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Erster Weltkrieg 1914-18

"Jetzt kommt es auf die letzten Anstrengungen an"

Ansprache Kaiser Wilhelms II. an die Kruppschen Arbeiter, 9.9.1918

 
 
 

[…] Im Dezember des Jahres 1916 habe ich ein offenes, klares unzweideutiges Friedensangebot im Namen des Deutschen Reiches und meiner Verbündeten den Gegnern übergeben. Hohn und Spott und Verachtung ist die Antwort gewesen. Der oben kennt mein Gefühl der Verantwortung. Wiederholt in den vergangenen Monaten haben verantwortliche Leiter aus der Regierung des Reiches in unzweideutiger Weise jedem, der es verstehen wollte, zu verstehen gegeben, dass wir bereit sind, die Hand zum Frieden darzubieten. Die Antwort ist ausgesprochener Vernichtungswille, die Aufteilung und Zerschmetterung Deutschlands. Es gehören zum Friedenmachen zwei. Wenn nicht beide wollen, kann der eine nicht, vorausgesetzt, dass er den anderen nicht niederwirft. So steht der absolute Vernichtungswille unserer Gegner uns gegenüber, und dem absoluten Vernichtungswillen müssen wir den absoluten Willen, unsere Existenz zu wahren, entgegenstellen. Unser tapferes Heer hat Euch diesen Willen und die Tat gezeigt, sei es im Vorstürmen, sei es in der Rückwärtsbewegung, sei es im Stellungskampfe. […] Diesen unvergleichlichen Heldentaten unseres Heeres und unserer Flotte muss ein Rückhalt geschaffen werden, nicht bloß in der Arbeit, sondern auch im Sinn und den Gedanken unseres Volkes. Es handelt sich nicht nur darum, unserem tapferen Heere und unserer braven Marine Material und Ersatz nachzuschieben, sondern es handelt sich darum, dass ein jeder Deutsche weiß, dass wir um unsere Existenz kämpfen und ringen, dass wir das Äußerste aufbieten müssen, um uns siegreich zu wehren […] Jetzt kommt es auf die letzten Anstrengungen an; es geht ums Ganze, und weil unsere Feinde wissen, weil sie vor dem deutschen Heere den größten Respekt haben, weil sie einsehen, dass sie unser Heer und unsere Marine nicht niederzwingen können, deshalb versuchen sie es mit der Zersetzung im Innern, um uns mürbe zu machen durch falsche Gerüchte und Flaumacherei. Das kommt nicht aus den Kreisen des deutschen Volkes, das sind künstliche Machwerke. Aber ein jeder, der auf ein solches Gerücht hört, ein jeder, der unverbürgte Nachrichten in Eisenbahn, Werkstatt oder anderswo weitergibt, versündigt sich am Vaterland; der ist ein Verräter und herber Strafe verfallen, ganz gleich, ob er Graf sei oder Arbeiter.[…] Worin besteht unsere Pflicht? Unser Vaterland freizumachen. Infolgedessen haben wir auch die Verpflichtung, mit allen unseren Kräften auszuhalten im Kampfe gegen seine Feinde. Jeder von uns bekommt von oben seine Aufgabe zugeteilt, du an deinem Hammer, du an deiner Drehbank und ich auf meinem Thron. Wir müssen aber alle auf Gottes Hilfe bauen. Und der Zweifel, das ist der größte Undank gegen den Herrn. Und nun frage ich Euch ganz einfach und ehrlich: haben wir denn eigentlich Grund zum Zweifeln? Seht doch mal die vier Jahre Krieg an, was wir für gewaltige Leistungen hinter uns haben. Eine halbe Welt stand gegen uns und unsere treuen Verbündeten auf, und jetzt haben wir Frieden mit Russland, Frieden mit Rumänien, Serbien und Montenegro sind erledigt. Nur im Westen kämpfen wir noch, und da sollte uns der liebe Gott im letzten Augenblick noch verlassen? Wir sollten uns schämen über unseren Kleinmut, der kommt aber nur dann, wenn man Gerüchten Glauben schenkt. Aus den Tatsachen, die Ihr selber erlebt habt, da schmiedet Euch den festen Glauben an die Zukunft Eures Vaterlandes. […] Meine Bitte und meine Aufforderung an Euch und durch Euch an die gesamte Arbeiterschaft, die sich so ausgezeichnet und tüchtig bewährt hat, und durch Euch an das gesamte deutsche Volk geht dahin: für mich und mein Verhältnis zu meinem Volke sind maßgebend meine Worte vom 4. August 1914: „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur Deutsche.“ Es ist jetzt keine Zeit für Parteiungen; wir müssen uns jetzt alle zusammenschließen zu einem Block, und hier ist wohl am ersten das Wort am Platze: Werdet stark wie Stahl, und der deutsche Volksblock, zu Stahl zusammengeschweißt, der soll dem Feinde seine Kraft zeigen. Wer also unter Euch entschlossen ist, dieser meiner Aufforderung nachzukommen, wer das Herz am rechten Fleck hat, wer die Treue halten will, der stehe jetzt auf und verspreche mir an Stelle der gesamten deutschen Arbeiterschaft: wir wollen kämpfen und durchhalten bis zum Letzten. Dazu helfe uns Gott. Und wer das will, der antworte mit Ja! (Die Versammelten antworten mit lautem Ja!) Ich danke Euch,. Mit diesem Ja gehe ich jetzt zum Feldmarschall. Es gilt nun für jeden von uns, die gelobte Pflicht auch zu erfüllen und an Geistes- und Körperkraft das Äußerste einzusetzen für das Vaterland. Jeder Zweifel muss aus Herz und Sinn gebannt werden. Jetzt heißt es: Deutsche, die Schwerter hoch, die Herzen stark und die Muskeln gestrafft zum Kampfe gegen alles, was gegen und steht, und wenn es noch lange so dauert! Dazu helfe uns Gott! Amen. Und nun lebt wohl, Leute!

(aus: Hohlfeld, Dokumente, Bd. II,  o. J., S.379-381)
 

 
      
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus der Rede heraus:

    • Wie beurteilt der deutsche Kaiser die gegenwärtige politische und militärische Lage des Deutschen Reiches?

    • Welche Vorstellungen vom weiteren Verlauf des Krieges hat er?

    • Wodurch sieht er den Sieg gefährdet?

    • Welche inhaltlichen und sprachlichen Mittel setzt er ein, um seine Zuhörer von den eigenen Zielen zu überzeugen?

  2. Verfassen Sie einen Zeitungsbericht über den Besuch des Kaisers in einer konservativen Zeitung, die auf der Seite der kaiserlichen Politik steht.

  3. Nehmen Sie in einem kritischen Flugblatt sozialdemokratischer Krupp-Arbeiter zu der Rede Stellung.

  4. Rollenspiel:
    In der Kantine von Krupp diskutieren nach der Rede des Kaisers drei Arbeiter über die Rede und die Lage im Krieg und in Deutschland.
     

 
     
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