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Die Karlsschule

Geschichts- und Geographieunterricht

Gustav Hauber (1907)

 
 

Die Geschichte, die auch in den andern höheren Schulen des Landes Gegenstand des Unterrichts war, galt in der Karlsschule, entsprechend ihrer Bestimmung zur Ausbildung für den Hof- und Staatsdienst, als ein sehr wichtiges Fach und wurde demgemäß, in Verbindung mit Statistik (im Sinne von Staatenkunde), nachdrücklich betont. Der Unterricht darin beginnt mit der Anstellung Jahns im Jahre 1771, der an den obersten Abteilungen 5 Stunden erteilt; weiterhin wird er durchweg von der drittuntersten Abteilung an durch alle vorbereitenden und durch die meisten Berufsabteilungen, außer den Künstlern, fortgeführt, anfangs mit 2-5, späterhin fast regelmäßig 2, vereinzelt 1 und 3 Wochenstunden, meist mit 1 Wiederholungsstunde. Von 1783 an beginnt der Geschichtsunterricht bei der zweituntersten Abteilung und ist bis zu Ende der philosophischen Abteilungen Pflichtfach, auch bei einem Teil der Berufsabteilungen, juristischen, militärischen, auch kameralistischen, scheint er Pflichtfach gewesen zu sein. Dazu kommt seit 1775 Statistik, meist in 1 Wochenstunde, bei den obersten juristischen und militärischen Abteilungen, bei denen sie wohl auch nach 1783 zu den Pflichtfächern gehört hat. [...]
Die Lehrer waren 1771-73 die jeweils angestellten Professoren je für ihre Abteilung, also Jahn, Offterdinger, Schott, Abel, Kielmann, Nast; bei dem Übergang zum Fachlehrersystems im Jahre 1773 erhielt seinem Wunsch gemäß Schott [...] die Geschichte zugewiesen, die er fortan, und zwar bis zum Ende der Schule, als sein ausschließliches Fach, zeitweise mit Statistik, zu lehren hat, in den späteren Jahren beschränkt auf die neuere und württembergische Geschichte. Neben ihm hat 1779-86 Lebret [...] in wenigen Wochenstunden Statistik unterrichtet. Seit 1786 hat den Unterricht in der alten und mittleren Geschichte (1783 auch Statistik) Drück übernommen, der auch die Handelsgeschichte für die Kaufleute alles 2 Jahre erteilte; in diesem Fach unterrichteten vereinzelt auch Schott und Franz. Von 1783 an wird der zweit- und drittuntersten Abteilung als Vorbereitung für den eigentlichen Geschichtsunterricht ein biographischer Unterricht vorgeschoben, den Drück und Lamotte erteilen. [...]
Bezüglich des Stoffs wird unterschieden Universalgeschichte oder Allgemeine Weltgeschichte, und Partikulargeschichte, d. h. württembergische Landesgeschichte. Hinsichtlich der Verteilung des Stoffs auf die verschiedenen Klassen herrscht bis 1873 der Grundsatz, dass das gesamte Gebiet von einem Zögling während seines Gangs durch die Anstalt einmal ganz durchwandert werden soll. Dabei war aber das Tempo des Fortschreitens und demgemäß die Ausführlichkeit der Behandlung in verschiedenen Jahren und bei verschiedenen Abteilungen sehr verschieden, entsprechend auch den verschiedenen Stundenzahlen; in den ersteren Jahren der Anstalt war der Fortgang rascher als seit dem Eintritt normaler Verhältnisse; bei den Juristen und Militärs wurde das Fach länger fortgeführt als bei den Medizinern und Kameralisten. Im Allgemeinen wird in der Regel in der dritten Klasse von unten begonnen mit der ältesten Geschichte, der des israelitischen und der andern orientalischen Völker, und so fortgefahren, dass nach dreijährigem Kurs die alte Geschichte bis Christus zu Ende gebracht ist. In den zwei obersten vorbereitenden (den philosophischen) Abteilungen wird dann das Mittelalter begonnen und teils bis zum 11., teils auch bis zum 15. Jahrhundert geführt, so dass die ganze neuere Geschichte, teilweise noch mit einem Stück des Mittelalters, den Berufsabteilungen bleibt. Nachdem die allgemeine Geschichte ihr Ziel, die Gegenwart, erreicht hat, wird noch die Partikulargeschichte, d. h. die württembergische Geschichte, angefügt, teils kürzer, teils ausführlicher. Daran schloss sich dann, teilweise neben der letzteren hergehend, für die juristischen und militärischen, teilweise auch kameralistischen Abteilungen noch ein Kurs in Statistik, d. h. ein Überblick über die Verhältnisse der Staaten der Gegenwart, ihre politischen und wirtschaftlichen Verfassungen, Einrichtungen, Zustände und ihr Verhältnis zueinander, zuerst von Deutschland, dann von andern europäischen Staaten.
