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Die Karlsschule

Überblick

 
 
Die Anstalt, die im Allgemeinen einfach Karlsschule genannt wird, entsteht im Jahr 1770. Als ihr Stiftungstag, der danach jährlich begangen wird, gilt der 14. Dezember 1770.
Nach dem Tode von Herzog Carl Eugen (Oktober 1793) endet ihre Geschichte nach mehr als 23 Jahren, als dessen Nachfolger, Herzog Ludwig Eugen, die Hohe Karlsschule per Dekret am 4. Januar 1794 aufhebt. Am 18. April 1794 werden ihre Tore nach einer großen Trauerfeier für Carl Eugen für immer geschlossen.
Die Geschichte der Karlsschule lässt sich in drei Phasen einteilen, während denen sich die Schule in der ersten auf der Solitude, während der beiden folgenden in Stuttgart, in der 1740 bis 1745 erbauten Kaserne hinter dem neuen Residenzschloss, befindet: Die erste Phase in den Nebengebäuden auf dem Gelände des Schlosses Solitude, zwischen Leonberg und Stuttgart gelegen, reicht von 1770 bis 1775. Die zweite Phase, die "Blütezeit" der Karlsschule (Hauber 1907/1909, S. 6) währt von 1776 bis 1782 und die dritte Phase, die sich an die Zeit nach der Erhebung der Karlsschule in eine wirklich Hohe Schule mit universitärem Rang durch das kaiserliche Erhöhungsdiplom vom 22.12.1781 anschließt, dauert dann bis zum Tode Carl Eugens im Herbst 1793. (vgl. ebd. S.6f.)
Insgesamt haben in den über 23 Jahren, in denen die Karlsschule bestanden hat, 1495 Zöglinge (Eleven) die Anstalt besucht. Wenn man die später hinzukommenden Stadtstudierenden dazu nimmt, steigt die Zahl auf 2210. (vgl. ebd. S.25) Und die Schülerstatistik sagt einiges mehr über Herkunft, Konfession und Berufsbestimmung der Eleven: "Von den eigentlichen Zöglingen der Anstalt, den 1495, gehörten der evangelischen Konfession um 1086, der katholischen - meist Söhne von außerwürttembergischem Adel und von württembergischen Militärangehörigen - 277, der reformierten - hauptsächlich Schweizer - 94, der griechischen - wesentlich Russen - 18.
Der Heimat nach stammten aus Württemberg 715; aus Mömpelgard 63, dem übrigen Deutschland 469, Österreich 49; die Übrigen 199 aus andern Ländern, nämlich Frankreich 56, Schweiz 54, Russland 31, Polen 19, England 15, Italien 9, Holland 3, Dänemark 3, Schweden 2, Ostindien 3, Westindien 4. Von den 715 Stadtstudierenden stammten aus Stuttgart 220, aus dem übrigen Württemberg 223, aus dem übrigen Deutschland mit Österreich 188, aus Frankreich 31, der Schweiz 21, dem sonstigen Ausland 32. Es machen also Landeskinder, für welche ursprünglich die Anstalt ausschließlich bestimmt und eingerichtet war, im Ganzen wenig über die Hälfte aus; der Zustrom von außen war Wirkung des Ansehens und Ruhms der Schule und insofern Gegenstand besonderen Stolzes für den Herzog.
Was die Berufsbestimmung betrifft, so finden sich in der Übersicht über die Geschichte der Schule, die Professor Drück anlässlich der Trauerfeier für den Herzog gegeben hat, folgende Zahlen (die Stadtstudierenden mit eingerechnet): Juristen 357, Militärs 420, Mediziner 182, Kameralisten, Forst- und Handelsleute 448, für Musik und Theater Bestimmte 53. Da aus den freilich sehr unvollständigen Akten sich teilsweise erheblich niedrigere Zahlen ergeben und nicht zu ersehen ist, wie bei der Berechnung verfahren wurde, mögen jene Zahlen als im Allgemeinen zutreffend, nicht aber als genau gesichert gelten.
Die Gesamtzahl der in den einzelnen Jahren am Unterricht beteiligten Zöglinge bewegt sich, wenn man von den drei ersten Jahren absieht, zwischen 265 (1794) und 463 (1790); 1773-83 sind es durchschnittlich 337, 1784-94 alle zusammen durchschnittlich 367, darunter aber Akademisten durchschnittlich nur 227. Der Gesamtdurchschnitt durch alle Jahre beträgt 354 - eine im Verhältnis zur Mannigfaltigkeit der Ausbildungszweige sehr beachtenswert niedrige Zahl. - Die Zugehörigkeit zu den einzelnen Lehrgruppen weist innerhalb der einzelnen Jahre starke Verschiedenheiten auf; in sehr rohem Durchschnitt mögen von den 354 in den Jahren der ausgebildeten Schule angehört haben: den philologischen Abteilungen 95, den philosophischen 40, den Handelsabteilungen 35, den forstlichen 15, der kameralistischen 20, den militärischen 50, den medizinischen 15, den juridischen 40, den Künstlern 25, den Musikern und Tänzern 20." (vgl. ebd. S.26f.)

