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Pädagogische Gründungen Carl Eugens

Überblick

 
 
Herzog Carl Eugen veranlasst die Gründung einer ganzen Reihe verschiedener pädagogischer Einrichtungen, von denen die 1770 gegründete Karlsschule die mit Abstand bedeutendste ist. Sie wird im Jahre 1770 gegründet und stellt zunächst ein Waisenhaus für elternlose Kinder von Militärangehörigen dar. Untergebracht in Nebengebäuden seines Lustschlosses auf der Solitude nimmt die Anzahl der Zöglinge, meistens Soldatenkinder, rasch zu, in dessen Folge sich auch das Bildungskonzept der Anstalt ändert. Statt klarer beruflicher Orientierung nähert sich ihr Curriculum dem der Lateinschulen der Zeit an. Noch in der ersten Phase ihrer Entwicklung zwischen 1770 und 1775 auf der Solitude wird die Anstalt in militärische Pflanzschule umbenannt (1771 ) und entspricht dann etwa dem, was man aus der Unter- und Mittelstufe einer höheren Schule kennt (vgl. Buchwald 1959, S.120). In den Kategorien zeitgenössischer Schulkultur ist die Anstalt eine "allgemeine Lateinschule mit angegliedertem Militärwaisenhaus“ (Alt Bd. I, 2004, S.82) Zugleich ähnelt sie mit ihren militärischen Ritualen und Umgangsformen der Ritterakademie alten Typs, der exklusiv dem Adel vorbehaltenen Eliteuniversität (ebd.)
Neben der militärischen Pflanzschule, die männlichen Schülern vorbehalten ist, lässt Herzog Carl Eugen, wohl auf Betreiben von Franziska von Hohenheim (1749-1811), zu dieser Zeit noch seine Mätresse, später 2. Ehefrau, eine Ausbildungsstätte für Mädchen eröffnen, die allerdings in ihrer Bedeutung weit hinter der militärischen Pflanzschule und späteren Militärakademie zurückbleibt. Mit der militärischen Pflanzschule, die 1773 vom Herzog zur Militärakademie erhoben wird, geht der Herzog einen Weg, der zugleich das Ende anderer Initiativen bedeutet, die sich einer Hebung der Allgemeinbildung bei Militär, Beamten und im Bürgertum verschrieben hatten. So geht General Ferdinand Friedrich Nicolais (1730-1814) Vorstoß, die "grenzenlose Unwissenheit“ der Militärs mit der Gründung einer gemeinnützigen Offiziersschule in enger Kooperation mit der Tübinger Universität zu bekämpfen, im weiteren Militärakademiekonzept des Herzogs mehr oder weniger auf.
Die Ecole des Demoiselles genannte Einrichtung (kurz auch das "Institut"), die nie mehr als 25 Schülerinnen hat, wird von Franziska von Hohenheim als Patronin betreut und bezieht Räume im Gebäude der Marstallstr. 4, gegenüber dem ehemaligen Grävenitz'schen Palais, das Carl Eugen seinem "Franzele" 1771 schenkt. Ursprünglich als Ausbildungsstätte für heimische Balletttänzerinnen und Sängerinnen gedacht, bekommen die in der Regel aus verdienten Offiziers- und Beamtenfamilien stammenden Elevinnen auch eine für damalige Verhältnisse bemerkenswert breite Allgemeinbildung vermittelt. Man unterrichtet sie im Schreiben, Arithmetik, Französisch, Italienisch, Geschichte, Erdbeschreibung, Sittenlehre, Musik und in Haushaltskunst. Wie die Académie des Arts und die Musik- und Tanzschule wird das "Institut" zwischen 1770 und 1773 auf die Solitude verlegt und im Jahre 1787 als zu kostspielig gänzlich aufgehoben.
Die 1764 mit dem Hof nach Ludwigsburg verlegte Académie des Arts, die unter Leitung des herzoglichen Hausmarschalls Graf von Puttbus und des Malers Nikolaus Guibal für den Bedarf des Hofes Künstler, Kunsthandwerker, Theatermaler und Dekorateure ausbildet, wird nach 1770 auf die Solitude verlegt. Die Künstlerakademie besteht beim Umzug nach Ludwigsburg schon einige Jahre. In ihren Arbeitsräumen im 2. Stock des östlichen Flügels des Neuen Corps de logis der Ludwigsburger Schlossanlage werden ihre Schüler von Künstlern des Hofes im Zeichnen, in Malerei, Bildhauerei und Baukunst und später auch im Modellieren, in Porzellanmalerei und Kunstgeschichte unterrichtet. Jährlich finden Prüfungen statt und die besten Prüflinge erhalten in Anwesenheit des Hofes vom Herzog selbst Preismünzen überreicht. (vgl. Sting 2005, S.223)