Mit dem Jahr 1783 tritt auch hierin eine neue Ordnung ein. An die Stelle des einmaligen, durch 6-7 Jahre sich hinziehenden Durchlaufens der Geschichte tritt jetzt ein dreimaliges, nämlich 1. in 2jährigem Kurs im 2. und 3. Jahr der Schule, als Biographie der hervorragendsten geschichtlichen Persönlichkeiten alter und neuer Zeit; 2. als Überblick über die ganze Weltgeschichte in 1jährigem Kurs (4. Jahr der Schule); 3. in eingehenderer Darstellung, so dass auf die alte Geschichte 1, die mittlere und neuere 2 Jahre verwendet werden und mit den philosophischen Abteilungen die ganze Weltgeschichte abgeschlossen sein soll; auf diesen 6jährigen Kurs soll dann in den Berufsabteilungen noch Geschichte besonderer Abschnitte, insbesondere württembergische Geschichte und Statistik folgen. Die in der Mitte liegende 'kurze Übersicht', von Drück 'nach synchronistischen Tabellen' gegeben, erscheint denn auch in den Vorlesungsverzeichnissen von 1783-88, von da an aber nicht mehr; sie ist also ohne Zweifel aufgegeben und fortan außer dem 2jährigen biographischen Kurs nur ein einmaliges Durchlaufen der Weltgeschichte beibehalten worden, wahrscheinlich um das dadurch ersparte Jahr verlängert. Aber auch der Abschluss der Weltgeschichte in den philosophischen Abteilungen ist, wie mehrere Prüfungspläne zeigen, nicht durchgeführt worden, vielmehr werden die jüngeren Bestimmungsabteilungen regelmäßig noch für die neue, teilweise auch für die mittlere Geschichte in Anspruch genommen. Das Drängen der Schulleitung auf Fortführung der Geschichte bis auf die Gegenwart innerhalb der bestimmten Unterrichtszeit und anderseits das Nichtfertigwerden der Lehrer scheint also auch hier nicht gefehlt zu haben.
Als Lehrbuch war in den ersten Jahren das auch sonst im Land und anderwärts gebräuchliche Kompendium von Essich (früherem Rektor des Stuttgarter Gymnasiums) eingeführt; von 1782 an wurde für die ältere Geschichte das Handbuch von Remer zugrund gelegt. [...]
Von den beiden Hauptlehrern Schott und Drück ist übereinstimmend bezeugt, dass ihre Vorträge eindrucksvoll, fesselnd, begeisternd gewesen seien und daher sehr geschätzt wurden. Von Schott, der in rhetorischem, theatralisch gefärbtem Vortrag allgemein menschlich zu ergreifen verstand, zeigen die von ihm erhaltenen Reden und Schriften, besonders die Prüfungsthesen, dass er von großen Gesichtspunkten aus mit weitem Blick und freimütigem, besonnenem Urteil seinen Unterricht erteilte und bei umfassender und eingehender Behandlung des Einzelnen doch das Wesentliche treffend hervorzuheben und die Zusammenhänge auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellen Gebiet lichtvoll aufzuzeigen wusste. Drück, der für die großen Männer der Vergangenheit Begeisterung empfand und zu wecken verstand, war so beliebt, dass ihn die Zöglinge beim Eintritt in den Akademiehof zu empfangen und in den Hörsaal zu geleiten pflegten und, da die Plätze im Hörsaal nicht reichten, aus andern Zimmern Subsellien herbeischleppten; der Herzog soll nach einem Besuch in seiner Vorlesung zu ihm gesagt haben: 'Er versteht es sehr gut, den jungen Leuten Seinen Lehrsaal zu einem Rekreationsplatz zu machen.' Er hielt auch die Rede bei der Trauerfeier für den Herzog am 12. Februar 1794. [...]

