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Die Karlsschule

Der Herzog und die Karlsschule

Gustav Hauber (1907)

 
 

Die hervorstechendste Eigentümlichkeit der Schule ist die Stellung des Herzogs zu ihr. Er war nicht nur als Landesherr ihr Stifter und Schirmherr, sondern im eigentlichen Sinn ihr Begründer, Erhalter und Leiter, ohne dessen Kenntnis, Befehl und Zustimmung an der Schule während ihres ganzen Bestehens nichts Großes und nichts Kleines geschah; sie war sozusagen eine Privatanstalt des Herzogs. [...]
Ganz unvermittelt ist ja mit der Karlsschule pädagogische und wissenschaftliche Neigung beim Herzog nicht hervorgetreten, Schon 1761 hatte er die Académie des arts, 1762 die Naturalienversammlung, 1765 die Öffentliche Bibliothek begründet, die Schulen des Landes, besonders das Gymnasium in Stuttgart und die Klosterschulen, wie auch die Universität Tübingen öfter besucht und namentlich 1767 in langdauernder Anwesenheit diese in allen ihren Teilen und Einrichtungen kennen zu lernen gesucht, auch bei diesem Anlass ihre Unterrichtsanstalten erweitert. [...]
Ein Mann der Wissenschaft im eigentlichen Sinn war nun freilich der Herzog nicht; die mangelhafte Ausbildung seiner Jugend durch gründlichere Studien zu erweitern und zu vertiefen hatte er bisher weder Zeit noch Neigung gehabt, über den Dilettanten auf diesem Gebiet ist er nie hinausgekommen; aber durch die wiederholten eingehenden Besuche in den inländischen Lehranstalten und bei seinen vielen Reisen im Ausland, wo er überall auch die wissenschaftlichen Einrichtungen eingehend besichtigte, hauptsächlich aber durch den Verkehr mit vielen und bedeutenden Gelehrten hatte er zwar nicht einen tiefen Einblick, wohl aber bei seinem großen angeborenen Talent einen recht umfassenden Umblick auch auf dem wissenschaftlichen Felde erworben, und besonders in der Philosophie nach dem damaligen Begriff, und in den auf die Staatsverwaltung sich beziehenden Disziplinen besaß er in seinen späteren Jahren wirkliches Interesse, Wissen und Verständnis.
Auch auf pädagogischem Gebiet war er nicht selbständiger, schöpferischer Fachmann in dem Sinn, dass er sich ein pädagogisches Ideal geschaffen und zu dessen Verwirklichung eine Lehranstalt gegründet hätte [....]. Wenn er in den Reden, die er in der Karlsschule hielt, in ermüdender Wiederholung 'die Tugend' als Ideal und Ziel der Erziehung gepriesen, seine Schule einen 'Tempel der Weisheit und Tugend, der Aufklärung' genannt hat, so kann man darin doch wesentlich nur Phrasen erkennen. In Wirklichkeit war das Ziel seiner Erziehungstätigkeit überhaupt nicht ein abstraktes, ideales, sondern ein durchaus praktisches, nämlich junge Leute für bestimmte höhere Berufstätigkeit heranzuziehen und auszubilden für Kriegs-, Hof- und Staatsdienst und für die Künste; in der offiziellen Beschreibung der Karlsschule (von Batz 1783) wird zwar an einer Stelle gesagt, der Zweck des Herzogs sei gewesen, 'gute Menschen und nützliche Bürger zu bilden', an anderer Stelle aber, 'die jungen Leute sollen zu eigentlichen Geschäftsmännern, nicht zu Privatgelehrten gebildet werden'. Und als der richtige Weg dazu erschien ihm möglichst guter Unterricht und möglichste Konzentration der Zöglinge auf diesen durch Abhaltung störender Einflüsse mit allen Mitteln des äußeren Zwangs. 'Kräfte zu wecken in den jungen Leuten', mahnte er immer wieder die Lehrer, und die Zöglinge zur Arbeit anzuspornen betrachtete er als eine Hauptaufgabe seiner Anstalt, weil Arbeit das beste Mittel gegen sittliche Verwirrung sei und bei der Arbeit der jugendliche Geist und Charakter am kräftigsten und gesundesten gedeihe.
