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Die Karlsschule

Besondere Merkmale der Karlsschule

Gustav Hauber (1907)

 
 
Vor allem ist die strenge Festsetzung des Lehrplans auch für die akademische Stufe bemerkenswert, die ohne Zweifel in bewusstem Gegensatz gegen die Universität, wo in dieser Beziehung akademische Freiheit herrschte, aber auch gegen das Stuttgarter Gymnasium, wo sehr viel der Willkür überlassen war, eingeführt wurde, die aber nach den allgemeinen pädagogischen Ansichten des Herzogs sich eigentlich von selbst verstand. Ferner die große Stundenzahl: 47 Wochenstunden Unterricht und Arbeitszeit (dazu 1 Stunde Wochengottesdienst für alle Zöglinge ohne Ausnahme, zwar mit einigen Minuten Pause nach jeder Stunde, aber anfangs ohne irgendwelche, erst von 1783 an mit sehr kurzen Ferien. Auch dies entsprach der Auffassung des Herzogs, dass Gewöhnung an andauernde gesammelte Arbeit ein Hauptziel der Erziehung, zugleich das beste Mittel gegen Abirrungen sei. Da aber jene Ziffer zugleich die maximale ist, die wenigstens abends (nach 6 bzw. 61/2 Uhr) nicht, höchstens morgens vor 5 oder 6 Uhr ('um den Musen die Erstlinge der neugestärkten Kräfte zu weihen'), und etwa in den Erholungsstunden und am Sonntag überschritten werden durfte, also mit den 8 Stunden wirklich die Tagesarbeit im Ganzen abgeschlossen war, erscheint die Stundenzahl, abgesehen von den jüngsten Abteilungen nicht übermäßig. Jedenfalls ist allseitig als ein hoher Vorzug der Karlsschule anerkannt worden, dass man in ihr arbeiten gelernt habe.