Am 5. Februar 1770 lässt Herzog Carl Eugen auf dem Gelände der Solitude zwischen Stuttgart und Leonberg ein Waisenhaus für elternlose Kinder von Militärangehörigen eröffnen, in das zunächst 14 Militärwaisen im Alter zwischen fünf und zehn Jahren einziehen. Für seine Gründung hat Carl Eugen im wesentlichen zwei Motive: Zum einen will er verarmte und verwaiste Soldatenkinder versorgen, zum anderen zwingt ihn seine chronische Finanznot und der Erbvergleich in der Auseinandersetzung mit der Landschaft im gleichen Jahr, zu Sparmaßnahmen. Vor allem bei den ausländischen Fachkräften, die ihn stets besonders teuer zu stehen gekommen waren, will er fortan sparen. So passt es also auch in das Konzept des Herzogs, dass schon in den nächsten beiden Monaten weitere 16 Zöglinge dazu kommen, die für Kunst, Musik und Ballett bestimmt werden. Im Laufe des gleichen Jahres werden noch weitere 65 Zöglinge, überwiegend Soldatenkinder, von Hauptmann Seeger auf Befehl des Herzogs oder auch auf Wunsch ihrer Eltern in die seit dem 11. Februar 1771 "Militärische Pflanzschule" genannte Einrichtung aufgenommen. (vgl. Hauber 1907/1909, S. 3f.)
Wer in die Anstalt aufgenommen werden soll bzw. eintreten will, muss bestimmte Aufnahmekriterien erfüllen. Kandidaten müssen einer der 'drei christlichen Konfessionen' (evangelische, reformierte, katholische, später auch noch die griechische) angehören, müssen gesund und von äußerlichen Gebrechen frei sein und mindestens 7, in der Regel allerdings mindestens 8-9 Jahre alt sein. Hinter wem sich als Zögling die Tore der Anstalt geschlossen haben, der muss, wenn er nicht der Schule verwiesen wird, den ganzen für ihn vorgesehenen Bildungsgang durchlaufen und der Anstaltsleitung steht es frei festzusetzen, wann der geeignete Zeitpunkt für die Entlassung erreicht ist. Nur jene Zöglinge, deren Eltern für die Ausbildung in der Karlsschule bezahlen, haben die Entscheidung über ihren weiteren Fortgang selbst in der Hand.
Auf der Solitude werden für die Anstalt einfache Bauten nordöstlich vom Schlossbau erweitert und eingerichtet. Zwei Jahre später platzt das Ganze jedoch angesichts der großen Zunahme der Zöglinge jedoch schon so aus den Nähten, dass ab dem April 1772 ein groß angelegtes "Erziehungshaus" für 300 Zöglinge nebst Lehrern und Aufsehern gebaut wird. (vgl. ebd. S.5)
In den ersten Jahren ist das, was man den Kindern in der dem Waisenhaus angegliederten Schule beibringt, von ihrer späteren beruflichen Verwendung in Diensten des Herzogs her bestimmt. Unteroffiziere unterrichten die Zöglinge im Schreiben, Rechnen und in Religion. Zunächst plant der Herzog, die Schüler (Eleven) zu Gärtnern ausbilden zu lassen, die später einmal in den weitläufigen Gärten um die Solitude und das Ludwigsburger Schloss herum arbeiten sollen. Als die Schülerzahl aber schon im ersten Jahr so zunimmt, kann der Herzog auch Künstlerklassen einrichten lassen, in denen Maler, Stuckateure und Bildhauer ausgebildet werden, die den herzoglichen Baumeistern zugeführt werden sollen. Zu Beginn des Jahres 1771 hat die Schule, deren "fortschrittliches Bildungskonzept“ (Sting 2005, S. 237f.) eine bemerkenswerte Anziehungskraft entwickelt, schon 100 Schüler.
Anfangs war die Karlsschule also durchaus noch für Zöglinge vorgesehen, die niedere Gewerbe oder Handwerksberufe erlernen sollten. Doch diese werden im Zuge der weiteren Entwicklung relativ schnell an Waisenhäuser und in Handwerkslehren vermittelt, um Platz für den Nachwuchs von Adels-, Offiziers- und Beamtenfamilien aus Württemberg und Mömpelgard zu schaffen. Schon am ersten Stiftungstag zählt die Anstalt 300 Zöglinge, darunter 50 "Kavaliers- und Offizierssöhne", deren Zahl aber in den Folgejahren rasch steigt, so dass sie eine eigene Abteilung in der Schule bildeten. Dort erhalten sie nach einem eigenen Reglement Unterricht in Latein, Französisch, Zeichnen, Arithmetik und Geometrie, Geschichte, Geographie, Sittenlehre, Tanzen, Exerzieren, Reiten, Fechten und Musik. Später kommen noch Philosophie und Militärwissenschaft dazu. Am Unterricht der "Kavaliers- und Offizierssöhne" dürfen aber auch ein Teil der anderen Zöglinge teilnehmen. (vgl. Hauber 1907/1909, S. 4)
