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Das Hambacher Fest 1832

Vaterland - Freiheit - ja! ein freies deutsches Vaterland

Rede von Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1832)

 
 
  Vaterland - Freiheit - ja! ein freies deutsches Vaterland - dies der Sinn des heutigen Festes, dies die Worte, deren Donnerschall durch alle deutschen Gemarken drang, den Verrätern der deutschen Nationalsache die Knochen erschütternd, die Patrioten aber anfeuernd und stählend zur Ausdauer [...] »im Kampf zur Abschüttelung innerer und äußerer Gewalt«,
[...]
Wir widmen unser Leben der Wissenschaft und der Kunst [...]: aber die Regungen der Vaterlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vaterlande Not tut, ist Hochverrat, selbst der leise Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine frei-menschliche Heimat zu erstreben, ist Verbrechen.
[...]
Tausend Dörfer und Städte sehn wir schimmernd sich ausbreiten, von Bewohnern wimmelnd [...]; aber ein höheres Band, sie zu sittlicher Einheit verknüpfend, einen Gedanken, sie emporrichtend zum himmlischen Vater, der sie erschaffen zur Freiheit, zur Menschenwürde: jenes heilige Feuer, das in unserm Haupte den Lichtstrahl entzündet, und unsere Brust zum rettenden Entschlusse der Aufopferung für die Gesamtheit erwärmt. [...] - das suchst du vergebens. [...]
Und es wird kommen der Tag, [...] wo der Deutsche vom Alpengebirg und der Nordsee, vom Rhein, der Donau und Elbe den Bruder im Bruder umarmt, wo die Zollstöcke und die Schlagbäume, wo alle Hoheitszeichen der Trennung und Hemmung und Bedrückung verschwinden, samt den Konstitutiönchen, die man etlichen mürrischen Kindern der großen Familie als Spielzeug verlieh; wo freie Straßen und freie Ströme den freien Umschwung aller Nationalkräfte und Gäste bezeugen; wo die Fürsten die bunten Hermeline feudalistischer Gottstatthalterschaft mit der männlichen Toga deutscher Nationalwürde vertauschen, und der Beamte, der Krieger, statt mit der Bedientenjacke des Herrn und Meisters, mit der Volksbinde sich schmückt; wo nicht 34 Städte und Städtlein, von 34 Höfen das Almosen empfangend, um den Preis hündischer Unterwerfung, sondern wo alle Städte, frei emporblühend aus eigenem Saft, um den Preis patriotischer Besinnung, patriotischer Tat ringen; wo jeder Stamm, im Innern frei und selbstständig, zu bürgerlicher Freiheit sich entwickelt, und ein starkes selbstgewobenes Bruderband alle umschließt zu politischer Einheit und Kraft; wo die deutsche Flagge, statt Tribut an Barbaren zu bringen, die Erzeugnisse unseres Gewerbfleißes in fremde Weltteile geleitet, und nicht mehr unschuldige Patrioten für das Henkerbeil auffängt, sondern allen freien Völkern den Bruderkuss bringt. Es wird kommen der Tag, wo deutsche Knaben [...] und die Jünglinge [...] durch lebendigen Nationalunterricht und würdige Leibesübung sich zu deutschen Männern heranbilden und zu jenem Vaterlandssinn sich stählen, von dem alle politische Tugend, alle Großtat ausströmt; wo das deutsche Weib, nicht mehr die dienstpflichtige Magd des herrschenden Mannes, sondern die freie Genossin des freien Bürgers, unsern Söhnen und Töchtern schon als stammelnden Säuglingen die Freiheit einflößt, und im Samen des erziehenden Wortes den Sinn ächten Bürgertums nährt; und wo die deutsche Jungfrau den Jüngling als den würdigsten erkennt, der am reinsten für das Vaterland erglüht; wo abschüttelnd das Joch des Gewissens, der Priester Trug und den eigenen Irrwahn, der Deutsche zu seinem Schöpfer die unverfälschte Sprache des Kindes zum Vater redet wo der Bürger nicht in höriger Untertänigkeit den Launen des Herrschers und seiner knechtischen Diener, sondern dem Gesetze gehorcht, und auf den Tafeln des Gesetzes den eigenen Willen liest, und im Richter den frei erwählten Mann seines Vertrauens erblickt; wo die Wissenschaft das Nationalleben befruchtet und die würdige Kunst als dessen Blüte glänzt.
[...]
Wir selbst wollen, wir selbst müssen vollenden das Werk, und, ich ahne, bald, bald muss es geschehen, soll die deutsche, soll die europäische Freiheit nicht erdrosselt werden von den Mörderhänden der Aristokraten.
[...] ihr deutsche Männer! o lasset auch uns aller Spaltungen vergessen, alle Marken und Abscheidungen beseitigen; lasset uns nur eine Farbe tragen, damit sie uns stündlich erinnere, was wir sollen und wollen, die Farbe des deutschen Vaterlands; auf ein Gesetz nur lasset im Geist uns schwören, auf das heilige Gesetz deutscher Freiheit; auf ein Ziel nur lasset uns blicken, auf das leuchtende Ziel deutscher Nationaleinheit, deutscher Größe, deutscher Macht: und wenn einst alle deutschen Männer dieser eine Gedanke voll und lebendig durchdringt, dann [...] wird in strahlendster Gestalt sich erheben, wonach wir Alle ringen und wozu wir heute den Grundstein legen - ein freies deutsches Vaterland.
Es lebe das freie, das einige Deutschland!
Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Brüder, die unsre Nationalität und Selbstständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht
und mit uns den Bund der Freiheit schwört!
Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!

