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Das Hambacher Fest 1832

Die Guillotine muss nach Deutschland

Mephisto1 auf der Rednertribüne in Hambach

 
 
 

Dank, Dank Euch Hunderttausenden! Meine Freunde werden es Euch nie vergessen, dass Ihr mich zu Eurem Präsidenten ausgerufen. Binnen wenigen Tagen schon werdet Ihr sehen, dass ich solch hoher Würde wert bin. Mein teurer Bruder, der Hunger, kennt schon meine Absichten. Und ich schwöre Euch, meine Getreuen, bei meinem Stehfuss2 und bei meiner Hahnenfeder3, in weniger als einer Woche wird der Tanz angehen. Hier diese schönen Gauen, welche Ihr von der Höhe dieser Ruinen vor Euch liegen seht, werden zunächst von meinen Taten zeugen. Doch halt! Eins nicht zu vergessen. Ihr habt mich zum Präsidenten Eurer ersten Nationalversammlung gewählt. Aber wie wird's, wenn wir erst das vereinigte und freie Deutschland dargestellt haben? Wenn Ihr dann erkennt, dass ich am meisten zu dieser neuen Schöpfung beigetragen, ja wenn Ihr erst einsehet, dass ohne mich nichts hätte zustande kommen können, werdet Ihr mich dann auch zu Eurem Präsidenten ausrufen? (Stille). Hört Ihr, ich frage, ob Ihr mich dann auch zu Eurem Präsidenten wählen wollt, wenn ich erst zustande gebracht habe, was Ihr Katzenseelen ohne mich nie durchführen könnt? Ich will kategorische4 Antwort. (Einige Doktoren erheben sich und schwenken beistimmend die Hüte. Die Menge folgt nach, und gibt ihren Beifall durch Klirren mit den Gläsern, durch Stampfen mit den Füssen und auf andere Art kund.) So recht. Daran erkenne ich meine Leute. Ha, wie mich das entzückt! Ich werde an die schönen Zeiten der ersten französischen Revolution erinnert. Bei meinem Stehfuss, im Jahr 895 dachte noch niemand, dass ich ans Ruder kommen würde. Die phantastischen Philosophen vulgo Weltbeglücker träumten von einer goldnen Zeit. Aber auf meiner Seite waren auch Käuze, Robespierre6, Danton7, Marat8. Wir saßen bald oben auf. Der Nationalkonvent9 wurde proklamiert, und wir waren die Herren von Frankreich. Da ging's Euch aber hinter die Aristokraten! Ich hab's seit der Pariser Bluthochzeit10 und der sizilianischen Vesper so schön nicht mehr gesehen. Damals hatten wir ja noch keine Guillotine! Die Guillotine muss nach Deutschland. [...]
Wohlan, Freunde, der Bund ist geschlossen, der heiligste, den je die Erde sah, der Bund für Einheit und Freiheit Deutschlands (Donnernder Beifall.) Ihr kennt den Zweck, und nun die Mittel nicht gescheut!
Die Guillotine muss nach Deutschland. Fünfunddreißig Köpfe müssen fallen.

 

(aus: Mephisto auf der Rednertribüne in Hambach am 27. Mai 1832., in: Mannheimer Zeitung, Beilage vom 28. Juni 1832)
 

