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Die Karlsschule

Deutschunterricht

Gustav Hauber (1907)

 
 
Deutschen Unterricht nach dem Sinn und Umfang dieses heutigen schulmäßigen Begriffs hatte die Karlsschule so wenig wie die andern höheren Schulen der damaligen Zeit. Begreift man darunter nach heutiger Gewohnheit deutsche Sprache, Literatur, Stilistik, Rhetorik und Poetik, so weist die Karlsschule auf diesem Gebiet folgenden Unterricht auf.
In den ersten Jahren wird die 'teutsche Schul' oder 'Klasse' öfters erwähnt, was aber nur den Elementarunterricht ohne Fremdsprache bedeutet. Von 1774 an gibt es eine solche Klasse nicht mehr [...]
Für Zöglinge, denen das Deutsche nicht Muttersprache war, 'Undeutsche', hauptsächlich aus dem französischen Staatsgebiet, zuweilen auch Russen und Polen, bestand während der ganzen Dauer der Schule ein besonderer Unterricht im Deutschen; […]
Was den Unterricht der deutschen Zöglinge betrifft, so ist zunächst zu bemerken, dass aus allen Zeiten der Karlsschule in Anweisungen für die Lehrer, Lehrplänen, Vorlesungsverzeichnissen, Gutachten usw. die Mahnung wiederholt wird, 'der Reinlichkeit der deutschen Sprache im Reden und Schreiben sich zu befleißen' und die Jugend bei jeder Gelegenheit dazu anzuhalten, wozu die Übersetzungen aus den Fremdsprachen und Übungen im Briefschreiben dienen sollen. Besonderer Unterricht in deutschen Sprache wird erwähnt: 1785-90 von dem Unterlehrer Erhard […] durch 'Vorlesen schöner Stellen aus guten klassischen Schriftstellern', dazu Nacherzählenlassen, Berichtigung von Sprachunrichtigkeiten und fehlerhafter Aussprache, auch 'Erklären von Wörtern aus ihrer Abstammung und ihren verschiedenen Bedeutungen [...]. Von 1785 an wird auch von Göriz an den 1-2 obersten philologischen und gelegentlich an einer philosophischen Abteilung Unterricht in 'Teutscher Sprache' erteilt, auch als 'Teutscher Stil' oder 'Briefstil' und 'deutscher Stil' von Nast, Lamotte, Schwab gelehrt. Für die älteren Zöglinge […] lasen die Philosophieprofessoren über Rhetorik und Poetik, und zwar 1775 Böck über 'Redekunst', Schwab von 1788 an wiederholt über 'Beredsamkeit'; vereinzelt über 'Ästhetik', sehr vielfach, von 1784 an jährlich, über 'Schöne Wissenschaften' (im wesentlichen - Ästhetik und Poetik) lasen von 1776-90 Abel, 1790-94 sein Nachfolger Bardili, 1778-86 wiederholt Schwab; zuweilen ist dabei 'zur Bildung des Geschmacks', meist 'mit Übungen in Aufsätzen und Briefen', vereinzelt auch 'in Reden', besonders beigefügt; als Bücher, die dabei benützt wurden, finden sich erwähnt: Engels 'Anfangsgründe der Dichtungsarten aus teutschen Mustern entwickelt' und Adelungs 'Lehrbuch über den deutschen Stil'. Balthasar Haug […] hielt 1779 den Kameralisten und Medizinern eine Vorlesung über 'Teutsche Sprache, Schreibart und Geschmack'.
Man sieht hieraus, dass der deutsche Unterricht an der Karlsschule, wenn er auch von systematischer Behandlung weit entfernt war, doch keineswegs vernachlässigt wurde, vielmehr von Anfang an Beachtung und Pflege fand, und mit dem Heranwachsen der Schule, namentlich in der zweiten Hälfte ihrer Lebensdauer, in steigendem Maße ausgebildet worden ist. Beachtenswert ist, außer dem Nachdruck, mit dem von Anfang an auf sprachliche Korrektheit gedrungen wurde, dass im Jahre 1783 ein eigentlicher Lesebuchunterricht an den Unterklassen eingeführt wurde, den zu erteilen Professoren der philosophischen Fakultät: Abel, Lamotte, Schwab nicht