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Die Karlsschule

Privatleben - Fehlanzeige

 
 

Die Eleven, wie man die Schüler der Karlsschule nennt,  haben so gut wie kein Privatleben und ihre Intimsphäre ist vor willkürlichen Eingriffen und Einblicken der Aufseher und letzten Endes auch des Herzogs ungeschützt. Was sie in Briefen nach Hause schreiben, wird häufig zensiert, zumindest aber von einem Aufseher gelesen. Die wenigen privaten Habseligkeiten, die der einzelne besitzt, werden in einem wenig Privatheit versprühenden Spind untergebracht, der von den Aufsehern natürlich jederzeit eingesehen werden kann. Nachts brennt in den sechs Schlafsälen, in denen die Eleven nach Alter und Körpergröße schlafen, stets eine Öllampe und die Betten stehen, mit dünnen Verschlägen voneinander abgetrennt, nebeneinander. Und die zur besseren Kontrolle aufzuhaltenden Türen rauben den Eleven auch in der Nacht noch die Illusion, allein oder für sich zu sein. Wer tagsüber in den Schlafräumen erwischt wird, wird streng bestraft (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.86).

Kontakte nach draußen, zur eigenen Familie, sind streng reglementiert und werden vom Herzog, der die Eleven symbolisch adoptiert, nicht gerne gesehen, Reisen und Ausflüge sind gänzlich untersagt. Und selbst wenn schwere Erkrankungen von Familienangehörigen vorliegen, wird eine Besuchserlaubnis nur in Ausnahmefällen erteilt, und wenn, dann wird der Zögling bei seinem Besuch von einem Aufseher oder Offizier begleitet. Nur an Sonntagen können enge Familienangehörige zu Besuch kommen, sofern sie nicht junge Mädchen sind, die den Eleven den Kopf verdrehen könnten. Das Auslöschen familiärer Bindungen an ihre natürliche Familie ist Teil des Erziehungsprogramms des Herzogs. (vgl. ebd., S.135)
Auch der Herzog selbst lässt es sich nicht nehmen, an der Aufsicht über "seine Söhne", wie er die Eleven nennt, persönlich teilzunehmen. Indem Carl Eugen sich als übermächtige Vaterfigur selbst inszeniert und von den Eleven wohl auch so erlebt wird, soll das Ganze, so stellt es sich der Herzog wohl vor, "eine große Familie" darstellen (vgl. Safranski 2004, S.35). Da seine Privatgemächer ganz in der Nähe liegen, nimmt er häufig an den Mahlzeiten der Eleven teil und auf einem täglichen Rundgang inspiziert er höchstpersönlich die Schlafsäle. Friedrich Nicolai (1733-1811) hat das militärische Ritual, das bei der Einnahme der Mahlzeiten herrscht, anschaulich beschrieben. (→Friedrich Nicolai, Mittagessen in der Karlsschule)
Mit Argusaugen unterzieht der Herzog aber auch den Schulbetrieb an seiner Schule. Er agiert in der Anstalt als "Sein eigener Rektor" (Buchwald 1959, S.121), überprüft die erteilten Lektionen einer Prüfung, beaufsichtigt und kontrolliert die Lehrer und mischt sich, wann immer es ihm passt, in den Unterricht und die Unterrichtsorganisation ein (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.87). Dieses Verhalten erklärt sich freilich aus der Tatsache, dass der Herzog die Karlsschule stets als seine "eigene, persönlichste Schöpfung" angesehen hat (v. Wiese 1959/1963, S. 21). Carl Eugen "betrachtete sie als ein Instrument, um seinem unruhigen Geist ein fruchtbares Feld der Betätigung zu geben und den Ruhm seines Namens zu begründen." (ebd.)
Besonderes "pädagogisches" Vergnügen bereitet ihm offenkundig, nicht normgerechtes Verhalten der Eleven persönlich zu bestrafen. Ist eine solche Verfehlung vorgefallen, zu denen auch die heimliche Lektüre neuerer Literatur wie z. B. Goethes "Werther" oder Wielands erotische Erzählungen gehört (vgl. Safranski 2004, S. 33), darf der Eleve nämlich nicht sofort und unmittelbar von einem Aufseher, Lehrer oder Offizier bestraft werden. Man schreibt das Vergehen stattdessen auf einen Zettel und heftet ihn dem Eleven an die Brust. Bei seinen täglichen Inspektionen, oft auch während des gemeinsamen Mittagstisches, kann der Herzog das ans Revers geheftete "Billet" lesen und, wenn es mit einer einfachen Ermahnung nicht getan ist, die ihm angemessen erscheinende Strafe verhängen. Oft setzt es einfach "Ohrfeigen", wie man das Schlagen ins Gesicht zu bezeichnen pflegt,  vor allem jüngere Schüler werden auch, je nach Ausmaß ihrer Verfehlung, mit dem Rohrstock oder einer Rute körperlich gezüchtigt. Sonst reicht die Palette von pädagogisch legitimierten Sanktionen vom Essensentzug bis zum mehrtägigen Arrest. Um den Eleven "jeglichen Willen zur individuellen Selbstbehauptung zu rauben" werden die Strafen im Allgemeinen öffentlich, d. h. vor allen Eleven, verhängt und auch vollzogen. Das ist Teil des erzieherischen Konzepts der in der Karlsschule praktizierten schwarzen Pädagogik, das "Menschen wie Drahtpuppen" (Charlotte von Lengefeld, später Schillers Ehefrau, 17831) produziert, durch und durch gedrillte Persönlichkeiten, die sich, "als Element einer Machtmaschine, körperlich und geistig ohne Einschränkung den Gesetzen der Akademie unterworfen" haben (Alt Bd. I, 2004, S.86)

1 In ihren Tagebuchnotizen hält die sechszehnjährige Charlotte von Lengefeld, im April auf der Durchreise in die Schweiz nach einer Besichtigung der Karlsschule fest: "Die Einrichtung der Akademie ist sehr hübsch. Aber es macht einen besonderen Endruck aufs freie Menschenherz, die jungen Leute alle beim Essen zu sehen. Jede ihrer Bewegungen hängt von dem Winke des Aufsehers ab. Es wird einem nicht wohl zumute, Menschen wie Drahtpuppen behandelt zu sehen." (zit, n. Alt Bd. I, 2004, S.86)

© Gert Egle, teachSam - 29.09.2013

 
     
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