(aus: Johann Georg August Wirth, Das Nationalfest der Deutschen in Hambach, Neustadt 1832 (Neudruck 1981), S. 31 ff.

Biographische Autornotiz:
Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845), Jurist, politischer Journalist und Publizist des (politischen) Vormärz (= Sammelbezeichnung für die Zeit zwischen Wiener Kongress 1815 und der Märzrevolution 1848); geb. als Sohn eines Schneiders im badischen Lahr (Schwarzwald); mit zehn Jahren Vollwaise wird er von Verwandten erzogen; fünfzehnjährig Aufnahme einer Schreibertätigkeit beim Oberamt in Lahr, 1808 nach Versetzung nach Freiburg im Breisgau dort von 1809 an Jurastudium; Freundschaft mit Carl Wenzeslaus von Rotteck; 1813 Promotion; 1814 Freiwilliger in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und Ende des gleichen Jahres Heirat mit Emilie von Weisseneck, einer Tochter seines Doktorvaters (gemeinsame Tochter: Cornelia); ab 1818 königlich-bayerischer Landcommissär in Homburg, das in der zum bayerischen Königreich zählenden Pfalz (Rheinbayern) liegt; dort zuständig für die Verwaltung von zahlreichen Gemeinden; nach der Julirevolution in Frankreich im Jahre 1830 verstärkte journalistische und publizistische Tätigkeit, mit der seine wachsende Kritik an den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse artikuliert; Gründung der Zeitschrift „Rheinbayern“, um deren Stimme herum, sich die liberale Öffentlichkeit und Bewegung formiert; wegen seiner politischen Ansichten ohne Bezüge aus dem Staatsdienst entlassen; ab 1831 Herausgabe der Tageszeitung „Der Bote aus Westen“, die, in einer eigenen Druckerei in Oggersheim produziert, zu einem bedeutenden Sprachrohr der liberalen Bewegung wird; 1832 Mitgründer des gegen die Pressezensur gerichteten Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins (dabei u. a. auch: Johann Georg August Wirth); veröffentlicht in seinen Pressorganen den Aufruf zum Hambacher Fest, das er gemeinsam mit Wirth organisiert; einer der Hauptredner des Hambacher Festes; wird deswegen mit Wirth und elf weiteren Wortführern des Pressvereins verhaftet und in einem Hochverratsprozess in der Festung Landau vor Gericht gestellt; dank der pfälzischen Geschworenengerichtsbarkeit kommt es allerdings zu einem sensationell wirkenden Freispruch der Angeklagten; 1833 allerdings in einem weiteren Prozess zusammen mit Wirth wegen Beleidigung inländischer und ausländischer Behörden vor dem Zuchtpolizeigericht, bei dem keine Geschworenen mitwirken konnten, zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt; kann mit Hilfe von Freunden Mitte November 1833 aus der Haft über das Elsass in die Schweiz fliehen; dort erhält er an der Universität von Bern eine außerordentliche Professur für Straf- und Staatsrecht; nach Ausbruch einer psychischen Erkrankung 1841 die letzten Jahre bis zu seinem Tode in der Heil- und Pflegeanstalt von Bümpliz; Tod am 14. 05. 1845 im Alter von 55 Jahren;
Zur Erinnerung an Siebenpfeiffer 1989 Gründung der Siebenpfeiffer-Stiftung (www.siebenpfeiffer-stiftung.de ), zu der die Landkreise Saarpfalz-Kreis und Bad Dürkheim, die Städte Homburg, Zweibrücken und Rastatt sowie die Landesverbände des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) des Saarlands, von Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Thüringen angehören; seit 1987 alle zwei bis drei Jahre Verleihung des »»Siebenpfeiffer-Preises an Journalisten, „die durch Veröffentlichungen in Presse, Rundfunk und Fernsehen das demokratische Bewusstsein in unserer Zeit fördern.“ (Siebenpfeiffer-Stiftung); bisherige Preisträger u. a.: Franz Alt (1987), Ralf Giordano (1994), Carola Stern (1997), Heribert Prantl (1999), Peter Scholl-Latour (2003)

 
     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, welche politischen Ziele Siebenpfeiffer verfolgt.

  2. Vergleichen Sie diese Ziele mit denen der Redner Wirth und Hochdörfer.

  3. Analysieren Sie die Rede und ihre rhetorisch-kommunikative Gestaltung mit Hilfe des Fragenkatalogs zur systematischen Analyse politischer Reden. (vgl. fächerübergreifend: Textanalyse politischer Reden)
     

 
     
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