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Gesellschaftliches Leben in der Residenzstadt

Überblick

 
 

Als der siebenjährige Friedrich Schiller mit seinen Eltern und Geschwistern 1766/67 nach Ludwigsburg zieht, hat die Stadt 4.033 "echte Bürger". Dazu kommen wohl noch mehrere Tausend "Gäste", die den meist von Vermietung, Verköstigung und Versorgung lebenden Bürgern eine dauerhafte Erwerbsquelle und einigermaßen Wohlstand bescheren. Die mit Abstand größte württembergische Stadt ist 1787 Stuttgart mit 22.000 Einwohnern, gefolgt von der Universitätsstadt Tübingen mit 6000 und der Ludwigsburg mit 5000 Einwohnern (vgl. Walter 1987, S.15, vgl. Alt Bd. I., S. 26, )
Auch wenn die Residenzstadt Ludwigsburg, schon von ihrer Größe her gesehen, keine wirkliche Metropole ist, die gibt es in dem von Kleinstaaterei geprägten Deutschland zu dieser Zeit ohnehin nicht, schickt es sich an, als Friedrich Schiller dort zu leben beginnt, zu einer "Metropole des europäischen Rokoko" zu werden. (Safranski 2004, S. 26) Dabei ist natürlich der herzogliche Hof, wo sich die aristokratische Rokokogesellschaft aufhält, der eigentliche Grund für diese Wertschätzung, aber auch in der Stadt lassen sich viele Gäste, Künstlerinnen und Künstler vor allem, zeitweilig nieder, die sich dieser hedonistischen Genussgesellschaft zugehörig fühlen dürfen. Immerhin entwickelt Ludwigsburg mit seinem Schloss einen solchen Glanz und eine solche Anziehungskraft, dass Zeitgenossen von dem "schwäbischen Potsdam" oder einem "zweiten Versailles“ sprechen (vgl. Safranski 2004, S. 26)
 

