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Die Karlsschule

Der militärische Charakter der Karlsschule

Gustav Hauber (1907)

 
 

Ungefähr ebenso bedeutungsvoll wie ihr höfischer war für die Einrichtungen der Schule ihr militärischer Charakter. der schon in dem Namen "Militärakademie" und Militärisches Waisenhaus" und "Militärische Pflanzschule" ausgesprochen war.

Die Ausbildung zum militärischen Beruf war bald nach ihrer Gründung ein wesentlicher Zweck der Schule geworden, am 11. März 1773 wurde erstmals eine "militärische Abteilung" zusammengestellt; aber dieser Zweck war doch nur einer neben verschiedenen andern, und in der üblichen Reihenfolge nahmen die Militärs nicht den ersten, sondern bis 1782 den zweiten Platz, neben der juridischen, von da an den dritten, nach der juridischen und medizinischen Fakultät, ein. Dass trotzdem der Name für die ganze Anstalt bis 1782 beibehalten wurde, sollte also bewusstermaßen System und Geist der Schule oder wenigstens ihrer äußern Einrichtung kennzeichnen, und so ist denn auch von dem Erziehungsprinzip der Kadetten- und Kriegsschule, nach dem Muster französischer Schulen, die ganze Schul- und Hausordnung der Karlsschule beherrscht. Sämtliche Zöglinge hatten Uniform zu tragen, die dem Stil und Geschmack der Zeit entsprechend gestaltet war: langer, vorn offener Rock und Weste aus stahlblauem Tuch mit versilberten Knöpfen und schwarzen Vorstößen, weiße Beinkleider, im Sommer weißbaumwollene Strümpfe und Schnallenschuhe, im Winter Stulpstiefel; vorn und hinten aufgekrempter Hut mit silbernen Borten, und Degen; das Haar frisiert mit einer gepuderten Papillote auf jeder Seite, die bei festlichen Anlässen verdoppelt wurde, und Zopf; bei den Kavalierssöhnen als Auszeichnung eine silberne Achselschnur. Indes wurde Hut und Degen nur bei Feierlichkeiten und beim Ausgehen, die Uniform überhaupt im Hause nur bei den Hauptmahlzeiten, in den Lektionen dagegen und bei der Arbeit der so genannte Überrock getragen. Die Stadtstudierenden hatten die Uniform bei festlichen Anlässen zu tragen, sonst war es ihnen erlaubt, aber nicht geboten.
Auch die Professoren hatten eine Uniform. die sie aber nur bei festlichen Anlässen trugen: schwarzer Samt- oder Seidenrock mit weißem Futter, weiße, goldgestickte Weste, schwarzseidene Beinkleider, weißseidene Strümpfe, Degen und chapeau bas.
Die Hausordnung war die der Kaserne: sommers 5, winters 6 Uhr Aufstehen (früheres Aufstehen zur Arbeit war gestattet), dann Frühstück; 7-11 Uhr Unterricht und Arbeit, 11-12 Anzug und Reinigung - "Propreté!" führte Seeger beständig im Munde -; 12 Uhr Mittagessen, dann Erholung; 2-6 Unterricht und Arbeit, 6-7 Erholung, 7 oder ½8 Abendessen, dann Erholung, spätestens 9 Uhr Zubettgehen. Ferien gab es bis 1783 keine, von da ab zu Ostern und im Herbst je eine Woche, Urlaub wurde nur in äußerst seltenen Fällen , erst 1783 etwas milder erteilt. Bei jedem Wechsel in der Beschäftigung wurde in der betreffenden Gruppe im Rangiersaal angetreten und auf Kommando im Tritt an den betreffenden Platz, Lehrsaal, Speisesaal usw. marschiert. Und während dieser ganzen Zeit, auch in den Schlafsälen, waren die Zöglinge ununterbrochen beaufsichtigt durch ein besonders dafür bestelltes, größtenteils militärisches Aufsichtspersonal, das, unter dem Oberkommando des Intendanten, zur Zeit der ausgebildeten Schule bestand aus 2 Stabsoffizieren, 6 Hauptleuten, 10 Leutnants und 15 weiteren Aufsehern, die teils als Unteroffiziere von guter Führung, teils bürgerliche Leute, teilweise auch Unterlehrer, so genannte "Hofmeister" waren. [...] In jedem der großen Schlafsäle hatten ein Offizier und zwei Aufseher ihr Nachtlager, und auch die kleineren Schlafräume wurden entsprechend von Offizieren und Aufsehern beaufsichtigt. Ebenso waren für die Privatarbeitszeit in den einzelnen Hörsälen wie für die Zeit des Ankleidens, des Essens und der Erholung beständig Offiziere und Aufseher zur Aufsicht bestellt. [...] So kam durchschnittlich auf etwa 9 Zöglinge ein Aufsichtführender; nur für die Unterrichtsstunden wurden die Zöglinge von diesen an den betreffenden Lehrer abgegeben, nach Beendigung der Stunde aber sogleich wieder übernommen, so dass sie, was als Grundsatz ausgesprochen wurde, keinen Augenblick allein gelassen waren.