So wie sich die soziale Zusammensetzung der Zöglinge ändert, rückt also auch das Bildungskonzept von seiner klaren beruflichen Orientierung ab und das Curriculum der Karlsschule nähert sich dem der Lateinschulen der Zeit an. Zwei Professoren unterrichten neben Kunst, Religion, Geschichte, Erdbeschreibung, Mythologie, Latein und höhere Arithmetik, dazu noch, was sonst nicht vorkommt, sogar Französisch. Dieser Fächerkanon wird noch ergänzt durch Leibesübungen, d.h. Unterricht im Tanzen, Reiten und Fechten. So ist es verständlich, dass dieses Bildungsangebot auch für adelige und nichtadelige Offizierssöhne interessant wird, die keine Waisenkinder sind. Einige Offiziere, von denen die Bildungsferne ihrer Offizierskameraden auch öffentlich beklagt wird, sind nämlich solcher Bildung durchaus zugetan und engagieren sich in der Ludwigsburger Lesegesellschaft.
Will man den Charakter der Schule in gängigen Begriffen beschreiben, so lässt sich in den Kategorien modernen Schulstufenverständnisses sagen, dass die Karlsschule, so etwas wie die Unter- und Mittelstufe einer höheren Schule (vgl. Buchwald 1959, S.120), in den Kategorien zeitgenössischer Schulkultur eine "allgemeine Lateinschule mit angegliedertem Militärwaisenhaus“ (Alt Bd. I, 2004, S.82) darstellt. Zugleich ähnelt sie mit ihren militärischen Ritualen und Umgangsformen der Ritterakademie alten Typs, der exklusiv dem Adel vorbehaltenen Eliteuniversität (ebd.) Als 1778, in der "Blütezeit" der Karlsschule alle Disziplinen etabliert sind, ist "die Schule - nach dem damaligen Begriff und Stand der betreffenden Disziplinen - Gymnasium, Ritterakademie, Universität (ohne Theologie, aber erweitert durch Kameral- und Forstwissenschaft), Kriegsakademie, Kunst-, Musik- und Theaterakademie und Handelsschule" in einem. (Hauber 1907/1909, S.6)
Die militärische Pflanzschule auf der Solitude ist natürlich keine Schule für das Volk, das weiterhin auf die Elementarschulen und "teutschen Schulen“ geht. Und anders als die Lateinschulen, die hauptsächlich der Ausbildung eines qualifizierten Theologen- und Pfarrer-Nachwuchs dienen, ist die militärische Pflanzschule ganz den absolutistischen Herrschafts-, Verwaltungs- und Repräsentationsbedürfnissen des Herzogs untergeordnet (vgl. Reed 1998, S.7). Dafür benötigt er auf allen Gebieten ausgebildete Fachleute, im Militärwesen ebenso wie in der Staatsverwaltung. Dass das Herzogtum in dieser Zeit über keine Anstalt verfügt, in der wie früher in dem 1588 in Tübingen gegründeten Collegium illustre der Adel für Hof-, Staats- und Kriegsdienst ausgebildet wird, erweist sich mehr und mehr als ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer modernisierten Verwaltung und Staatsführung. Und wo der Herzog den Versuch unternimmt, solche Institutionen wieder zu beleben, scheitert er am Widerstand der Landschaft, die solche Pläne des Herzogs argwöhnisch durchkreuzt. Aber ohne militärische Fachleute, das ist Carl Eugen und seinen Beratern klar, ist kein Krieg mehr zu gewinnen, und so reicht auch adelige Herkunft häufig nicht mehr, zumindest nicht mehr allein aus, um in höhere Offiziersränge zu gelangen oder eine höhere Beamtenkarriere zu machen. Und schließlich kann ein nach absolutistischer Macht strebender Fürst wie Carl Eugen, wenn er seine Interessen durchsetzen will, nicht gut auf Institutionen und Berufsgruppen zurückgreifen, die sich, wie