Wenn in diesem Sinne von einem dem Herzog eigentümlichen pädagogischen Prinzip gesprochen werden kann, so stand es doch im engsten Zusammenhang mit seiner Eigenschaft als Landesherr in der doppelten Richtung des Landesvaters und des Alleinherrschers. Es sollten unbemittelte Landskinder, wie es wirklich in erheblichem Umfang geschah, versorgt und zu höherer Lebensstellung geführt werden, und die Früchte dieser Erziehung sollten in der Gestalt tüchtiger Offiziere, Beamten und Künstler dem Lande zugute kommen. Aber freilich, die so Versorgten sollten dem Herzog als dem Schöpfer ihres Glücks zeitlebens dankbar und seinem Dienst unbedingt gewidmet bleiben, und die Ausbildung sollte im Ganzen und in allem Einzelnen so beschaffen sein, wie der Herzog es wollte; die künftigen Hof- und Staatsdiener sollten eine 'egale Kultur' im Sinn des Herzogs zeigen, sollten alle ganz nach seinem Geist und Geschmack gemodelt sein. [...]
Eitelkeit und Ehrsucht als die einzige Triebfeder des Herzogs auf diesem Gebiet zu bezeichnen, wie es vielfach geschehen ist, wäre sicher unrichtig.  Aber nachdem einmal ein Anfang mit der Schule gemacht war und die Sache sich gut anließ und der Herzog Geschmack daran fand, da hat allerdings die als ein Hauptcharakterzug an ihm bekannte Sucht, zu glänzen und gepriesen zu werden, mächtig eingesetzt. Er wurde fortan nicht müde, die Fortschritte und Vorzüge, das 'lustre' seiner Schule selbst zu rühmen und sie von anderen in Wort und Schrift rühmen zu hören; und selbst als Wohltäter und Ernährer der Schule und ihrer Zöglinge, als gütigster und erleuchtetster Förderer der Wissenschaften und Künste gefeiert zu werden war ihm ein hoher Genuss und Bedürfnis und eine Forderung an jeden, mit der in Berührung trat. Daher pflegte er auch seinen Gästen sehr gern seine Schule zu zeigen, die denn auch sehr zahlreiche Besuche fürstlicher und berühmter Männer erhielt, unter denen neben dem schon berührten von Joseph II. (1777), der von Herzog Karl August und Goethe bei der Jahresfeier 1779 nicht unerwähnt bleiben soll. Deshalb musste denn namentlich auch in der Schule selbst dieser Leidenschaft in der ausgiebigsten Weise gehuldigt werden und wurde ihr gehuldigt. Es ist auch kein Zweifel, dass das Streben nach dem Ruhme, etwas an Großartigkeit und Vorzüglichkeit Unübertroffenes geschaffen zu haben und zu besitzen, sehr wesentlich zu den immer neuen Erweiterungen und Vervollkommnungen der Schule beigetragen hat.
Indes ist damit noch nicht alles erklärt. 24 Jahre lang beschäftigte sich der Herzog mit der täglichen Fürsorge für alle laufenden Geschäfte der Anstalt, ließ sich täglich über alle großen und kleinen Vorkommnisse schriftlich und mündlich Rapport erstatten, führte die ganze Strafdisziplin ausschließlich persönlich, wohnte, wenn er am Ort war, täglich zweimal den Mahlzeiten der Zöglinge an, indem er fröhlichen Blicks durch die Reihen schritt und da und dort, besonders mit den jüngeren, Gespräche anknüpfte, sah oft, durch die Korridore gehend, durch die in den Türen angebrachten Fenster nach der Aufmerksamkeit beim Unterricht, und nachts, die Schlafsäle durchwandelnd, nach Ruhe und Ordnung, besuchte die Kranken auf den Krankenzimmern, maß eigenhändig zweimal jährlich jeden Zögling, um ihm seinen Platz in der Reihe seiner Abteilung anzuweisen; er beschäftigte sich beständig mit der Anstellung geeigneter Lehrer und bildete sich sein Urteil über ihre Leistungen, prüfte alle Lehrpläne und Lehrbücher, stellte oder genehmigte alle Themen zu Reden von Lehrern und Schülern, alle Themen und Thesen zu Dissertationen und Disputationen, wohnte selbst allen Prüfungen der Lehrer und der Zöglinge und allen Disputationen an und nahm dabei mit eigenen Fragen Anteil; er hielt bei den Festakten selbst Reden an die Festversammlung und an den Vorabenden der Preisverteilung Ansprachen an die Zöglinge in Gegenwart von Vätern und Müttern, und verteilte eigenhändig die Preise; er las und beurteilte alle irgendwie an die Öffentlichkeit tretenden Dissertationen von Lehrern und von Schülern und verfolgte sorgfältig die Entwicklung aller einzelnen Zöglinge. Das wird doch nur daraus verständlich, dass er eine wirkliche, natürliche Anlange, eine innere Freude an der Jugend und Befähigung für Jugenderziehung besaß, was man denn wohl als den eigentlichen Kern und Keim seiner Erziehungstätigkeit wird betrachten dürfen. Wenn er bei seinen Ansprachen die Zöglinge mit 'Liebste Söhne' anzureden pflegte, so war das wirklich nicht bloß Phrase, er trug sie wie ein Vater auf dem Herzen; das Erziehen war ihm nicht bloß Verstandes- und Willenstätigkeit, sondern Herzenssache.