Ferner das Verhältnis der Unterrichtsstunden zu der - in den Lehrsälen unter Aufsicht der Offiziere zu verrichtenden - Privatarbeit. Schon dass diese überhaupt für wichtig gehalten wurde, um im Einzelnen geregelt zu werden, ist bemerkenswert. Die jüngsten Zöglinge bekamen keine, die übrigen aber, dem entschiedenen Drängen der Lehrer entsprechend, mit zunehmendem Alter eine größere Zahl von Privatarbeitsstunden und eine entsprechend kleinere von Lektionen, so dass die Zeit der Privatarbeit bei den vorbereitenden Abteilungen 1/6 - 1/8, bei den akademischen 1/2 -2/3 der ganzen Arbeitszeit betrug. Dies wird ausdrücklich damit begründet, dass die jüngsten Zöglinge noch nicht verstehen, sich selbst zu beschäftigen, bei den älteren aber dies immer wichtiger werde. Dass seit dem Jahr 1775 auch die Verwendung der Privatarbeitsstunden für die einzelnen Fächer genau bestimmt wurde, und zwar auch bis zu den höchsten Stufen, ist der Höhepunkt der Unfreiheit, der Gängelung der Zöglinge durch die Anstalt. [...]
Sehr beachtenswert ist ferner, wie bei einer nicht wesentlich sich steigernden Gesamtschülerzahl die Zahl der Lehrabteilungen sich von Jahr zu Jahr steigert, so dass die Schülerzahl in den einzelnen Abteilungen sich beständig vermindert, und in den untern Abteilungen nicht über 30, meist erheblich weniger, in den obern 5-20, durchschnittlich etwa 15 betrug. Es herrschte also eine beständig zunehmende Individualisierung des Unterrichts für die einzelnen Zöglinge, ohne dass doch andererseits die belebende, durch Wetteifer anspornende Wirkung einer Mehrzahl von Mitlernenden preisgegeben worden wäre. Diese Individualisierung wurde noch dadurch gesteigert, dass der einzelne Zögling beim Jahreswechsel nicht regelmäßig in die von den Vorleuten geräumte Klassen und ihren Unterricht einrückte, vielmehr jedes Jahr wieder in eine etwas andere Gruppierung vorgenommen wurde, wie es eben den jedesmaligen Verhältnissen und Bedürfnissen am meisten zu entsprechen schien; es wurde also namentlich allzuweilen eine Klasse auseinander gezogen und die bessere Hälfte mit Teilen einer älteren verbunden, die schlechtere mit den besseren einer folgenden u. ä.; auch mitten im Schuljahr wurden zuweilen neue Abteilungen errichtet, wenn der Eintritt neuer Schüler dies wünschenswert machte, oder ließ man auch eine Abteilung eingehen, wenn wenige übrig gebliebene Schüler ohne Schwierigkeit mit einer anderen Abteilung vereinigt werden konnte. Es sind also die einzelnen Abteilungen nicht alle und immer um eine Jahresstufe voneinander verschieden; andererseits hat es aber, außer im Jahre 1773, auch keine vollständig parallelen Abteilungen gegeben, vielmehr hatte jede Lehrabteilung einen nach den besonderen Verhältnissen der Zöglinge differenzierten Lehrplan. Es ist klar, wie durch diese Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse jedes einzelnen Zöglings es erleichtert wurde, die Befähigten rasch vorwärts zu bringen und vorhandene Lücken auszufüllen. [...]
Was die Gestaltung, den Inhalt der Pläne selbst betrifft, [...] so fällt in den ersten Jahren der Anstalt besonders die große Zahl und die Verschiedenartigkeit der Unterrichtsfächer auf, die den jungen Zöglingen geboten wurde; es sollten eben, entsprechend dem ungeduldigen Drängen des Herzog nach sichtbaren Erfolgen - nahm er doch den Ausspruch, seine Schule sein ein 'gelehrtes Treibhaus', wohlgefällig entgegen -, Vorbereitungs- und Bestimmungswissenschaften sozusagen gleichzeitig in die jugendlichen Köpfe eingepresst werden, wobei auf die Auffassungskraft und Leistungsfähigkeit der Jugend nicht die gebührende Rücksicht genommen wurde. Aber die Lehrer selbst haben sich im Dezember 1774 übereinstimmend und nachdrücklich hiegegen ausgesprochen und Beschränkung der Zahl der Lehrfächer, Zurückhalten der Zöglinge auf einer niedrigeren Stufe und Gewährung von Zeit, um das Gehörte und Gelernte zu verdauen, gefordert. [...]
Im Einzelnen bleibt freilich noch manches zu beanstanden, so die übermäßige Stundenzahl bei den jüngsten Zöglingen, das frühe Anfangen des Griechischen und Französischen neben dem Lateinischen, die geringe Berücksichtung des Deutschen, der zu ausgiebige und verfrühte Betrieb der Philosophie u. a. Dagegen muss aber de Tatsache, dass die allgemein bildenden Fächer, umfassend und nachdrücklich betrieben, als Voraussetzung für die Fachwissenschaften und as gemeinsamer Unterbau für den vielverzweigten Bestimmungsunterricht und teilweise noch neben diesem ihre feste Stellung im Lehrplan bekamen und behaupteten, als eine von hoher Einsicht zeugende, bedeutungsvolle Tat auf dem Gebiet der Unterrichtsorganisation anerkannt werden, der auch die hohe Schätzung, welche die Karlsschüler im spätern Leben fanden, zu einem wesentlichen Teil zu danken ist.
Sehr erstaunlich bleibt dabei immer das jugendliche Durchschnittsalter der Zöglinge auf den höheren Stufen, im Vergleich mit dem heute üblichen. Mit dem 9. Jahre wurden sie normalerweise aufgenommen, in die philosophischen Abteilungen, ungefähr den Oberklassen der heutigen höheren Schulen entsprechend, treten sie mit 14 oder 15 Jahren ein, mit 16 oder 17 Jahren wird in der Regel das Berufsstudium begonnen und mit 19-21 Jahren abgeschlossen. Dabei zeigen die Aufsätze und Abhandlungen, die von den Zöglingen auf den verschiedenen Stufen verfasst wurden, eine Reife, wie sie heutzutage in dem entsprechenden Alter höchstens vereinzelt zu finden ist. Man wird in dieser Hinsicht sich zu erinnern haben, dass damals überhaupt die höhere Ausbildung früher zum Abschluss gebracht und möglichst früh in die Berufsausbildung übergegangen zu werden pflegte, was durch die rhetorisch-philosophierende Richtung der Zeit und des Lehrbetriebs im Gegensatz zur kritisch-exakten der modernen Welt ermöglicht wurde, und dass das ausgehende 18. Jahrhundert auch sonst vielfach durch die Frühreife seiner Söhne Verwunderung erregt. In der Karlsschule war ein rascheres Fortschreiten, als in andern, gewöhnlichen Verhältnissen, Plan und Absicht des Leiters, und konnte durch den rücksichtslos systematischen Betrieb des Ganzen wie der einzelnen Fächer, bei welchem Schüler, die nicht mitkamen, zurückgelassen oder ausgeschieden wurden, auch erreicht werden. Und man wird nach dem Erfolg nicht sagen können, dass die von verfrühter Steigerung zu befürchtende Wirkung: Oberflächlichkeit, Äußerlichkeit oder Rückschlag in Ermattung und wissenschaftliche Gleichgültigkeit, Im Allgemeinen bei den Karlsschülern eingetreten wäre.
Der merkwürdigste und imponierendste Zug, den diese Lehrpläne gemeinsam haben, ist der Geist unablässigen energischen Vorwärtsschreitens. Keine Unterrichtseinrichtung wurde deswegen beibehalten, weil sie herkömmlich oder weil sie einmal eingeführt war, sondern man hat fortwährend gefragt: Was hat sich bewährt und was ist Bedürfnis?, und danach Bestehendes abgeschafft oder modifiziert und Neues eingeführt. Soviel man von der Vollkommenheit der Schule sprach und für so vorzüglich man sie auch halten mochte, man war doch unausgesetzt bestrebt, sie noch vorzüglicher, noch vollkommener zu machen; man hat nie auf seinen Lorbeeren geruht, nie einen Stillstand eintreten, vollends gar irgendwelchen traditionellen Schlendrian aufkommen lassen; in beständiger Reflexion auf sich selbst hat die Schule immer noch Höheres und Besseres, und zwar immer unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, zu leisten sich bemüht.
Im April des Jahrs 1783 beginnt, nachdem im Jahr 1782 und anfangs 1783 sich der Übergang allmählich vollzogen hatte, die Universitätsperiode der Karlsschule. Wesentlich Neues in organisatorischer Beziehung st in dieser Zeit nicht mehr geschaffen worden;"

(Die fett hervorgehobenen Wörter sind im Original gesperrt gedruckt)

(aus: Hauber 1907/1909, S.33-36, gekürzt}

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie in Form eines Schaubildes heraus, was nach Ansicht Haubers das Besondere am Konzept der Karlsschule ausmacht.

  2. Zeigen Sie auf, wie er diese Besonderheiten beurteilt und nehmen Sie im Anschluss daran selbst dazu Stellung.

  3. Verfassen Sie einen Kommentar zu den dargestellten Merkmalen der Karlsschule.
     

     
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