Ausgänge der einzelnen in die Stadt waren bis 1783 überhaupt nicht gestattet, von da ab am Sonntag nach dem Mittagessen bis 3 Uhr, mit der Einschränkung, dass das Haus, in das der Zögling gehen wollte, vorher angezeigt und genehmigt werden und der betreffende Verwandte oder Lehrer den Zögling der Akademie abholen und wieder dorthin bringen musste. Gemeinsame Ausgänge, die teils als Spaziergänge, besonders am Sonntagnachmittag, zuweilen auch werktags in den Erholungsstunden, teils zu Lehrzwecken, besonders botanischen, Geländeaufnahme u. a., von einzelnen Gruppen gemacht wurden, geschahen immer unter Befehl und Aufsicht eines Offiziers. Auch die aus- und eingehende Korrespondenz der Zöglinge unterlag der Kenntnisnahme durch das Aufsichtspersonal, das etwaige Anstöße dem Intendanten zu melden hatte, und es kam nicht ganz selten vor, dass Zöglinge wegen missliebigen Inhalts von Briefen, die ihnen zugegangen waren, scharf zur Rede gestellt wurden. Besuche von Angehörigen, unter ausdrücklichem Ausschluss "des erwachsenen ledigen Frauenzimmers", wurden nur ganz ausnahmsweise und in Gegenwart von Aufsehern zugelassen. Was etwa aus der Stadt zu holen war, wurde durch das Dienstpersonal besorgt; Esswaren für eigenes Geld durften nur in beschränktem Maße eingeführt werden. Die älteren Zöglinge hatten dafür ein kleines Taschengeld, bei den jüngeren musste alles einzeln von den Aufsehern erlaubt und verrechnet werden. Und was die Lerntätigkeit betrifft, so waren nicht nur die Unterrichtsstunden nach Zahl und Fächern für jeden Zögling genau vorgeschrieben, sondern auch die Privatarbeit, und zwar nicht nur nach ihrer Zeitdauer überhaupt, sondern auch, wenigstens eine Reihe von Jahren hindurch bis 1782, welche Zeit auf die einzelnen Fächer verwendet werden musste; und auch die bestellten Aufseher hatten zu kontrollieren, dass nichts anderes getrieben wurde. Auch wurden die Pulte und sonstigen Geräte der einzelnen von Zeit zu Zeit durch Lehrer und Aufseher untersucht, und was sich etwa Unerlaubtes fand, besonders Rauch- und Schnupftabak, dessen Genuss verboten war, hauptsächlich aber auch ungeeignet erscheinende Bücher, wie Romane, abgenommen und unter Umständen Bestrafung veranlasst.
Es herrschte also grundsätzlich eine Einrichtung, die das äußerste Maß an Unfreiheit bedeutet, und die um so krasser ist, als sie sich nicht nur auf die Knaben- und angehenden Jünglingsalter, sondern mit nur geringfügigen Erleichterungen auch auf die in den akademischen Jahren und Studien stehenden Zöglinge erstreckte. Es ist selbstverständlich, dass damit nicht jedermann einverstanden war. Vor allem die Zöglinge selbst nicht, die, wenn sie einigermaßen zum Selbstbewusstsein heranwuchsen, zumal wenn einer von Natur selbständigen Geistes war, diese stete misstrauische Beaufsichtigung als unerträgliche Tyrannei empfanden und nach erlangter Freiheit ihrem Unmut teilweise stürmischen Ausdruck gaben; einige wenige haben auch, da Austritt vor Abschluss des Studiengangs bei den unentgeltlich Aufgenommenen überhaupt nicht, bei andern nur sehr ungnädig bewilligt wurde, durch die Flucht, die als "Desertion" bezeichnet wurde, sich entzogen. Nicht ganz selten kam es auch vor, dass