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Gesellschaftliches Leben in der Residenzstadt

Stadtgründung und Stadtentwicklung

 
 

Als das Ludwigsburger Schloss und einige wenige Sekundärbauten im Jahr 1709 errichtet sind, entscheidet sich »Herzog Eberhard Ludwig (1676 - 1733), dem Schloss eine Stadt hinzuzufügen.
Um Bürger in die zwei Fahrstunden von Stuttgart entfernte noch recht unwirtlich wirkende Gegend zu locken, macht der Herzog mit Dekreten vom 17. August 1709 und 10. Januar 1710 lukrative Angebote zur Ansiedelung. Da auf das erste Dekret, das ein kostenloses Haus und Steuerfreiheit verheißt, niemand zur Umsiedelung in die Gegend ohne wirtschaftliche Basis und ohne jede geeignete Infrastruktur veranlasst werden kann, muss der Herzog im zweiten kundtun, dass er das im Bau befindliche Jagdschloss auch längere Zeit zur Hofhaltung nutzen will und dementsprechend Handwerker, Geschäfte und Wirtschaftsbetriebe aller Art davon profitieren können.

Am 10. Januar 1710 bewirbt sich als erster ein Schreiner namens Bernhard Witter und erhält vom herzoglichen Baumeister Johann Friedrich Nette (1672-1714) das Haus Schlossstraße 11 errichtet. "Es lag genau auf der von Nette mit dem Gasthaus zum Waldhorn festgelegten Baulinie. So war das Gasthaus zum 'Richthaus' für den gesamten Plan, den der Oberbaumeister für die Stadt entworfen hatte, geworden. Dieser Plan sah vor, von einer Baulinie, die 200 Fuß westlich der Grenze des Schlossgartens verlief, Straßen im rechten Winkel bergan zu führen. Rechteckig aneinander gefügte Häusergruppen sollten sich als umschlossene Wohnquartiere aus diesen Baulinien ergeben." (Sting 2005, S. 69) Aber noch immer finden die Ansiedelungsangebote des Herzogs nicht die erhoffte Resonanz, so dass er die angebotene Steuerfreiheit in einem weiteren Dekret vom 3. Dezember 1712 auf zwanzig Jahre ausdehnt. Da aber auch danach offenbar nur ein einziger weiterer Bürger gewonnen wird, legt der Herzog mit seinem vierten Aufruf zur Ansiedelung am 18. Februar 1715 erneut nach. Dieses Mal ergeht der Aufruf auch an das Ausland, und jedem, der "sich zu einer von denen im Heil. Röm. Reich reicipirten Religionen bekennt", wird im Dekret Religionsfreiheit garantiert. Diesem Aufruf folgen dann doch wieder einige Interessenten und lassen sich Ludwigsburg nieder. Dazu zählen, nachdem »Donato Giuseppe Frisoni (1683-1735) im November 1715 zum leitenden Architekten für Schloss- und Stadtbau bestellt ist, auch Landsleute Frisonis aus Italien, die er als Facharbeiter und Künstler nach Ludwigsburg holt. Letzten Endes gibt es einen ganzen Häuserblock zwischen Marstall-, Charlotten- und Schlossstraße, der von italienischen Bauherren mit Ludwigsburger Bürgerrecht errichtet und bewohnt wird.
Vor allem Betriebe der Nahrungsmittelwirtschaft, dabei besonders Gasthäuser wie der Hirschen, der Löwen, der Adler oder die Krone sprießen bis 1724 aus dem Boden und werden ergänzt durch Metzger, Bäcker und Handelsleute. Aber auch wer sich als Perückenmacher (Peruquier) oder Barbier in der Stadt niederlässt, sieht wirtschaftlich guten Zeiten entgegen. Nicht ganz so rosig, wenn auch nicht schlecht, sieht dagegen die wirtschaftliche Lage für Handwerker wie Zimmerleute, Sattler, Schreiner, Schmiede oder Steinmetze aus. (vgl. ebd., S.70ff.)
Schon 1718 wird die noch etwas dürftig aussehende Siedlung zur Stadt erhoben. 1730 ist das Ludwigsburger Schloss, an dessen Bau zahlreiche erfahrene oberitalienische Künstler und Handwerker mitgewirkt haben, im Großen und Ganzen fertig. Doch noch immer zeigen sich in der von dem Schlossbaumeister Frisoni am Reißbrett entworfenen Residenzstadt viele Baulücken. Nach dem Tode des 31-jährigen Erbprinzen Friedrich Ludwig im März 1731, des einzigen Kindes von Herzog Eberhard Ludwig und seiner Gemahlin Johanna Elisabetha, und dem überraschenden Tod des Herzogs selbst im Oktober 1733, kommt mit »Herzog Carl Alexander (1684-1737), ein Cousin des verstorbenen Herzogs, zugleich Vater von Herzog Carl Eugen, an die Macht, der "in erster Linie Soldat" ist und immer wieder an der Seite des »Prinzen Eugen (1663-1736) und des Kaisers kämpft. Er regiert allerdings nur knapp dreieinhalb Jahre.