Auch die 1769 erst im herzoglichen Auftrag gegründete Musik- und Tanzschule erlebt in ihrer Ludwigsburger Zeit wohl ihre besten Tage. In ihr wird der Nachwuchs für Oper und Ballett herangebildet. Die Einrichtung dieser Schule ist allerdings weniger Bildungs- als Finanzinteressen des Herzogs geschuldet. Dessen Ausgaben für Oper, Ballett und andere höfischen Lustbarkeiten sind so hoch, dass er sich in der Auseinandersetzung mit den einflussreichen Landständen ("neue Ehrbarkeit") schon vor Abschluss Erbvertrages (1770) zur Senkung seiner Ausgaben gezwungen sieht. Carl Eugen, der zuvor die meist aus Italien stammenden Künstler von Rang am liebsten mehrere Jahre verpflichtet, lässt daher begabte Kinder von Orchestermitgliedern oder anderen Hofbediensteten nach Unterzeichnung eines entsprechenden Vertrages durch die Eltern binnen vier Jahren ausbilden, um sie später für vergleichsweise geringes Honorar ins Hofensemble aufzunehmen. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.49) Statt großer internationaler Stars wie die Primadonnen Maria Masi-Giura, Monica Buonanni, Maria Giuseppina Maccherini, Caterina Bonafidi (Geliebte des Herzogs) oder die Hoftänzerinnen Anna Maria Riccieri (Geliebte des Herzogs, 1764 im Alter von 16 Jahren verstorben) oder die singenden Kastraten Francesco Bozzi, Gaetano Guadagni oder Giuseppe Poganelli und Tänzer wie Gaetano Vestris (vgl. Sting 2005, S.223), stehen nun auch mehr und mehr Landeskinder auf den Bühnen. Als der Bedarf an Künstlern und Künstlerinnen gedeckt ist, wird die Schule freilich wieder aufgelöst. 1780 sind sowohl die Académie des Arts als auch die Musik- und Tanzschule nur noch Geschichte.
Natürlich gehen nicht alle Bemühungen um Bildung vom Herzog bzw. herzoglichen Interessen aus. Das Elementar- und Lateinschulwesen, sowie die höheren Bildungsanstalten und Universitäten haben ihre eigenen Wurzeln, wenngleich der Herzog mit seinem erzieherischen Eifer das gesamte Schulwesen des Landes durchdringt. (vgl. Lahnstein 1981, S.43) In jedem Fall ist aber festzuhalten: Das ganze Projekt, "ein wahres Mammutinstitut" (Buchwald 1959, S.121) mit hohem Repräsentationswert, das Carl Eugen mit seiner Karlsschule verfolgt, muss vom Herzog, bis seine Akademie letztlich universitären Rang erhält, gegen den Widerstand der Landstände, der Kirche und sogar der Landesuniversität Tübingen durchgesetzt werden. (vgl. v. Wiese 1959/1963, S. 21f.) Sie sehen darin, und da haben sie schließlich nicht Unrecht, das Ziel des Herzogs, sich einen eigenen, ihm persönlich völlig loyal ergebenen Beamtenapparat zu schaffen, der ihn von der Abhängigkeit und Mitsprache seiner ständischen Gegner, die ihm jeden Schritt zu einer wirklich absolutistischen Herrschaftsausübung in Württemberg nach Kräften verwehren, befreien soll. Die Intentionen des Herzogs spiegeln sich auch in den folgenden Zahlen wider: Zwischen 1770 und 1793 gehen aus der Karlsschule (Akademie und Hochschule) 420 Militärpersonen, 357 Juristen, 182 Mediziner (erst ab 1776), 448 Kameralisten, Forst- und Handelsleute sowie 53 Musik- und Theaterkünstler hervor.  (vgl. Sting 2005, S. 238)
Und auch andere Einrichtungen wie die 1769 gegründete Lesegesellschaft "Die Literaturfreunde" bemühen sich um Bildung und kultivieren sie.

© Gert Egle, teachSam - 29.09.2013

 
     
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