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Gesellschaftliches Leben in der Residenzstadt

"Die Literaturfreunde"

Lesegesellschaft in Ludwigsburg

 
 
Zum gesellschaftlichen Leben in Ludwigsburg gehört auch die Lesegesellschaft "Die Literaturfreunde“. Der Begriff Lesegesellschaft steht dabei für Organisationsgebilde verschiedener Art, zu deren Gemeinsamkeiten die Pflege der Kulturtechnik Lesen als Ausdruck von Bildung gehört. Lesegesellschaften entstehen im Allgemeinen in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, auch wenn es schon gewisse Vorgängerformen gibt, deren Entstehung bis in das 17. Jahrhundert zurückreichen. In ihnen dokumentiert sich ein zunehmendes Lese- und Informationsbedürfnis und zugleich der Wunsch, diese Informationen im gelehrten und gebildeten Kreis zu kommunizieren. In der Regel sind sie in einem "vorpolitischen Raum" angesiedelt (vgl. Gerteis 1971, S.132) und nicht selten werden die ursprünglich auf Bildung und Wissenschaft bezogenen Unterhaltungen vom Bedürfnis nach Geselligkeit überlagert, das die meist aus dem gehobenen Bildungsbürgertum oder aus dem Kreis städtischer Honoratioren stammenden Mitglieder kultivieren. So wundert es auch nicht, dass in vielen Lesegesellschaften "wegen der vorwiegend 'gelehrten' Ziele politische Diskussionen überhaupt unerwünscht oder verboten" waren. (ebd.) "Nützliche Gelehrsamkeit" statt politischer Räsonnements ist also gefragt, wenn sich die  Mitglieder von Lesegesellschaften treffen. Diese ist freilich auch "Ausdruck des emanzipatorischen Anspruchs der Bildung, weil durch sie der Gebildete (der akademisch ausgebildete Bürger) das Bewusstsein eines höheren Eigenwertes von dem Romane lesenden und in Kneipen politische Kannegießereien betreibenden einfachen Mann auf der einen Seite und dem 'hohlköpfigen' Höfling auf der anderen Seite erlangte." (ebd., S.131)

Die Ludwigsburger Lesegesellschaft "Die Literaturfreunde" wird 1769 von Professor Balthasar Haug (1731-1792) gegründet, der 1766 von Herzog Carl Eugen von seiner Pfarrei in Magdstadt noch Ludwigsburg berufen wird und dort mit literarischen Privataufträgen des Herzogs betraut wird. Er lebt bis 1771 in der Stadt. Er hält in seinem Hause Vorlesungen, die von Angehörigen der vornehmen Stände, insbesondere auch bildungsbeflissenen Offizieren, gerne gehört werden. Mittwochs trifft man sich im Kreise der Lesegesellschaft, um sich meist über Geschichte und Militärisches zu unterhalten. Ob auch Politisches, ja sogar Kritisches über den Herzog und seine Hofhaltung dabei zu Wort kommt, ist angesichts der Zusammensetzung der Mitglieder eher unwahrscheinlich, wäre wohl mit ziemlicher Sicherheit auch dem Herzog zugetragen worden, der bekannt dafür ist, Illoyalität konsequent zu ahnden.
Ursprünglich verfolgt Haug das Ziel, eine gelehrte Gesellschaft, eine Art Akademie der Wissenschaften zu gründen, aber als Carl Eugen mit der Entwicklung der seiner Militärakademie andere Wege beschreitet, lässt er dieses Vorhaben fallen. (vgl. Sting 2005, S.245).

Zu den Mitgliedern der "Literaturfreunde“ zählen alle, die auf Bildung und auf eine "gepflegte“ Konversation Wert legen, so u. a.:

  • Johann Caspar Schiller, Hauptmann in herzoglichen Diensten und Vater Friedrich Schillers

  • Christoph Ludwig Kerner (1744-1799), Oberamtmann und Regierungsrat, der sein Amt nach dem Tod des Vaters Johann Georg Kerner (27.6.1766) gegen eine auch für den unter Herzog Carl Eugen üblichen Ämterhandel erkleckliche Summe von 6.500 Gulden übernimmt (vgl. Sting 2005, S.523); Vater von Carl und Justinus Kerner

  • Ferdinand Friedrich Nicolai (1730-1814), General in der herzoglichen Armee, der in Württemberg die reitende Artillerie einführt und frühzeitig für eine verbesserte Aus- und Schulbildung von Offizieren eintritt (vgl. ebd. S, 249)

  • Georg Bernhard Bilfinger, Geheimer Rat, berühmter Mathematiker und Professor der Theologie in Tübingen (vgl. ebd. S. 156); wird u. a. bekannt durch die u. a. von ihm durchgeführte Untersuchung gegen die beiden italienischen Baumeister Donato Guiseppe Frisoni und Paolo Retti ein Jahr nach dem Tode Herzog Eberhard Ludwigs (31.10.1733), denen zu Unrecht Veruntreuung von Geldern vorgeworfen wird; bewirkt deren Freispruch bei Herzog Carl Alexander (reg. 1733-1737).

  • Graf von Puttbus, Geheimrat und Hausmarschall, leitet u. a. die 1764 nach Ludwigsburg verlegte Académie des Arts, in der Künstler, Kunsthandwerker, Theatermaler und Dekorateure für die Bedürfnisse des Hofes und seines Unterhaltungsbetriebs ausgebildet werden (vgl. ebd., S. 223); die Einrichtung geht später in der Militärakademie auf der Solitude auf (vgl. ebd., S. 239)

  • Hauptmann von Wolff (später einer der aufsichtführenden Offiziere der Hohen Karlsschule

  • Generalleutnant Augé, in dessen Grenadierregiment Friedrich Schiller nach seinem Medizinstudium und seiner Entlassung aus der Militärakademie am 15.12.1780 bis zu seiner Flucht nach Mannheim am 22. September 1782 als Regimentsmedicus dient

  • Theobald von Hügel, Oberst; Kommandeur des I. Bataillons des so genannten Kap-Regiments, das Herzog Carl Eugen 1776 im Rahmen eines Subsidienvertrages mit der Holländisch-Ostindischen Kompanie (Handelsgesellschaft) in die niederländische Kap-Kolonie verkauft und 1767 dorthin entsendet (1950 Mann, davon 1890 Mannschaften, 56 Offiziere, 2 evangelische Feldgeistliche und 2 Chirurgen-Majore) (vgl. ebd. S.277)

  • Oberst Scheeler; Befehlshaber der Baukompanie auf der Solitude

  • Oberpräzeptor Jahn, Theologie und Lehrer an der Ludwigsburger Lateinschule und der Militärakademie; ist an beiden Schulen einer der Lehrer Friedrich Schillers

  • Christian Friedrich Daniel Schubart, Musikdirektor, Organist, Dichter und Regimekritiker

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

 
   
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