Um 1770 ist Ludwigsburg eine vergleichsweise moderne Stadt, die sich sehen lassen kann. Die Anlage der Stadt wirkt weitläufig, nicht mehr so eingepfercht in mittelalterliche Festungsanlagen wie z. B. Stuttgart, und ihre Geräumigkeit spiegelt sich in den breiten Straßen, die die Stadt durchziehen, und in den großen Plätzen, die Raum für Veranstaltungen jeder Art, aber auch Gelegenheit zum Flanieren bieten. Justinus Kerner (1786-1862) erinnert sich daran, wie sich "in dieser Zeit (...) sich die weiten menschenleeren Gassen, Linden- und Kastanienalleen Ludwigsburgs mit Hofleuten in seidenen Fräcken, Haarbeuteln und Degen und mit den herzoglichen Militärs in glänzenden Uniformen und Grenadierkappen (füllten), gegen welche die andern wenigen Bewohner in bescheidenen Zivilröcken verschwanden."
Durch die große Poststraße von der Stadt getrennt, in der alle Häuser über einen Hofplatz und einen Garten verfügen, erstreckt sich der Schlossbezirk mit seinen zahlreichen Gebäuden. Was sich dort hinter den Schlosstoren abspielt, bleibt den Augen der Ludwigsburger Bürgerinnen und Bürgern verborgen, sofern sie nicht in irgendeiner Weise für den herzoglichen Hof arbeiten.
Aller wohlgeordneten Weite zum Trotz scheint die Residenzstadt aber doch eine seltsame Aura zu haben, die über ihre bürgerlichen Einwohner hinausweist. Was hier an Rang und Namen scharenweise zusammenströmt, um in der Metropole des Rokoko sein Glück zu machen oder zu verlieren (vgl. Safranski 2004, S.26), bestimmt allerdings nur bis zu einem gewissen Grad das gesellschaftliche Leben der Stadt und ihrer Bürger. Die Anlässe, bei denen sie als Zaungäste oder als zur Bewunderung des Herzogs angetretene Untertanen höfischen Veranstaltungen beiwohnen dürfen, sind naturgemäß selten. Sieht man einmal von den häufigen Feuerwerken und Illuminationen drüben beim Schloss ab, sind es schon Großereignisse, wie die Lustjagden des Herzogs, bei denen die einfachen Leute, wenn sie ohnehin nicht dazu verpflichtet sind, das Wild direkt vor die Flinten der Aristokraten zu treiben, am vieltausendfachen Abschlachten der Tiere zusehen dürfen. Und ob es dann die "echten Ludwigsburger" sind, die dort in großer Zahl erscheinen, ist auch einigermaßen zweifelhaft. So sehr sie natürlich alle in mehr oder minder großer ökonomischer Abhängigkeit vom herzoglichen Hof leben, ist die protestantisch-bürgerliche Lebensauffassung eben auf ganz anderen Werten gegründet als der höfische Hedonismus und die absolutistische Repräsentationsleidenschaft. Ausgeschlossen vom höfischen Treiben, aber auch bewusst davon distanziert, gehen die Bürger ihren Verrichtungen nach. Wer an Bildung interessiert ist, kann sich der Ludwigsburger Lesegesellschaft "Die Literaturfreunde" anschließen, die auf Initiative von Professor Balthasar Haug gegründet, einen Kreis bildungsbeflissener Beamter und Offiziere des Herzogs miteinander verbindet.
Wen aber auch immer der weithin schallende Ruf dieser Residenz erreicht und zum kürzeren oder längeren Aufenthalt in seiner Umgebung veranlasst, der wohnt, wenn er reich genug ist, in einem eigenen Haus, sonst eben zur Miete bei Ludwigsburger Bürgern, wie es die französischen Tanzmeister und Sprachlehrer tun, genau wie die italienischen Handwerker, Tänzerinnen aus Venedig oder Paris, Musiker aus Italien, Böhmen und Österreich, die unzähligen Sänger und Schauspieler, Theaterfriseure und Kostümschneider und viele mehr. (vgl. Lahnstein 1981, S.29) Die Adeligen, die zum Hof gehören, wohnen mit ihren unzähligen Bediensteten meist in unmittelbarer Nähe des Schlosses, wer im Schloss selbst als Kutscher, Koch, Küchenmagd, Kapaunenstopfer, Kammerhusar, Lakai, Kammerherr oder Kammerjungfer oder als Zofe beschäftigt ist, wohnt auch dort, ist allerdings meist ziemlich jämmerlich untergebracht. Rechnet man noch hinzu, was sich sonst noch an Glücksrittern, Agenten jeder Sorte, Spieler und dergleichen hier einfindet, dann wird schnell klar, welchen psychosozialen Belastungen sich viele der ehrwürdigen Bürger der Stadt, zumeist protestantische Handwerker und Gewerbetreibende, Pfarrer, Lehrer und Beamte, die nach dem Motto »Bete und arbeite« erzogen waren und zu leben gewohnt sind. (vgl. ebd. S. 29f.), ausgesetzt sehen. So zieht es auch »Giacomo Casanova (1725-98) um 1760 eine Weile an den Hof von Ludwigsburg, über den er in seinen Erinnerungen bemerkt, dass er sogar "der glänzendste in Europa" sei, nicht zuletzt weil, die "großen Ausgaben des Herzogs [...] in großzügigen Gehältern, prachtvollen Gebäuden, Jagdzügen und Verrücktheiten aller Art" bestehen. (Casanova, 3./4, 1985)
Anfang 1767 neigen sich die "wilden Jahre“ (Safranski 2004, S.28) der annähernd 50 Jahre währenden Herrschaft Carl Eugens“ (1744-1793) mit ihrer Maßlosigkeit und ihrem ungezügelten Despotismus zwar dem Ende zu, aber von seiner später zu beobachtenden vorsichtig aufklärerischen Orientierung am Gemeinwohl sind in dieser Zeit erst Ansätze zu sehen. In dieser 1770 endenden Phase seiner Regierungszeit, die er selbst einmal "Lebensgaloppade“ nennt (vgl. ebd., S. 26), beherzigt er alles andere als das, was ihm sein Ziehvater, der preußische König Friedrich II., der Große, an dessen Hof Carl Eugen nach dem Tod seines Vaters Carl Alexander (1737) bis zu seiner Regierungsübernahme vom Dezember 1741 bis Januar 1744 erzogen worden ist (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 31f.), bei seinem Abschied in einem "Fürstenspiegel" auf den Weg gegeben hat: "Denken Sie ja nicht, dass das Land Württemberg für Sie geschaffen worden ist, vielmehr, dass die Vorsehung Sie auf die Welt hat kommen lassen, um dieses Volk glücklich zu machen. Ziehen Sie immer dessen Wohlsein Ihrer eigenen Annehmlichkeit vor.“ (zit. n. Safranski 2004, S. 28).
1767, als Friedrich Schiller erstmals das geschäftige Treiben der Residenzstadt zu Gesicht bekommt, ist der Herzog schon 25 Jahre an der Macht und hat die Prinzipien eines aufgeklärten Absolutismus, die ihm »Friedrich II.(1712-1786). in den "Fürstenspiegel“ geschrieben hat (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 32), längst hinter sich gelassen und sich bei vielen Untertanen den Ruf eines skrupellosen Despoten erworben. Seit über 15 Jahren schon presst er Württemberg und seine Untertanen rücksichtslos aus, um sein barockes Potentatum mit grenzenloser Verschwendung und Prasserei zu finanzieren. Bis zu 1.800 Bedienstete arbeiten an seinem Hof als Kammerherren, Leiblakaien, Heiduken, Edelknaben, Hofhandwerker, Gärtner, Tanzlehrer, Schneider, Stallmeister, Köche … um für das leibliche Wohl Carl Eugens und seiner adeligen Hofleute zu sorgen (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.44). Kein Vergleich mit dem Sonnenkönig in Versailles, aber doch in vielem den dortigen Gepflogenheiten mehr als ähnlich. Der Herzog wird wie am Versailler Hof morgens in einer groß angelegten Zeremonie von 50 Bediensteten angezogen.
Die Ludwigsburger Residenz wird nicht umsonst von den Zeitgenossen ebenso wie von heutigen Historikern gern als "zweites Versailles“ bezeichnet (vgl. Safranski 2004, S.26) oder "schwäbisches Potsdam“ genannt. Auf unzähligen Bällen, in der Oper, beim Tanz, beim Schlittenfahren oder während der unzähligen Feuerwerke amüsiert sich die adelige Gesellschaft.
Als Friedrich Schiller mit der Militärakademie im Jahr 1775 nach Stuttgart umziehen muss, ist der demographische Aderlass der Stadt schon in vollem Gange. Die Garnison wird binnen eines Jahres von 6.230 Angehörigen auf 1360 reduziert und der Hof mit seinen 1.020 Mitglieder ist nach Stuttgart entschwunden. Viele Häuser stehen fortan leer. (vgl. Sting 2005, S.247)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

 
   
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