Auch die Geographie wurde an der Karlsschule aus ähnlichem Grund wie die Geschichte mit Sorgfalt und Nachdruck betrieben, ohne dass aber die Art des Betriebs sich von der an andern höheren Schulen des Landes wesentlich unterschieden hätte. Sie wurde an der zweituntersten, teilweise auch schon an der untersten Klasse anfangs mit 1, später 3 Wochenstunden begonnen, dann in meist 1 Wochenstunde fortgesetzt, in den ersten Jahren durch alle Abteilungen, doch auch noch für die eine und andere militärische, auch kameralistische Abteilung in 1-2, und für die jüngern Handelsleute in 2-3, für die älteren als Handelsgeographie in 2 Wochenstunden. Die Lehrer waren 1772-74 Jahn, daneben die andern Klassenlehrer je für ihre Klasse, von 1774 an hauptsächlich Offterdinger (bis 1779) und Kielmann (bis 1783). [...] Später gilt als Norm, dass auf der ersten Stufe (2 Jahre) das Allgemeinste aus der Geographie fasslich und unterhaltend erzählt, auf der zweiten die politische Erdbeschreibung mit Einschluss des Wichtigsten aus der mathematischen Geographie 2 Jahre gelehrt und in einem dritten kurz wiederholt werde. Für die militärischen Abteilungen wurde der Unterricht von Göriz1 nach deren besonderem Bedürfnis erteilt; Franz1 berücksichtigte besonders die neuesten geographischen Entdeckungen.

Eine Besonderheit der Karlsschule ist der Unterricht in der Handlungsgeschichte, den 1780 Schott, seit 1781 Drück an der älteren Handlungsabteilung in 2 Wochenstunden 'nach eigenem Plan' erteilte, und in der Handlungsgeographie. Während die jüngere Handelsabteilung in politischer Erdbeschreibung wie die andern Abteilungen unterrichtet werden, nur dass einmal (1781) sich die Weisung findet, der Lehrer solle 'sein Augenmerk auf die Handelsplätze jeden Reiches richten', wird für die ältere Handelsabteilung in 2 Wochenstunden Handelsgeographie gelehrt, und zwar 1780-81 von Drück nach seinem eigenen Entwurf, 1788-94 von Franz, gleichfalls nach seinem eigenen Entwurf, der 1787 gedruckt und 1789 zu seinem 'Lehrbuch der Handelserdbeschreibung' erweitert wurde. Auch die Kameralisten hatten zeitweise diese Vorlesung zu hören.
Unter den Lehrern der Geographie wird Franz als durch anziehenden Vortrag hervorragend gerühmt.

An die Geographie schließt sich noch an das Collegium novellisticum, das 1788 -94 Professor Elben [...] in 1 Wochenstunde für freiwillige Zuhörer aus verschiedenen älteren Abteilungen gelesen hat. Er selbst nennt es 'Zeitungskolleg', und es stand also mit seinem Hauptberuf in enger Verbindung; übrigens wurde 'Novellistik' auch in Tübingen und an anderen Hochschulen gelehrt; es war eine Erzählung der neuesten Ereignisse und geschichtlich-geographische Erläuterung zum Verständnis der Zeitungen und der neuesten Weltbegebenheiten.

(aus: Hauber 1907/1909, S.66-70, gekürzt}

1 Zu den Unterlehrern, die das Fach Geographie unterrichteten, zählen: Nädelin (1778-85), Kellenbach (1780-94), Hausleutner (1781-94), Gaus (1782-94), Hübner (1782-94), Hörz (1786-88), Schlotterbeck (1789-94); auf der höheren Stufe unterrichteten die Professoren Drück (1780-81), Göriz (1782-94) und hauptsächlich Franz (1782-94)

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   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie heraus, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen der Unterricht in Geschichte und Geographie an der Karlsschule stattgefunden hat.

  2. Informieren Sie sich in Wikipedia über die in der Zeit der Karlsschule gemachten geographischen Entdeckungen.

  3. Welche Ziele verfolgt der Unterricht der Geschichts- und Geographieunterricht in Württemberg? - Wie beurteilen Sie diese?

  4. Vergleichen Sie die Ziele und Unterrichtspraxis mit heute.
     

     
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