Als Herzog Carl Eugen im Alter von sechzehn Jahren am 11. Januar 1744 den württembergischen Thron besteigt, ist für ihn schnell klar, dass das Alte Schloss  in seiner Residenzstadt Stuttgart mit seiner unmodernen Anlage und seiner antiquierten Innenausstattung seinen Ansprüchen an eine zeitgemäße Hofhaltung nicht mehr entspricht, so wie er sie am Hof »Friedrichs II.(1712-1786), des Großen, als unmündiger Thronerbe Württembergs kennen gelernt hat. Der 1746 begonnene Umbau des Schlosses in Stuttgart wird sich noch viele Jahre hinziehen. (vgl. Kotzurek 2004, S.121f.)
So ist es Herzog Carl Eugen, der den weiteren Ausbau des ehemaligen Jagdschlosses von Herzog Eberhard Ludwig wieder voranbringt. Nachdem er 1764 ganz überraschend mit seinem Hof von Stuttgart in das Schloss von Ludwigsburg umgezogen ist, lässt er die Schlossanlage und ihre ausgedehnte Parkanlage ohne Rücksicht auf Kosten den Bedürfnissen seiner pompösen Hofhaltung anpassen. Hier in seiner neuen Residenz und Residenzstadt im Umfeld lebt der Herzog seine barocke "feurige Gestaltungslust“ (Lahnstein 1981, S.28) aus, die in einer regelrechten "Bauwut“ gipfelt: "Unter seiner Herrschaft füllten sich die gähnenden Lücken im Stadtbild, wurde die Stadt nach Süden erweitert. Die Hauptstraße wurde in Alleen verwandelt, nicht junge Bäumchen gepflanzt, sondern stattliche Linden und Kastanien mit mächtigen Wurzelballen von weither herangeschafft […] Er hatte die Porzellanfabrik ins Leben gerufen, die innerhalb weniger Jahre europäischen Rang erreichte. Im Winter 1763 auf 1764, nach Beendigung des für ihn so kläglichen Siebenjährigen Kriegs, ließ er in unglaublich kurzer Zeit in den Schlossanlagen ein Opernhaus errichten; eine hohe und geräumige Bretterbude, schön ausstaffiert und für die Aufführung der aufwändigsten Opern eingerichtet. […] Zur gleichen Zeit baute er sich auf einer Anhöhe südlich von Ludwigsburg, westlich von Stuttgart, eine Waldresidenz, die »Solitude, ließ sie mit Ludwigsburg, durch eine schnurgerade Allee verbinden, die er, je nach Laune, in glänzender Gesellschaft – eine Schmetterlingswolke – oder nachdenklich allein durchritt.“ (ebd., S.29)
In der Stadt, die ganz auf die Schlossanlage ausgerichtet ist, entstehen zunächst die Vordere und Hintere Schlossstraße, die Charlotten- und Marstallstraße, der Kaffeeberg sowie die jetzige Bauhofstraße und andere wichtige Verkehrswege. Um das Tempo des Stadtausbaus noch zu erhöhen, lädt der Herzog seine Ämter ein, ihm Amtshäuser zu bauen, die er dann - Ausdruck seiner Pfründenwirtschaft - an Günstlinge verschenkt.
In Württemberg, das mit etwa einer halben Million Einwohnern vergleichsweise dicht besiedelt ist, leben im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, wie überall in vorindustrieller Zeit, die meisten Menschen noch auf dem Land. Es gibt zwar schon etwa 3.000 Städte in Deutschland, aber nur wenige haben mehr als 10.000 Einwohner. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 18)
Die Einwohnerzahlen für Ludwigsburg in den Regierungsjahren Carl Eugens von 1744 bis 1793 sind sehr davon abhängig, ob man die Zeit bevor Ludwigsburg von Carl Eugen wieder zur Residenzstadt gemacht wird (1764), die Zeit als herzogliche Residenz (bis 1775) oder die Zeit danach betrachtet. Um ein zutreffendes Bild zu erhalten, muss man der Anzahl der ortsanwesenden Einwohner der Residenzzeit, die mit 11.429 Einwohnern nahezu die Einwohnerzahl Stuttgarts erreicht, eine "echte" Einwohnerzahl von ca. 3.800 Bürgerinnen und Bürger gegenüberstellen. Während sich die Zahl der "echten Ludwigsburger" in dieser ganzen Zeit kaum verändert, schwillt die Zahl der länger oder kürzer ortsanwesenden Einwohner nach der Verlegung des Hofes und dem Ausbau als Garnisonsstadt ebenso rasch an, wie sie nach der überraschenden Rückverlegung der Residenz nach Stuttgart im Verlauf des Jahres 1775 allein um 7.600 Einwohner wieder abnimmt. (vgl. Sting 2005, S.227) Die demographische Entwicklung ist dabei natürlich "allein durch das Kommen und Gehen der Hofgesellschaft, der 'Spectacle' (Künstler) und der Garnison verursacht." (ebd., S.226) Als Friedrich Schiller als siebenjähriger Junge mit seinen Eltern und Geschwistern nach Ludwigsburg zieht, hat die Stadt 4.033 "echte Bürger". Dazu kommen wohl noch mehrere Tausend "Gäste", die den vorwiegend von Vermietung, Verköstigung und Versorgung lebenden Bürgern eine dauerhafte Erwerbsquelle und einen ordentlichen Wohlstand bescheren. Die mit Abstand größte württembergische Stadt ist 1787 Stuttgart mit 22.000 Einwohnern, gefolgt von der Universitätsstadt Tübingen mit 6000 und Ludwigsburg mit 5000 Einwohnern (vgl. Alt Bd. I., S. 26). Als Friedrich Schiller mit der Militärakademie im Jahr 1775 nach Stuttgart umziehen muss, ist der demographische Aderlass der Stadt schon in vollem Gange. Die Garnison wird binnen eines Jahres von 6.230 Angehörigen auf 1.360 reduziert und der Hof mit seinen 1.020 Mitgliedern ist nach Stuttgart entschwunden. Viele Häuser stehen fortan leer. (vgl. Sting 2005, S.247)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

 
   
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