im Falle Württembergs geschehen, im Verfassungskampf mit den Landständen ("Ehrbarkeit“) nicht nur wankelmütig zeigen, sondern häufig auch auf der gegnerischen Seite Position beziehen. Im "Land der Magister und Schreiber“, wie Württemberg von auswärtigen Beobachtern bezeichnet wird, haben es nämlich gerade die Schreiber, ähnlich wie die Prediger, zu einem außerordentlichen Einfluss gebracht. Sie stellen "eine geschlossene und mächtige Kaste“ (Buchwald 1959, S.120) dar, auf die, aus Sicht des Herzogs, politisch kein Verlass ist und die darüber hinaus den neuen Aufgaben nicht gewachsen ist. Kein Wunder also, dass der Herzog die erheblichen finanziellen Lasten der Anstalt bereitwillig trägt und auch den Zugang zu seiner Schule nicht nach Herkommen, sondern ganz nach Leistung regelt, "so dass auch begabte Kinder unvermögender Eltern“ zum Zuge kommen. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 83) Mit seiner Schule, so sieht es wohl der Herzog, kann er nicht nur die fähigen Militärs, sondern auch die erforderliche Beamtenelite rekrutieren, die seinem Herrschaftsinteresse entsprechen. Dass genau diese Absicht, in einem Land, in dem die Schule in Stadt und Land praktisch noch ein "Monopol der Landeskirche" ist (Vann 1986, S.218), bei der Kirchenverwaltung, namentlich dem Konsistorium, misstrauisch betrachtet und solche Entwicklungen nach Kräften behindert werden, versteht sich daher fast von selbst.
Die dritte Phase der Karlsschule zwischen 1782 und 1793 wird durch die Erhöhung der Anstalt in eine wirklich Hohe Schule mit universitärem Rang durch das kaiserliche Erhöhungsdekret »Kaiser Joseph II. (1741-1790) vom 22.12.1781 eingeleitet. Der habsburgische Kaiser hatte schon 1777 auf der Durchreise die Karlsschule besucht und sich auch später weiter über sie unterrichten lassen. Er erfüllt damit einen von Herzog Carl Eugen "lang gehegten Wunsch, der ihm in der letzten Zeit durch hohe Damen, Verwandte des Herzogs, übermittelt worden war. Am 11. Februar 1782, dem Geburtstag des Herzogs, wurde die Erhebung durch ein großes Fest, verbunden mit der erste Doktorpromotion, gefeiert, das als der Höhepunkt in der geschichtliche Entwicklung der Karlsschule anzusehen ist." (Hauber 1907/1909, S.7) Die Schule trägt seitdem die Namen "Herzogliche Karls-Hohe Schule" oder "Hohe Karlsschule" oder auch "Academia Carolina" und als ihr Stiftungstag galt fortan der Tag des Erhöhungsdiploms, der 22. Dezember. "Umfang und Art des Unterrichts wurde dadurch nicht verändert, auch die disziplinarischen Einrichtungen der Schule dadurch an sich nicht berührt; aber die Gliederung der Anstalt und ihre Verwaltung wurde nun dem an Universitäten Herkömmlichen angepasst. Die verschiedenen Ausbildungszweige wurden jetzt als 'Fakultäten', welchen Namen sie schon bisher gelegentlich geführt, je mit ordentlichen und außerordentlichen Professoren organisiert, und zwar in der Reihenfolge: juridische, medizinische, militärische, ökonomische, philosophische Fakultät (welch letztere die allgemein bildenden Fächer umfasste und welcher der höhere Schulunterricht unterer und mittlerer Stufe nebst Lehrern und Schülern als 'philologische Abteilungen' angegliedert wurde), und 'Fakultät (auch Kollegium) der freien Künste'. Der Herzog übernahm die Würde des Rector magnificentissimus. [...] Noch wichtiger aber war, dass fortan neben den eigentlichen Akademisten, die in der Anstalt wohnten und verpflegt und beaufsichtigt wurden, auch 'Stadtstudierende' oder 'Oppidani', die nur zum Unterricht in die Anstalt kamen, in wachsender Zahl, unter entsprechender Abnahme der Zahl der Anstaltszöglinge schließlich bis zur Hälfte, zugelassen wurden." (ebd., S.7)

© Gert Egle, teachSam - 29.09.2013

 
     
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