Freilich sind auch zahlreiche Züge vorhanden, die den Herzog als keineswegs idealen Pädagogen und Schulleiter erscheinen lassen, und die hier nicht verschwiegen werden sollen. Schon in fachlicher Beziehung gab er sich manche Blößen. Seine Fragen und Behauptungen bei den Prüfungen und Disputationen sollen zuweilen sehr zum Lachen gereizt, und ein Zögling soll einmal in der mathematischen Lektion durch flottes Anschreiben sinnloser Buchstaben und Zahlen an die Tafel sich ein sehr unverdientes Lob vom Herzog erworben haben. In der deutschen Sprache wurde er, dessen Muttersprache eigentlich die französische war, nie ganz sicher; seine schriftlichen Äußerungen, auch die sorgfältig abgefassten Reden sind, von der gräulichen Orthographie ganz abgesehen, reich an Verstößen gegen die deutsche Sprache, die Reden zwar in feierlichem Pathos gehalten und voll von Mahnungen zur Tugend und Religion, doch wesentlich phrasenhaft, ohne klaren Gedankenfortschritt und von inkorrektem Satzbau, auch durch die beständig wiederholte Forderung der Dankbarkeit für das Glück seiner väterlichen Fürsorge eher das Gegenteil zu bewirken geeignet. Aber es ist zweifellos und durch bestimmte Zeugnisse erwiesen, dass diese Reden auf die Zuhörer nach deren Gewöhnung im Allgemeinen nicht abstoßend wirkten und durch die ihnen nicht abzusprechende eigenartige Beredsamkeit mindestens auf die Zöglinge einen starken Eindruck machten, und dass diese überhaupt, wenigstens solange sie der Schule angehörten, mit verhältnismäßig wenigen Ausnahmen den Herzog wie einen Vater als dankbare Söhne verehrten. Dass sie von der Schulleitung veranlasst bzw. genötigt wurden, dieser  Verehrung und Dankbarkeit auch in der Schule durch Reden und Gedichte uns sonst in allen Formen öffentlich Ausdruck zu geben, mag man wohl als Erziehung zur Heuchelei missbilligen, wird es aber bei der Verhältnissen der Schule, wie sie nun einmal waren, begreiflich finden.