die Flucht, meist auf dem Weg nächtlichen Aussteigens durchs Fenster, versucht, der Deserteur aber bald wieder eingebracht wurde. Auch von zärtlichen und wohlmeinenden Eltern erfolgten zuweilen Vorstöße gegen die strenge Anstaltsordnung, wurden aber jedes Mal schroff abgewiesen. Nicht anders erging es Angriffen, die zuweilen in der Presse erfolgten, aber auch Vorstellungen, die von der Lehrerschaft zuweilen erhoben wurden in der Richtung auf größere Freiheit der Beschäftigung und auf mehr freie Zeit aus gesundheitlichen Gründen: der Herzog blieb, wie glaubhaft angenommen wird unter dem Einfluss von Seeger, unerbittlich; über diesen Grundsatz, der für ihn felsenfest stand, ließ er nicht mit sich reden noch handeln.
Bei der Beurteilung dieser Einrichtungen ist zunächst zu bemerken, dass militärische Ordnung, wenn auch wohl nicht ganz so streng durchgeführte, auch in den gleichzeitigen Philantropinen zu Dessau und Marchlins und in der (nicht für militärische Ausbildung bestimmten) Ecole militaire von Pfeffel in Kolmar (1773) bestand und noch besteht. Hier aber, bei der großen Mannigfaltigkeit der Ausbildungszweige und der Alters- und Gesellschaftsstufen, war sie in ganz besonderem Maße eine Notwendigkeit, um das Ganze zusammenzuhalten. Auch hätte ohne Abschließung nach außen die reiche Fülle dessen, was im Unterricht den Zöglingen zugemutet wurde, kaum bewältigt und verdaut werden können.
In Wirklichkeit war übrigens nach verschiedenen Anzeichen die Sache nicht ganz so schlimm wie die Vorschriften. Einmal genossen die Stadtstudierenden , die von 1783 an in wachsender Zahl den Unterricht besuchten, abgesehen vom Stundenbesuch und der allgemeinen disziplinarischen Ordnung im Übrigen akademische Freiheit, und dies konnte auch auf die Stellung der Akademisten nicht ohne Einwirkung bleiben; es ist auch bezeugt, dass in dieser späteren Zeit der einzelne Zögling, wenigstens von den älteren, in den Gegenständen seiner Studien nicht beengt wurde, wenn er nur überhaupt studierte. Aber auch vorher schon hatte sich die Findigkeit der Jugend manche Schlupflöcher durch die engen Maschen dieses Aufsichtsnetzes geschaffen; durch allerlei listige Täuschungen des Aufsichtspersonals gelang es, allerlei Verbotenes, besonders Tabak und Esswaren einzuschmuggeln, oder auch z. B. durch längeren Aufenthalt auf dem Krankenzimmer, wo die Aufsicht weniger streng war, oder in den Schlafsälen Gelegenheit zu Beschäftigung nach eigener Neigung zu finden, auch wohl durch Aussteigen aus dem Fenster einen durch die Romantik des Verbotenen besonders anziehenden Nachtausflug zu machen; namentlich wurde auch die lange zum Schlafen bestimmte Zeit vielfach verstohlenerweise zum Lesen benützt. Und auch schon in der früheren Zeit scheint die Aufsicht darüber, ob die Arbeitszeit wirklich auf das dafür Bestimmte verwendet werde, vielfach sehr lax gehandhabt worden zu sein, so dass neben den unmittelbaren Unterrichtsgegenständen und statt ihrer allerlei andere teils wissenschaftliche, teils sonstige Lektüre, so besonders von schöner Literatur, und namentlich auch eigene Dichtung betrieben werden konnte. In den späteren Jahren hat auch der Umstand mildernd gewirkt, dass ein Teil der Aufsichtsoffiziere selbst in der Karlsschule ausgebildet und dadurch zur Milde gestimmt war.