Wort- und Sacherklärungen

1 »»Mephisto: Figur des Mephisto(pheles) in Johann Wolfgang von Goethes Drama »Faust«; allgemein zur Bezeichnung von jemandem, der in zynisch-teuflischer Art seine geistige Überlegenheit demonstriert und durchsetzt; Adjektiv mephistophelisch: teuflisch, hinterhältig (teuflisch)
2 Stehfuss: Holzbein als (klischeehaftes) Attribut des Teufels
3 Hahnenfeder: Mittelalterliches Symbol für den »»Teufel
4 kategorisch: keinen Widerspruch duldend, nachdrücklich bestimmt
5 89: Das Jahr, in dem die Französische Revolution beginnt.
6 »»Robespierre: Maximilien de R. (1758-1794, hingerichtet); französischer Politiker während der Französischen Revolution (Jakobinerherrschaft, Schreckensherrschaft); vom Volk "der Unbestechliche“ genannt; ab Juli 1793 Mitglied des 12-köpfigen"Wohlfahrtsausschusses" der die Gegner der Revolution mit organisiertem Terror (terreur) verfolgte und viele tausend Regimegegner unter der Guillotine (Schafott) hinrichten ließ; am 28. Juli 1794 selbst mit 36 Jahren unter der Guillotine mit 21 seiner Anhänger hingerichtet;
7 »»Danton: Georges Jacques D. (1759-1794, hingerichtet) einer der Führer der unteren Volksschichten in der Französischen Revolution;  leitet den ersten Wohlfahrtsausschusses während der Schreckensherrschaft (bis 10. Juli 1793);  ausgezeichneter Redner; wird 31. März 1794 verhaftet und nach kurzem Prozess durch den Wohlfahrtsausschuss als vermeintlicher Revolutionsgegner zum Tode verurteilt und am 5. April mit 13 seiner Anhänger (Dantonisten) unter der Guillotine hingerichtet..
8 »»Marat: Jean Paul M. (1743-1793) Arzt, Verleger und Journalist; einer der radikalsten Führer der Französischen Revolution; radikaler Gegner der Monarchie und Befürworter politischer Gewalt; am 13. Juli 1793 von der Anhängerin der Girondisten Charlotte Corday in dessen Badezimmer erstochen, die dafür selbst am 19. Juli 1793 guillotiniert wurde;
9 »Nationalkonvent: konstitutionelle legislative Versammlung während der Französischen Revolution, die vom 20. September 1792 (Sturm auf die »»Tuilerien: Sturz des Königtums) bis zum 26. Oktober 1795 tagte;
10 »»Pariser Bluthochzeit: auch Bartholomäusnacht; Massaker an den Hugenotten in Paris, bei dem zwischen 2.000 bis 10.000 Menschen ermordet werden; Massaker beginnt in der Nacht zum 24. August 1572 gegen 3 Uhr, dem Namenstag von Sankt Bartholomäus; Bezeichnung "Pariser Bluthochzeit" oder "Bluthochzeit von Paris" wegen der kurz zuvor stattgefundenen Hochzeit des protestantischen Heinrich von Navarra mit Margarete von Valois, der Schwester König Karls IX., die eigentlich zu einer konfessionellen Aussöhnung in Frankreich führen sollte, so aber als Fanal für die folgenden Religionskriege fungierte;
11 »»Sizilianische Vesper: Bezeichnung für einen 1282 in Sizilien gegen die Herrschaft von König Karl I. von Anjou; der Legende nach beginnt der Aufstand zu Beginn des Abendgottesdienstes am 30. März 1282, der Ostermontagsvesper, seinen Anfang, als eine sizilianische Mutter auf der Suche nach ihrer Tochter in eine Kirche in Palermo geht und dort ihre Tochter wieder findet. Diese hatte dort den ganzen Tag gebetet und war in der gleichen Kirche von einem französischen Soldaten vergewaltigt worden; voller Entsetzen und laut anklagend schrie ihre Mutter daraufhin auf der Straße "Ma fia! Ma fia!",("Meine Tochter! Meine Tochter!"); etwa sechs Wochen danach kam es im Anschluss an diese Ereignisse zu einem Massaker an den französischen Einwohnern Siziliens; Der Ausruf der Mutter ""Ma fia! Ma fia!" wird u. a. zur Herleitung der Bezeichnung "Mafia" herangezogen.
 

 
    
   Arbeitsanregungen:

Der Verfasser lässt in seiner fiktiven Rede Mephisto auf der Rednertribüne des Hambacher Fests 1832 zu Wort kommen.

  1. Arbeiten Sie heraus, wie der Verfasser die Auswirkungen des Hambacher Fests beurteilt.

  2. Was meint "Mephisto", wenn er sagt, 35 Köpfe müssen fallen?
     

 
     
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