Schlimmer mag man es wohl pädagogisch beurteilen, dass der Herzog im Jahr 1774 einer Abteilung die Frage schriftlich zu beantworten gab: 'Wer von euch ist der Geringste?', und in demselben Jahr die Aufgabe gestellt hat, alle Mitzöglinge der Abteilung nach 10 aufgestellten Fragepunkten zu schildern, dass er einem Zögling, dem gegen das Verbot Konfekt geschickt worden war, einen Brief an die Eltern diktiert hat, worin der Sohn das Geschickte zurückwies. Es waren das augenblickliche Einfälle despotischer Laune, die im Ganzen doch ziemlich vereinzelt dastehen, Man mag es auch pädagogisch bedenklich finden, dass der Herzog seine spätere Gemahlin Franziska, mit er von 1772 an auf der Solitude und später in Stuttgart zusammen lebte und die anfangs die Stellung einer Mätresse hatte, gern bei seinen Besuchen in der Schule mitnahm. Aber die Zöglinge sahen in ihr wohl von Anfang an eben die Gemahlin des Herzogs, was sie später (1785) auch geworden ist, und fühlten, zumal da sie sonst so gut wie kein weibliches Wesen zu Gesicht bekamen, von ihrer weiblichen Liebenswürdigkeit und mütterlich teilnehmenden Freundlichkeit eine mildernde, versüßende Wirkung gegenüber der Strenge der Anstaltsordnung. Die - pädagogisch fast unglaublichen -Themen, die der Herzog für Reden und Schriften von Zöglingen zur Feier des Geburts- und Namenstags von Franziska gestellt oder genehmigt hat: Sur l'influence du beau sexe sur les arts; Sur les talents supérieurs du beau sexe; L#image de la belle nature dans une femme verteuse; Ob Tugend beim schönen Geschlecht einer Folge der Jahre oder der Erziehung sei; Ob große Seelen des weiblichen Geschlechts die Standhaftigkeit der männlichen erlangen können; Was größer sei, eine männliche oder eine weibliche schöne Seele; Von der Standhaftigkeit tugendhafter Frauen; Gehört allzu viel Güte, Leutseligkeit und große Freigiebigkeit im engsten Verstande zur Tugend? - diese und andere wird man unter diesem Gesichtspunkt vielleicht etwas milder beurteilen. Ein paar gut bezeugte Anekdoten aus dieser Sphäre, z. B. dass der Herzog von einem Zögling, einem Grafen von Nassau, den er wegen vieler Vergehen abrügen sollte und fragte: 'Was würde Er sagen, wenn Er an meiner Stelle wäre?' die Antwort bekommen haben soll: 'Komm, Franzel, lass den dummen Jungen stehen', ohne dass ihn der Herzog dafür bestrafte, zeigen - außer anderen Beispielen -, dass diesem fürstlichen Pädagogen auch ein Zug guten Humors nicht fehlte, wie er denn überhaupt an munterem, offenem Wesen der Zöglinge Gefallen fand.
Laune und Willkür spielten freilich bei seiner Schulleitung andauernd eine sehr große Rolle, gegenüber den Zöglingen in der Handhabung der Disziplin im Einzelnen, der Verfügung über ihre Studien und bei den unentgeltlich aufgenommenen namentlich auch über ihren Beruf, in der Aufnahme, Beförderung, Entlassung und besonders auf die Gehaltsverhältnisse. Bindende Verpflichtungen ging er überhaupt nur in beschränktem Umfang ein, behielt sich vielmehr seine Entscheidungen im Allgemeinen immer vor, und auch wo er eine Zusage gegeben hatte, konnte man sich darauf nicht sicher verlassen; alles war von seinen jeweiligen Entschließungen abhängig, so wollte er es haben und fühlte sich darin. Von der Richtigkeit seiner Anschauungen und Absichten war er dabei völlig überzeugt und ebenso von der Richtigkeit seiner Anordnungen und Handlungen im einzelnen. Im Allgemeinen ist auch an seiner guten, wohlmeinenden Absicht für die Schule und für die Zöglinge und sonstigen Angehörigen nicht zu zweifeln. Namentlich von seiner Kenntnis und richtigen Beurteilung der Menschen war er tief durchdrungen, und in der Tat hat er in der Beurteilung der Zöglinge, trotz einzelner Irrtümer, im ganzen einen überraschend richtigen Blick bewiesen, und hauptsächlich in der Wahl der Lehrer hat er sich als den praktischen, welterfahrenen, mit einer gewissen Genialität das Richtige schauenden Menschenkenner bewährt. Mochte Schubart spotten über den Tyrannen, der zum Schulmeisterlein geworden, mag man nicht ohne Berechtigung sagen, er habe bei seinem Übergang von den üppigen Hoffesten zur Erziehungstätigkeit doch nur eine Liebhaberei mit einer anderen vertauscht: er verfolgte dabei doch recht ernste, gute und wohlerwogene Zwecke, und die ganze Geschichte der Karlsschule erweist ihn als wirklich mit pädagogischer Gabe begnadet und als einen Schulorganisator großen Stils. [...]

Von außen aber ließ sich der Herzog von niemand dreinreden. Denn die Schule galt als zum herzoglichen Hof gehörig und war damit unabhängig vom Kirchenrat, dem sonst die Volksschulen und die höheren Schulen unterstanden, wie auch von der Landschaft, die zwar erstmals 1773 und später wiederholt umfassende Beschwerden einreichte wegen unnötiger Ausgaben, Schädigung der bestehenden Unterrichtsanstalten, Verletzung der Landesordnungen durch Aufnahme ausländischer und katholischer Lehrer und Schüler, bei dem Herzog aber, der längst auch auf anderen Gebieten gewohnt war ihre Vorstellungen zu ignorieren, kaum irgendwelche Beachtung fand. [...]