Überhaupt kann man nach reichlichen Zeugnissen solcher, die selbst in der Akademie gewesen waren oder Angehörige darin gehabt hatten, im Allgemeinen durchaus nicht sagen, dass die Zöglinge sich ungern in ihr befunden hätten Ein Grund dafür ist unter anderem, dass für Unterkunft und Verpflegung der Zöglinge, wenigstens nach den damaligen Begriffen, wirklich gut gesorgt war, wie denn die Anstaltsleitung der gesundheitlichen Seite alle Beachtung widmete; Seeger hat einmal ausdrücklich gesagt: " Die Erziehung bei der Akademie hat nicht bloß den Unterricht, sondern hauptsächlich auch die Erziehung des Herzens und die Vorsorge für den Körper zum Gegenstand." In den allgemeinen Schlafsälen, deren jeder 50 Betten enthielt, war der Raum durch Holzgitter so aufgeteilt, dass jeder Zögling eine Art von kleinem Zimmerchen für sich hatte, das zugleich seinen Aufenthaltsort außerhalb der Arbeitszeit bei ungünstigem Wetter bildete. Die adeligen Zöglinge waren in besonderen Schlafsälen, getrennt von den nichtadeligen, untergebracht, die Chevaliers in kleineren Schlafsälen (später zwei und drei) vereinigt, die dem einzelnen mehr Raum und besseres Mobiliar boten. Im Übrigen wurde bei der Einteilung der Schlafsäle auch auf das Alter Rücksicht genommen, so dass die im Alter sich Näherstehenden zusammen waren. Die Betten waren gut, und auf Reinlichkeit und Ordnung in jeder Beziehung, am Leib wie in Wäsche und Kleidung, wurde mit allergrößtem Nachdruck gesehen. Die Kost, teilweise Abtrag der herzoglichen Tafel, war einfach, kräftig, reichlich und gut - wenigstens in Stuttgart, während auf der Solitude darüber viel geklagt wurde -; morgens Brotwassersuppe, mittags Fleischbrühsuppe, Rindfleisch, Gemüse, Ragout von Wildbret oder Braten oder Gebackenes oder Obst, abends Suppe und eine Mehlspeise oder Ragout, an heißen Tagen Salat mit Eiern oder saure Milch; außerdem nachmittags eine Semmel oder Obst. Zum Mittagessen bekamen die älteren Zöglinge ½ Schoppen, die jüngeren etwas weniger Wein, abends alle Wasser. Die Hörsäle, in denen die Wände grün, Katheder und Subsellien* schwarz angestrichen waren, waren für die damaligen Begriffe und die verhältnismäßig kleine Schülerzahl geräumig, hell und zweckmäßig eingerichtet, jeder war mit einem Bild des Herzogs in Verbindung mit einer symbolischen Darstellung der betreffenden Wissenschaft, später außerdem mit Zeichnungen und Stichen, die aus der Schule selbst hervorgegangen waren, geschmückt. Für Kranke war durch wohleingerichtete Zimmer, einen Akademiearzt und Oberchirurgen, einen ständig anwesenden Feldscherer  und ausreichendes Wartepersonal gesorgt, zu welchem in den späteren Jahren ältere Studierende der Medizin kamen. Die Heilmittel freilich, die angewandt wurden, und unter denen "Zieger" und "Selzer" und "Deinacher Wasser" in großen Quantitäten für allerlei Schäden den breitesten Raum einnahmen, geben eine nicht sehr vorteilhafte Vorstellung von der dort herrschenden Therapie. Gebadet wurde regelmäßig, im Sommer auf der Solitude in einem dafür hergerichteten See im Wald, der freilich schmutzig gewesen sein soll, in Stuttgart in den Bassins des Akademiegartens, im Winter in festgeordneter Regelmäßigkeit in den Badeeinrichtungen des Hauses. Über Mangel an Bewegung wurde nicht selten geklagt, und es blieb dafür nach der Tageseinteilung wenig Zeit; immerhin boten die gemeinsamen Spaziergänge, ferner Spiele: Ball- und Kegelspiele in den weiten Höfen und dem Rangiersaal, Schwimmen und Rudern in den Bassins und Aufenthalt in dem Akademiegarten nebst Beschäftigung mit der Bepflanzung des Landstückchens in dieser Beziehung das Nötige, und es wird allgemein anerkannt, dass die Zöglinge ein frisches und gesundes Aussehen gezeigt haben. Im Jahr 1783/84 wurden allerdings in der Akademie gegen 200 Personen  von einer Seuche ("Gallenfieber") ergriffen, an der 10 Zöglinge starben (während der ganzen Zeit der Karlsschule starben 50 Zöglinge), aber diese herrschte auch in der Stadt und wurde mit der größten Wahrscheinlichkeit auf den Nesenbach zurückgeführt. Im Ganzen war es also nach dieser Seite nicht unberechtigt, wenn der Herzog seine Anstalt gerne "das wahrhaftige Philantropin" nennen hörte.

