit "Watsäcken, Mänteln, Tüchern, Töpffen, Kesseln, Pfannen, Keerbesen, Anzug, grossen ungeheuren Taschen, Hanen und Hunden & c. Auch allerley Plunder, einem Hispanischen Maulesel nicht ungeleich", zogen sie ihrer Wege. Kein Wunder, dass der Tross der Armeen nur langsam folgen konnte." ( Koerner 1998, ebd.) Dennoch das Leben, das den Frauen im Tross blühte, war entbehrungsreich und mit großen persönlichen Risiken verbunden. Unzählige Frauen verstarben während oder kurz nach Entbindungen, viele ließen vor Entkräftung ihr Leben.  "Kaum ein Soldat", betont Koerner (1998), "der seine Gefährtin nicht im Laufe des Krieges verlor. Während die Männer in der Regel problemlos eine weitere Verbindung eingehen konnten, bedeutete der Verlust des Beschützers, sei es durch Tod oder Gefangennahme, für die Frau eine existenzielle Bedrohung. Waren sie bereits älter, hatten sie für mehrere Kinder zu sorgen oder keinen materiellen Vorteil aus ihrer vorangegangenen Beziehung ziehen können, was in der Regel nur bei verheirateten Paaren möglich war, bestand die Gefahr, dass sie in die sozial stigmatisierte Gruppe der ungeschützten Frauen absanken. Gelegenheitsarbeit,. Betteln oder Lagerprostitution wurde dann ihr Schicksal. "

Der Alltag zwischen Krieg und Frieden im Dreißigjährigen Krieg hatte viele Gesichter und bewegte sich zwischen unvereinbar scheinenden Extremen. Da gab es "glaubhaft bezeugten Kannibalismus in ausgehungerten belagerten Städten und festen Plätzen" ebenso wie "Luxusverordnungen über die »grausame pracht in der kleydung, die der gestalt gestiegen, dass es nicht mehr zu dulden war«", da gab es Berichte von Hungersnöten. "in denen »in acker [...] umb ein leyb brot hingegeben«" und Berichte von unglaublichem "Reichtum an Silber und Geschmeide, das auch am Ende des Krieges sich noch in Bürgerhäusern fand". (Mohrmann 1998, ebd.)
Das dominierende Lebensgefühl in einer Zeit, in der die eigene Existenz dauerhaft von Hunger, Krieg oder Pest bedroht wurde, was geprägt von dem "Nebeneinander von Angst und Furcht auf der einen und der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit auf der anderen Seite. [...] Das elementare Geworfensein in Lebensbedingungen, deren kausale Verknüpfung nicht durchschaubar war und die zu ändern man kaum Möglichkeiten sah, haben zahlreiche Einzelstränge des Alltags nachhaltig bestimmt. Sphären möglicher Sicherheit konnte der Einzelne sich nicht alleine schaffen; er war immer auf die Mithilfe anderer angewiesen, sei es in der Familie und Nachbarschaft, in Zunft und Gilde, in Gemeinden und Kommunen."  (Mohrmann 1998, ebd.)

Wenn man nach Erklärungen dafür sucht, wie ein so geprägtes Leben überhaupt erträglich sein konnte, wird immer wieder auf die Rolle der Religion verwiesen. Auch Mohrmann (1998) gibt ihr in diesem Zusammenhang starkes Gewicht. So könne man "als sicher annehmen, dass gerade die 'kleinen Leute' sich in die göttliche Ordnung eingebunden sahen und ihr Dasein der höheren Verantwortlichkeit vor Gott unterworfen wussten. Und dort, wo die Hilfe Gottes gegen die Geißeln Hunger, Krieg und Pest und andere Fährnisse des Lebens weder durch Gebet noch durch Gelübde, weder durch Votivgaben noch durch Wallfahrten zu erreichen war, da war das unabwendbare Schicksal gottgegebenes."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, wodurch der Alltag der Menschen  im Dreißigjährigen Krieg geprägt gewesen ist.
  2. Zeigen Sie, in welcher Form die Menschen die Bedrohungen des Alltags gemeistert haben.
  3. Welche Rolle spielen die Frauen in der Lagergesellschaft frühneuzeitlicher Heere?
     
 
                 
   
                       

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