So wurde denn zunächst bezüglich der finanziellen Seite sehr souverän verfahren. Eigene Einnahmen hatte die Schule anfangs überhaupt nicht, da sie ja eine Versorgung für arme Kinder sein sollte und weiterhin für solche, denen der Herzog dies als besondere Gnade gewährte; 1776 wurde zwar für einen Teil der Zöglinge ein Kostgeld eingeführt, aber die Ausgaben wurden dadurch entfernt nicht gedeckt. Die Akademiekasse - deren Verhältnisse freilich wenig übersichtlich sind, da sie auch für andere Zwecke, so z. B. auch für die Ecole des demoiselles, aufzukommen hatte - wurde anfangs aus Privatmitteln des Herzogs, weiterhin aber aus dem Kirchengut und verschiedenen öffentlichen Kassen auf Befehl des Herzogs unterhalten. [...]
Daraus. dass die Schule Hof- und Fürstenschule, und also den Kirchen- und Schulbehörden des Landes grundsätzlich entzogen war, ergab sich für sie der sehr wichtige Vorteil, dass sie auch bezüglich der innern, besonders der religiösen, pädagogischen und wissenschaftlichen Einrichtungen an keine äußere Instanz und besonders auch an keine Tradition gebunden war. Die Leiter der Schule konnten aus dem, was irgend sonst an Einrichtungen für Erziehung und Unterricht vorhanden war, entnehmen, was ihnen gut und zweckmäßig dünkte, ohne etwas beibehalten zu müssen, weil es eben da war und vielleicht in irgendwelchen äußern Umständen eine Stütze hatte; und sie mussten auch keine Neueinführung oder Änderung deswegen unterlassen, weil sie bisher nicht dagewesen war und man sie erst eingehend hätte begründen und rechtfertigen müssen.
Ferner: wer als Lehrer oder auch als Zögling in die Schule aufgenommen wurde, trat damit in eine gewisse persönliche Beziehung zum Landesherrn und bekam einen gewissen Anteil an dem Hof und seinem bewegten, glänzenden Leben. Dies entsprach einem pädagogischen Prinzip des Herzogs, der meinte, nicht in klösterlicher Abgeschiedenheit, wie in den Klosterschulen und dem Tübinger Stift, sondern mitten 'in der Welt' solle die Erziehung vor sich gehen. Und dass die Zöglinge durch die Berührung mit dem Hof auch höfisches Benehmen, gute Lebensart lernen, wurde von der Anstalt selbst als einer ihrer Vorzüge gerühmt. Dass sich die Zöglinge dabei wesentlich passiv und als Zuschauer verhielten, ist ja wohl selbstverständlich; aber sie hatten doch fast täglich Gelegenheit, den Herzog und seine Umgebung zu sehen, und lebten in ihrer Sphäre, wurden sehr häufig vom Herzog und seiner Umgebung in Gespräche gezogen, die Kavalierssöhne auch zuweilen gruppenweise, bis zu acht, zur herzoglichen Abendtafel gezogen; dabei soll es freilich wegen der Liebhaberei des Herzogs fürs Examinieren nicht sehr gemütlich gewesen sei- er pflegte die Aufgabe zustellen, über ein von ihm gegebenes oder ein selbst gewähltes Thema 'einen Diskurs zu eröffnen' -, und Franziska musste durch Spenden von Süßigkeiten nachhelfen. Alle Hoffeste wurden zugleich zu Akademiefesten, besonders die Geburts- und Namensfeste des Herzogs und der Franziska und Besuche hoher Gäste, wie andererseits auch die Akademiefeste zugleich Hoffeste waren, indem die öffentlichen Prüfungen und Schlussfeiern jährlich als große Hoffeierlichkeiten öffentlich angekündigt und durch die Teilnahme des Herzogs mit seinem ganzen Hof, einschließlich der fremden Gesandten, beehrt, auch nachher durch eine ausführliche Beschreibung aus der Feder des Professors Uriot bis zum Jahr 1782 in der Stuttgarter Privilegierten Zeitung für die weiteren Kreise bekanntgegeben wurden. [...]Die Strafdisziplin behielt der Herzog ausschließlich sich selbst vor; bei kürzerer Abwesenheit wurden die Entscheidungen aus seine Rückkehr aufgeschoben, so dass sie oft verhältnismäßig lange