(aus: Hauber 1907/1909, S.17-21, gekürzt}

Worterklärungen:
  • Philanthropin: auch Philantropinum, Erziehungsanstalt, die nach den Grundsätzen des Philanthropinismus agierte; dieser geht auf eine am Ende des 18.Jahrhunderts einsetzende, von dem Pädagogen »Johann Bernhard Basedow (1724-1790) begründete Erziehungsbewegung, die auf eine natur- und vernunftgemäße Erziehung zielte. Dieses Ziel ließ sich seiner Auffassung nach mit der herkömmlichen Lern- und Paukschule nicht erreichen. Gefragt waren daher Lernen durch eigene Anschauung, selbsttätiges Lernen ebenso wie Pflege der Muttersprache und lebender Fremdsprachen. "Das Ziel der Erziehung ist eine solche Bildung des Menschen, dass er nicht bloß für seine Mitmenschen möglichst nützlich wirken, sondern auch für sich eine möglichst ungetrübte Glückseligkeit erreichen kann. Hiezu ist möglichst allseitige Ausbildung nötig und zwar sowohl des Leibes durch Turnen und Arbeitsunterricht auch für die Knaben, als des Geistes durch Aufklärung des Verstandes und Anregung des Gefühls. Das Lernen soll durch eine gute Methode möglichst leicht gemacht und zu dem Zweck von der Anschauung ausgegangen, alles von Anfang an begründet und erklärt werden; der Unterricht soll auch vorherrschend auf das praktisch Nützliche gerichtet sein, gemeinnützige Kenntnisse sollen gepflegt, praktische Fertigkeiten geübt werden. Religiöse Bindung soll gepflegt werden, aber nicht im Sinn konfessioneller Rechtgläubigkeit, auch ist auf das Auswendiglernen möglichst zu beschränken; die Kinder sind auf dem Wege vernünftiger Erklärung zum Verständnis der 'natürlichen Religion' anzuleiten; auch ist auf moralische Erzählungen Gewicht zu legen. Auch die sittliche Bildung ist vor allem auf verständnisvolle Einsicht in den Wert des Guten und die üblen Folgen des Bösen zu begründen, statt auf bloße Autorität; an Stelle der körperlichen Strafen  muss namentlich die Beschämung treten. Zur Bildung von Lehrern, welche nach diesen Grundsätzen erziehen und unterrichten, sind Lehrerseminare zu gründen." (Schmid 1909, S.133)
    Außer dem Unterricht gehörte zu dem reformpädagogischen Konzept Basedows, dessen Erziehungsbücher in seiner Zeit Bestseller waren, auch ein enges Zusammenleben der Lehrer mit ihren Schülern und Zöglingen in einem Internat, was die Charakterbildung der Zöglinge fördern sollte. In Dessau kann Basedow ab 1771 unter »Leopold III. von Anhalt mit dem »Philanthropinum, einer "Pflanzschule der Menschheit" zusammen mit namhaften anderen Reformern wie  »Joachim Heinrich Campe, »Ernst Christian Trapp und »Christian Gotthilf Salzmann seine Ideen bis zu seinem wegen Streitigkeiten bedingten Rücktritt von der Leitung der Schule bis 1776 umsetzen. Das Philantropinum, das 1793 wieder geschlossen wird, stellt wohl, wie Jürgen Overhoff (2003) betont, die wirkungsmächtigste Schulneugründung in Deutschland seit Errichtung des pietistischen Pädagogiums der Franckeschen Stiftungen in Halle 1696 dar, zu deren Besonderheiten auch gehört, dass sie Kindern aller Konfessionen offen steht. Aller Popularität und Unterstützung durch den Hof zum Trotz  "quälen Basedow Geldsorgen. Vor allem fehlt es an solventen Stipendiaten. Zwei Jahre nach der Gründung entschließt er sich deshalb, mit einer Art Schauexamen für sein Institut zu werben. Pädagogisch interessierte Geister aus dem ganzen Reich reisen an. Basedow prüft mit großem Pomp. Insbesondere glänzt seine jüngste Tochter Emilie durch erstaunliches Können – was umso bemerkenswerter ist, als das