verschmähten. Ganz besonders wurde, und zwar von Anfang an, später aber noch in gesteigertem Maß, der stilistischen Seite - speziell auch für Briefe, wie das einer weitverbreiteten Zeitrichtung entsprach - sorgfältige und nachdrückliche Pflege gewidmet; auch bei der Beurteilung der wissenschaftlichen Probeschriften, und in den verschiedenen Fakultäten, wurde darauf sorgsam und streng geachtet. […] Dem heutigen Geschmack sagt freilich der bei Lehrern und Schülern herrschende breite Periodenbau, in dem man den Einfluss des ciceronianischen Stils erkennen mag, bei den Schülern teilweise durchsetzt mit der Kraftsprache der Sturm-und-Drang-Richtung, weniger zu, noch weniger die in den Festreden und -schriften der Lehrer nie fehlenden schwülstigen Huldigungen für den Herzog; aber stilistisch betrachtet sind dies vorzügliche, teilweise geradezu prachtvolle, hinreißende Werke, die namentlich auch auf die Zöglinge einen mächtigen Eindruck machen und ihren Darstellungen ein ähnliches Gepräge geben mussten. Das Zusammenwirken dieser Einflüsse hat denn auch das Ergebnis gehabt, dass den Karlsschülern überhaupt ein, freilich stark zur Phrase neigender, doch gewandter, fließender, rhetorisch gefälliger und eindrucksvoller Stil gemeinsames Eigentum und Charakterzug ist.
Von Wichtigkeit ist ferner die durch die allgemeinen Einrichtungen der Akademie erleichterte und nahegelegte Übung, dass im unmittelbaren Anschluss an den Unterricht Aufsätze aus dem Gebiet des darin Behandelten ausgearbeitet werden mussten, hauptsächlich in den philosophischen Fächern, aber auch in den philologischen und in manchen der Spezialfächer. [...] Wie man [...] aus den Angaben der Lehrpläne und aus den Abschlussprobeschriften der Zöglinge entnehmen kann, enthielten diese Aufsätze, wozu die Lehrer des betreffenden Fachs die Aufgaben stellten - freilich mit wenig Rücksicht darauf, ob das Thema im Gesichtskreis der jugendlichen Zöglinge liege und für die Jugend geeignet sei, so dass viel aktkluge Lebensweisheit ausgebreitet wurde -, einerseits eine Wiedergabe, Zusammenfassung und Beurteilung des im Unterricht Gelesenen oder Behandelten, andererseits räsonierende Betrachtungen in freierem Anschluss an das Im Unterricht Vorgekommene, hauptsächlich in philosophierender und namentlich moralisierender Richtung, wo zu rhetorisierender Darstellung, aber auch zur Einführung geschichtlicher, besonders kulturgeschichtlicher und ethnographischer Beispiele reichlich Gelegenheit und Anlass war. So bildeten viele Aufsätze ein Hauptmittel für die durch den ganzen Unterricht der Karlsschule hindurchgehende Tendenz, das einzelne nicht nur als solches kennen zu lernen, sondern es als Glied eines größeren Ganzen und unter allgemeinen Gesichtspunkten zum Bewusstsein zu bringen; durch die Nötigung zur Einprägung und geistigen Durchdringung der Unterrichtsgegenstände und zu klarer, gefälliger Schreibart sind sie in der Richtung auf wissenschaftliche Stoffbeherrschung wie auf gute und lichtvolle Darstellung besonders fruchtbar gewesen.