nach dem Vergehen folgten; nur wenn er längere Zeit verreist war, traf sie als sein Stellvertreter der Intendant. Ein von diesem im Jahr 1783 gestellter Antrag: den Offizieren, Professoren und anderen Lehrern die Befugnis einzuräumen, Verfehlungen der Zöglinge selbst alsbald abzurügen, wurde vom Herzog abgelehnt. Körperliche Bestrafung war im Allgemeinen grundsätzlich ausgeschlossen. Bei ganz jugendlichen Zöglingen (es wurden solche im Algemeinen vom neunten Jahr an aufgenommen, in einzelnen Fällen auch jüngere) wurde zuweilen nach wiederholten anderen Strafen von der Rute Gebrauch gemacht, was dann zuweilen auch bei solchen Zöglingen vorgekommen sein soll, die schon älter waren, aber wegen ihrer Kleinheit für jünger angesehen wurden. Diese Züchtigung wurde öffentlich im Schlafsaal durch Aufseher in Gegenwart eines Offiziers und der Eleven der entsprechenden Abteilung vollzogen. Sonst kam es nicht selten vor, dass der Herzog ein Vergehen durch einen eigenhändigen Backenstreich rasch erledigte; im ganzen aber war es ein wiederholt und öffentlich ausgesprochener und auch durchgeführter Grundsatz, dass nicht mit Schlägen bestraft werde. Sämtlichen Lehrern, auch der unteren Stufen, und dem gesamten Aufsichtspersonal war nicht nur körperliche Züchtigung irgendwelcher Art durchaus verboten - und es findet sich kein Beispiel, dass eine solche vorgekommen wäre -, sondern auch in den Dienstanweisungen ausdrücklich und nachdrücklich zur Pflicht gemacht, sich auch derber und verletzender Ausdrücke zu enthalten und die Zöglinge freundlich zu behandeln. Hiegegen mag von den Aufsehern nicht selten und zuweilen auch von den Offizieren gefehlt worden sein, aber die Anstaltsleitung tat, was sie konnte, für die Durchführung, und Abweichungen bildeten eine verhältnismäßig seltene Ausnahme.
Für Verfehlungen, die im Unterricht oder gegen die Disziplin, die Hausordnung, die Reinlichkeit usw. begangen wurden, war folgendes Verfahren eingeführt: der Lehrer oder Aufseher, der einen Zögling zur Bestrafung bringen wollte, schrieb das Vergehen auf ein Quartblatt; dieses musste der Zögling zusammengefaltet als so genanntes 'Billet' bis zum Vollzug der Strafe an der Brust zwischen der Weste tragen und es dem Herzog, wenn er beim Essen oder sonst an den Reihen hinschritt, übergeben, und der Herzog, der von dem Vergehen schon vorher aus dem schriftlichen Rapport wusste, sprach dann, unter Umständen nach kurzer Untersuchung, die Strafe aus. Diese bestand gewöhnlich im so genannten 'Karieren' auf einen oder mehrere Tage, d. h. der Zögling bekam mittags und abends nur eine Suppe und musste bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten an einem besonderen Tische stehend zusehen. Bei schweren Fällen gab es noch die Strafe des Karzers auf einen oder mehrere Tage, zuweilen verschärft durch Beschränkung auf Wasser und Brot, außerdem Entziehung des Ausgangs am Sonntag, auch der Vakanz, und als letztes Mittel den Ausschluss aus der Schule. Dieser kam als Strafe nicht häufig vor; immerhin mögen, abgesehen von den sehr zahlreichen Entlassungen der ersten Jahre, die andere Gründe hatten, manche Austritte durch Unverträglichkeit mit der Anstaltsordnung veranlasst worden sein. Im Ganzen aber war die Handhabung der Strafdisziplin verständig und human. Nach der An- und Absicht des Herzogs sollte überhaupt der Erziehungs- und Lehrzweck nicht sowohl durch Strafen als durch Aneiferung zum Guten und Anspornung des Fleißes erreicht werde, und zwar durch die Mittel des Ehrgefühls und Ehrtriebs. Diese in den Dienst der Schule zu ziehen war ein Hauptgrundsatz des Herzogs, und dafür wurde denn ein wohl organisiertes System ausgedacht und angewandt.