Institut eigentlich, der Zeit entsprechend, eine reine Jungenschule ist. Sie, die Sechsjährige, gibt auf lateinische Fragen der Gäste lateinische Antworten. Ebenso gewandt parliert sie französisch, erläutert Weltgeschichte und Geografie und erweist sich im Ganzen als bestes Beispiel für das erzieherische Talent ihres Vaters. [...] Der Eindruck, den diese Veranstaltung bei den zahlreichen Besuchern hinterlässt, ist überwältigend. Der Schriftsteller Johann Gottlieb Schummel lässt gleich einen begeisterten Bericht drucken – Fritzens Reise nach Dessau. Später allerdings zeigt er sich, wie manch anderer auch, skeptischer angesichts des philanthropischen Idealismus. Dazu mag auch die Persönlichkeit Basedows selbst beigetragen haben: temperamentvoll, aufbrausend, reizbar und überhaupt etwas zum Prophetischen neigend." So trifft Basedow und seine Anstalt auch immer wieder Spott von Kritikern, doch scheinen ihm seine Erfolge recht zu geben: "Lehrer und Lehramtskandidaten in Scharen eilen herbei (1776 überlässt Basedow die Leitung für kurze Zeit Joachim Heinrich Campe), die Schülerzahl steigt sprunghaft von 20 auf 60 auf 150 Jungen. Goethe, der Basedow im Gründungsjahr des Instituts auf einer gemeinsamen Rheinreise kennen gelernt hat, bekundet im Herbst 1776 in einem Brief an Charlotte von Stein, dass er beständig über die Entwicklung der Schule auf dem Laufenden gehalten werden möchte. Moses Mendelssohn leistet dem Philanthropinum ideelle und finanzielle Unterstützung. In Königsberg sammelt Immanuel Kant Spenden und schickt ostpreußische Schüler nach Dessau. Für ihn ist Basedows Institut 'die Stammutter aller guten Schulen'. Tatsächlich gibt es nicht nur bald Ableger wie die berühmte Schule, die Basedows Mitarbeiter Christian Gotthilf Salzmann 1784 in Schnepfenthal bei Waltershausen in Thüringen gründet und die, in gewandelter Form, bis heute existiert. Es werden auch, schon von Mitte der 1770er Jahre an, die ersten öffentlichen Stadtschulen Deutschlands im Basedowschen Sinne reformiert, zunächst – von Preußens Friedrich II. persönlich gefördert – Neuruppin, dann Lippstadt; andere folgen." (ebd.)
    Die Wirkung des Philanthropinismus Basedows reicht bis weit ins 19. Jahrhundert, nimmt Einfluss in Deutschland, Frankreich, in der Schweiz und in Dänemark. Allerdings wird er später "als plattes Nützlichkeitsdenken diskreditiert" und unter dem Einfluss des Neuhumanismus wird "Bildung" fortan "gegen das von Basedow angeblich ausschließlich verfochtene Prinzip der 'Brauchbarkeit' ausgespielt." (ebd.)

  • Subsellium: niedrige Bank, Schulbank

 

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie heraus, welche Elemente des Schullebens den militärischen Charakter der Karlsschule ausmachen.

  2. Visualisieren Sie Ihre Ergebnisse in Form eines Mind Maps, eines Lernplakats oder eine Schaubildes.

  3. Arbeiten Sie heraus, wie Ernst Salzmann die "militärischen Züge" der Hohen Karlsschule beurteilt.

  4. Setzen Sie sich mit dem Ausspruch Herzog Carl Eugens auseinander, die Hohe Karlsschule sei  "das wahrhaftige Philantropin" .

  5. Der Dichter Christian Daniel Schubart hat die Karlsschule als "Sklavenplantage" bezeichnet und Charlotte von Lengefeld, später Schillers Ehefrau, hat nach ihrem Besuch der Anstalt 1783 von "Menschen wie Drahtpuppen" gesprochen, die sie dort zu sehen bekommen habe. - Verfassen Sie einen kritischen Kommentar über den militärischen Charakter der Karlsschule.
     

     
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