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Die Karlsschule

Neue Sprachen

Gustav Hauber (1907)

 
 
Das Französische wurde im Gegensatz zu den Latein- und Klosterschulen, in denen es gar nicht, und dem Stuttgarter Gymnasium, wo es nur als fakultatives Fach behandelt wurde, in der Karlsschule nachdrücklich als Hauptfach betrieben. Aus dem Charakter der Schule als Hofschule und ihrer Bestimmung zur Ausbildung für den Hof- und Staatsdienst und allgemein zur Weltgewandtheit ergab es sich von selbst, dass die Zöglinge in der Sprache der Höfe, der Weltsprache der höheren Gesellschaft, zu möglichster Fertigkeit gebracht werden sollten. Auch im täglichen Leben der Karlsschule spielt das Französische eine erhebliche Rolle, beherrschte doch der Herzog selbst, der überhaupt durchaus französisch gebildet war, das Französische besser als das Deutsche, und unter den Zöglingen waren immer viele mit französischer Muttersprache; auch als Name der Schule wurde offiziell Académie, auch Ècole militaire, später Université Caroline gebraucht.
Schon 1771-73 wurde den älteren Zöglingen französischer Unterricht erteilt; seit 1774 erhalten sämtliche Abteilungen, auch die Künstler, je 6-4 Wochenstunden; 1776-82 erhalten von den vorbereitenden Abteilungen die unteren 8-6, die mittleren 4-3, die obern 3-2, die Berufsabteilungen 4-2, von den Handelsleuten die jüngern 10-8, die ältern 4, die Künstler 3-4 Wochenstunden, und zwar in der Regel jede Lehrabteilung für sich, nicht selten aber auch von den älteren mehrere zusammen. [...]
Die Lehrer waren durchweg entweder geborene Franzosen oder hatten, soweit sie dies nicht waren, doch längere Zeit als Hofmeister oder Lehrer in Frankreich gearbeitet.1 [...]
Über den Betrieb des französischen Unterrichts ist zu ersehen, dass sowohl Kenntnis und Sicherheit in der Grammatik und Fertigkeit im Französisch-Schreiben, als Gewandtheit im Sprechen als Ziel angestrebt wurde, außerdem auch Kenntnis der französischen Literatur. Der eigentliche Unterricht sollte in 5jährigem Kurs vom Anfang an zum Abschluss kommen, in den philosophischen Abteilungen sollten nur noch Übungen stattfinden und in den Berufsabteilungen Lektüre schwierigerer Schriftsteller, bei den Kaufleuten mehr Übung im Schreiben und Reden, besonders im 'merkantilischen Stil'. [...]
In den philosophischen und beruflichen Abteilungen wurde dann neben Schreib- und Redeübungen, besonders auch Briefstil, als Lektüre behandelt: Boileaus Art poetique, Trauerspiele von Racin, Lobreden von Thomas, Fontanelle, d'Alembert, Voltaires Henriade und Charles XII, Montesquieus Considérations, und eine Auswahl aus verschiedenen Prosaisten; [...]
Trotz dieses nachdrücklichen und vielseitigen Unterrichtsbetriebs liegen in keinem Fach so viele Äußerungen über unbefriedigende Ergebnisse vor, wohl infolge der Verschiedenheit der Vorkenntnisse bei den einzelnen Schülern, der verschiedenen Methode, welche die einzelnen Lehrer befolgten, hauptsächlich aber auch der hohen Anforderungen, die gerade in diesem Fach von außen gestellt wurden. Die Tüchtigkeit der Lehrer ist, wenigstens auf den höheren Stufen, nicht zu bezweifeln, weder bezüglich ihrer allgemeinen Bildung noch ihrer Beherrschung der französischen Sprache und Literatur.[...]

Das Englische, das damals an den Schulen des Landes nirgends gelehrt wurde, bildet auch in der Karlsschule kein eigentliches Schulfach; erst im Jahre 1776 wurde ein Lehrer des Englischen angestellt, und nun an den obersten vorbereitenden und den Berufsabteilungen in je 1-2, für die Handelsleute in 3-4 Wochenstunden englischer Unterricht erteilt, und zwar bis 1782 in verbindlicher Weise. Von 1783 an wurde aber dieser Unterricht nur für die Kaufleute als verbindlich, sonst als fakultativ behandelt; 1784 bestehen 4 englische Klassen mit je 1 Wochenstunde, dazu der Unterricht für die Kaufleute mit 2 Stunden; ähnlich scheint es weiterhin geblieben zu sein. [...] Als wesentliches Ziel des Unterrichts scheint angesehen worden zu sein, einen englischen Schriftsteller lesen zu können; doch wurde auch Komposition eifrig und mit Erfolg betrieben. [...]

Das Italienische kam zunächst unter dem Gesichtspunkt des Bedürfnisses für die Musikzöglinge in die Karlsschule herein, wurde aber sofort auch auf die andern Künstler ausgedehnt; weiterhin erhielten, wohl wegen der in dieser Sprache geschriebenen fachwissenschaftlichen Werke, auch andere Berufsabteilungen daran Anteil; seit 1779 bildet es für die Kaufleute ein Hauptfach. [...]

In der russischen Sprache wurde 1780-83 von dem Kaiserlich russischen Sekretär Boniatschewsky [...] teils für russische, teils für andere Zöglinge in mehreren Abteilungen Unterricht erteilt in 1-2 Wochenstunden; der Unterricht erstreckte sich auch auf russische Erdbeschreibung und auf griechische Religion. [...]
Auch für die polnische Sprache war von April 82 bis April 83 ein Lehrer angestellt. [...]
Im November 1782 erhielt ein M, H. Sevel die Erlaubnis, in der dänischen Sprache Unterricht für einige wenige an der Schule befindliche Dänen zu erteilen; aber schon im April 1783 erhielt er wegen Schulden das consilium abeundi.

(aus: Hauber 1907/1909, S.62-66, gekürzt}

1 Unter den Lehrern waren z. B. Joseph Uriot, Ludwig Alexander LaMotte, Johann Daniel Bär, Schwab,

(im Fettdruck hervorgehobene Wörter und Textpassagen im Original gesperrt)

 

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie heraus, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen der Unterricht in den neuen Sprachen an der Karlsschule stattgefunden hat.

  2. Informieren Sie sich in Wikipedia über die im Text genannten Schriftsteller und erstellen Sie ein Handout mit knappen Informationen über die folgenden Autoren: Boileau (Art poetique), Racin, Fontanelle, d'Alembert, Voltaire und Montesquieu.

  3. Welche Ziele verfolgt der Unterricht der moderne Fremdsprachenunterricht in Württemberg? - Wie beurteilen Sie diese?

  4. Vergleichen Sie die Ziele und Unterrichtspraxis mit heute.
     

     
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