Zunächst wurden innerhalb der einzelnen Lehrabteilungen monatlich Lokationen vorgenommen. Zu diesem Zweck wurden von den einzelnen Lehrern die Zeugnisse dem Sekretariat der Anstalt übergebe, das dann unter entsprechender Berücksichtigung  der Hauptfächer die Lokation ausrechnete. Diese wurde je am 15. des Monats vom Herzog feierlich der gesamten Abteilung verkündigt, in der späteren Zeit auch gedruckt, und in dieser Form den Angehörigen mitgeteilt; der Erste jeder Lehrabteilung trug auf der rechten Schulter ei gelbes, rot eingefasstes Band, solang er diesen Platz behauptete.

Ferner dienten diesem Zweck die öffentlichen Prüfungen, die von 1771 an alljährlich, mit einziger Ausnahme des Jahres 1783, wo sie der Seuche wegen ausfielen, abgehalten und mit großer Wichtigkeit umgeben wurden. Sämtliche Abteilungen wurden in sämtlichen wissenschaftlichen und technischen Fächern geprüft, daher dauerte die Prüfung 14 Tage lang, täglich vormittags 9-12 und nachmittags 3-6 Uhr. [...] Alle 'Honoratioren' oder 'Standespersonen' hatten Zutritt, besonders waren sie auch für die Eltern der Zöglinge bestimmt; hauptsächlich aber wohnte der Herzog als der eigentlich die Prüfung Abnehmende von Anfang bis zu Ende, nicht selten selbst fragen, an, und der ganze Hofstaat, die fremden Gesandten mit Damen, Hof- und Staatsbeamte und Gelehrte aus der Stadt und von auswärts nahmen feierlich daran teil [...].
Im Zusammenhang mit den öffentlichen Prüfungen und als Bestandteil derselben wurden, sobald die Zöglinge einigermaßen dazu herangereift waren, nämlich 1775, anschließend an die Gebräuche, die an den Universitäten, speziell dem Tübinger Stift bestand, öffentliche Disputationen von Zöglingen über wissenschaftliche Gegenstände eingeführt. Der Lehrer (später auch einzelne Zöglinge) stellte aus seinem Unterrichtsfach eine größere Anzahl von Thesen auf ('brachte sie zu Katheder'), die vorher vom Herzog genehmigt sein mussten, oder schrieb eine 'Streitschrift', die den Gegenstand der Verhandlungen bildete, und führte bei der Disputation den Vorsitz. Die zum voraus von ihm bestimmten Zöglinge ('Respondenten') verteidigten die Sätze oder den Inhalt der Streitschrift gegen die Einwände der 'Opponenten', welche teils andere Zöglinge, teils andere Lehrer der Anstalt, teils sonstige Gelehrte vom Hof, aus der Stadt und vom Lande waren; oft wechselten auch im Lauf der Disputation von die Zöglingen die Respondenten und Opponenten ihre Rollen, und zuweilen griff der Herzog selbst ein, indem er Einwände erhob oder nähere Ausführungen gab, einmal (1780) auch selbst 'zusammenhängende Sätze aus der Staats-, Kriegs-, Wirtschafts- und Handelskunde' aufstellte und unter dem Vorsitz eines Professors durch Zöglinge verteidigen ließ. [...] Es ist kein Zweifel, dass diese Disputationen ein wichtiges Mittel und mächtiger Antrieb waren für die sichere Beherrschung des betreffenden Wissensstoffs und für die Gewandtheit im öffentlichen Auftreten und Sprechen. [...]
