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Die Karlsschule

Über das Gemeinschaftsgefühl der Eleven

Gustav Hauber (1907)

 
 
So war eine außerordentlich mannigfaltige, bunt gemischte Jugend in der Akademie vereinigt, und zwar nicht nur so, dass sie äußerlich in denselben Räumen zusammengekommen wären, um nach gruppenweise gemeinsamem Unterricht oder gemeinsamer Verpflegung wieder auseinander zu gehen, vielmehr bekam jeder einzelne Zögling täglich dreimal bei Tisch die ganze Schar seiner Genossen zu sehen, wurde mit einem Teil, und zwar in wechselnder Zusammensetzung für verschiedene Fächer, zusammen unterrichtet und hatte mit einer teilweise anderen, größeren Gruppe die Unterkunftsräume, mit allen die Feste und Erholungen gemeinsam. Von dieser Gelegenheit des Verkehrs mit den Mitzöglingen hatte der einzelne um so mehr Anlass Gebrauch zu machen, als er jahrelang außer diesen und den Lehrern und Vorgesetzten fast niemand zu sehen und zu sprechen bekam, die Zöglinge also in ganz besonderem Maße aufeinander angewiesen waren. Die Anstaltsleitung hob auch gerne hervor, dass gegenseitige Freundschaft und Einigkeit möglichst gefördert, Selbstüberhebung, Verleumdung und Bosheit nachdrücklich bekämpft werde.
Daher stand denn auch die gegenseitige Beeinflussung der jungen Leute, das Bedürfnis engeren Zusammenschlusses in einzelnen Gruppen und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Karlsschule in hoher Blüte. Dass die gegenseitige Einwirkung, namentlich durch das Zusammensein von jüngeren Zöglingen mit älteren, nicht bloß eine günstige war, dass sie nicht nur Hintergehen der Aufseher und kleine Verschwörungen gegen diese, sondern auch andere Dinge, die hier nur angedeutet werden können, voneinander lernten, dafür sind bestimmte Überlieferungen vorhanden. Andererseits aber wissen wir von einem religiösen Verein von Zöglingen aus dem Jahr 1776, von dem Dichterkreis Schillers und seiner Genossen, von einem naturwissenschaftlichen Verein, 'Akademie' genannt, 1784-88 unter der Leitung des Zöglings Cuvier, auch von einem politischen Klub vom Jahr 1790, der an dem amerikanischen Freiheitskrieg und den freiheitlichen Ideen des Anfangs der französischen Revolution sich begeisterte und dem gelegentlich in jugendlichen Demonstrationen Ausdruck gab. Dazu eine Fülle von Privatfreundschaften, die sich weiterhin auf das Leben erstreckten, und die gemeinsamen Erinnerungen, welche die früheren Karlsschüler sich als eine Art große Familie fühlen ließen; endlich die gegenseitige Zuführung wissenschaftlicher und künstlerischer Gedanken und Interessen, der Austausch in nationalen und sozialen Sitten und Anschauungen: das alles musste hinwirken auf weiten Gesichtskreis, Bewahrung vor Einseitigkeit und Beschränktheit, auf Weltgewandtheit, auf Sinn und Verständnis für freies, weltbürgerliches Menschentum.

(aus: Hauber 1907/1909, S.33-36, gekürzt}

 

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie heraus, wie sich nach Ansicht Haubers das Zusammenleben der Eleven auf das Leben der Karlsschüler während und nach ihrer Schulzeit augwirkt hat.

  2. Zeigen Sie auf, wie er diese Besonderheiten beurteilt und nehmen Sie im Anschluss daran selbst dazu Stellung.
     

     
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