Was von deutscher Sprachlehrer, in engem Anschluss an Adelung oder Fulda, geboten wurde, dürfte wenig eindrucks- und wirkungsvoll gewesen sein. Dass die Zöglinge der Karlsschule von den früheren Gestalten der deutschen Sprache, von ihrer Geschichte und von der ältern deutschen Literatur so gut wie nichts zu hören bekamen, versteht sich bei dem damaligen wissenschaftlichen Stand dieser Gebiete selbst. Auch mündliche Rede und Vortrag wurde außer in den Disputationen bis 1782 nur ganz vereinzelt geübt, wenn man nicht die gelegentlichen Theateraufführungen von Zöglingen und die allerdings verhältnismäßig häufig von einzelnen Zöglingen gehaltenen Reden zur Verherrlichung des Herzogs und seiner Gemahlin an deren Geburtstagen und bei den Preisverteilungen, auch die vom Herzog befohlenen Reden bei den Einladungen zur herzoglichen Tafel, hierher rechnen will.
Aber auch von Behandlung der neuern deutschen Literatur sind nur wenige Spuren zu finden. Der Herzog, der in dieser Beziehung über die französische Bildung seiner Standesgenossen und seiner eigenen Jugend nicht hinausgekommen war, betrachtete die Dichtung wesentlich als müßiges Ergötzen, als Spiel der Phantasie; für ihre höhere Bedeutung überhaupt, wie für das Aufstreben und Aufblühen der nationalen Literatur hatte er kein Verständnis und Gefühl, und an den Erzeugnissen von Sturm und Drang fand er, soweit er überhaupt davon Kenntnis nahm, keinen Geschmack und fürchtete sie wohl als umstürzlerisch. Wenn aber auch die deutsche Literatur als solche nicht Gegenstand des Unterrichts war, so boten doch die Vorlesungen über 'Redekunst' und 'Beredsamkeit', und hauptsächlich über die 'Schönen Wissenschaften', 'Ästhetik', 'Deutsche Sprache, Schreibart und Geschmack' einen unverächtlichen Ersatz. Wohl handelte es sich dabei zunächst nur um das Philosophische, die ästhetische und poetische Theorie, wobei man sich an die herrschenden französischen, englischen und deutschen Kunsttheoretiker, hauptsächlich Sulger, zwar in freier Weise, doch mit wenig Selbständigkeit und ohne höheren Flug zu nehmen, anschloss; aber zu den allgemeinen Sätzen wurden von den mit warmem Eifer für ihren Gegenstand erfüllten Lehrern als Beispiele und Belege Proben aus der vorhandenen Literatur gegeben, der französischen, der englischen, wobei Shakespeare nicht fehlte, und auch der zeitgenössischen deutschen: Namen und Werke von Klopstock, Wieland, Lessing, Winckelmann, Herder, ja, auch von Goethe waren in den Hörsälen wie in den Arbeitsräumen der Zöglinge nicht fremd. So ging von diesen Vorlesungen neben ihrem Hauptinhalt die wertvollere Nebenwirkung aus, dass eine gewisse Literaturkenntnis übermittelt, hauptsächlich aber das Interesse in dieser Richtung lebhaft angeregt wurde, wozu noch kam, dass manche von den Lehrern, neben Abel, Haug, Schwab wohl auch Schott, Nast und Drück u. a., zur Beschäftigung mit poetischen Dingen persönlich ermunterten und darin förderten. Und wenn auch wohl nicht alle Zöglinge dazu kamen, eine Vorlesung über Schöne Wissenschaften zu hören, so ging doch bei dem engen Zusammenleben der Karlsschüler die anregende Wirkung solcher Vorlesungen auch auf die weiteren Kreise der Zöglinge über.

(aus: Hauber 1907/1909, S.53-56, gekürzt}

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   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie heraus, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen der Deutschunterricht an der Karlsschule stattgefunden hat.

  2. Informieren Sie sich in Wikipedia über die im Text genannten Schriftsteller und erstellen Sie ein Handout mit knappen Informationen über die folgenden Autoren: Sulger, Lessing, Goethe, Winckelmann, Herder, Aedlung, Shakespeare, Cicero

  3. Welche Ziele verfolgt der Deutschunterricht?

  4. Vergleichen Sie die Ziele und Unterrichtspraxis mit heute.
     

     
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