Den Abschluss der öffentlichen Prüfungen, zugleich den Höhepunkt dieser Festzeit der Schule und des Schuljahrs überhaupt, bildete die Preisverteilung, die erstmals am 16. Februar 1772,  nachträglich für das Jahr 1771, dann 1772-81 am Stiftungstag der Anstalt, dem 14. Dezember, 1782 und 84 am 22. Dezember, von 1785 an zum Schluss des Winterhalbjahres Mitte April, auf der Solitude im 'Lorbeersaal', in Stuttgart bis 1781 im weißen Saal des Residenzschlosses, seit 1782 im oberen Saal des Mittelbaus der Akademie gehalten wurde. Sie wurde als ein Hoffest ersten Ranges behandelt, vorher feierlich angekündigt, mit einer glänzenden Auffahrt zu dem Gottesdienste, der sie eröffnete, eingeleitet. In der Schule selbst wurde sie vorher in der Weise vorbereitet, dass am Schluss der Prüfung der einzelnen Abteilungen der Herzog eine Art Abstimmung über die in den einzelnen Unterrichtsfächern zu Prämiierenden veranstaltete. [...] In sämtlichen einzelnen Fächern, in denen im betreffenden Jahr unterrichtet und geprüft worden war, und in der Konduite, wurde in jeder Unterrichtsgruppe je ein Preis erteilt, so dass eine sehr erhebliche Anzahl von Preisen, bis zu 142 (1780) herauskam und ungefähr auf je drei Zöglinge ein Preis traf. Die Preise selbst bestanden aus großen Medaillen von Silber, für die Kavalierssöhne und Chevaliers vergolde, die auf der einen Seite das Brustbild des Herzogs trugen, auf der andern ein Sinnbild der betreffenden Wissenschaft oder Kunst. [...]
Um aber die Wirkung noch zu erhöhen, stiftete der Herzog 1772 nah der ersten Preisverteilung für solche Zöglinge, die gleichzeitig vier Preise in wissenschaftlichen Fächern erhielten - womit die Künstler tatsächlich und wohl auch absichtlich ausgeschlossen waren - den Akademischen Orden (der später der kleinere hieß), ein braun emailliertes Goldkreuz von 12 Dukaten Goldwert, das an gelbem, rot eingefasstem Band auf der Brust getragen wurde und dem Träger den Ehrennamen Chevalier  verschaffte, eine Auszeichnung, die, wie auch die Preise überhaupt, den Kavalierssöhnen und Eleven gleichermaßen zugänglich war und eine über beiden stehende bevorzugte Stellung innerhalb der Anstalt verschaffte. Bei der Entlassung aus der Anstalt musste der Orden zurückgegeben werden. Endlich wurde für solche, die acht wissenschaftliche Preise auf einmal bekamen, nach der Preisverteilung von 1773 der 'Große Akademische Orden' gestiftet. Der Zögling, dem diese Ehre zuteil wurde, hieß Grand-Chevalier und trug das Ordenskreuz am Ordensband um den Hals und außerdem am Rock auf rechten Seite einen gold- und silberbestickten Stern mit der Inschrift 'Emulation'. Diese Auszeichnung war aber im Ganzen nur zweimal zu vergeben [...], während der kleinere akademische Orden, soweit die nicht ganz vollständigen Akten erkennen lassen, 41  Mal vergeben wurde.
Der Festakt selbst begann mit einem Gottesdienst in der Akademiekirche, wobei der Akademieprediger die Festpredigt hielt; dann hielt ein Professor eine Festrede wissenschaftlichen Inhalts. Darauf wurden die Preise, nachdem der Sekretär die Namen aufgerufen hatte, den vortretenden Zöglingen einzeln vom Herzog übergeben, wobei die Kavalierssöhne (die zuerst die Prämien erhielten) und von 1775 an auch die Chevaliers dem Herzog die Hand, die übrigen Preisträger den Rockflügel küssen durften. Außerdem wurden seit 1774 die Anstellungen und Beförderungen auf Hof-, Militär- und Zivilsellen, welche der Herzog den ältesten Zöglingen gewährte, verkündigt, wobei der Grundsatz galt, dass die Chevaliers im Militär eine Stufe höher als die übrigen angestellt wurden. Dann pflegte einer der gekrönten Zöglinge des betreffenden Kunstzweiges, zuweilen auch eine festliche Abendtafel in der Akademie, woran der Herzog selbst und außer den Zöglingen auch alle Lehrer und die Väter der Kavalierssöhne und Chevaliers teilnahmen. Schließlich wurde, wie erwähnt bis zum Jahre 1782, der ganze Festakt in ausführlicher Beschreibung mit Namensnennung aller beteiligten Personen und wörtlicher Wiedergabe der dabei gesprochenen Reden dem Publikum bekanntgegeben:

(aus: Hauber 1907/1909, S.10-25, gekürzt}

(im Fettdruck hervorgehobene Wörter und Textpassagen im Original gesperrt)

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Fassen Sie eine Kurzvortrag über das Verhältnis Karl Eugens zur (Hohen) Karlsschule.

  2. Untersuchen Sie, wie Hauber dieses Verhältnis bewertet und nehmen Sie dazu Stellung.
     

     
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