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Die Entwicklung sozial konstruierter Scham in der frühen Neuzeit und im Barock

Das höfische Ankleideritual des Fürsten

"Lever"

 
GESCHICHTE
Grundbegriffe der Geschichte Europäische Geschichte Frühe Neuzeit (1350-1789) Zeitalter der Renaissance (ca.1350-1450) Zeitalter der Entdeckungen (1415-1531) Reformation und Glaubenskriege (1517-1648) Absolutismus und Aufklärung (ca. 1650-1789) Entstehung des frühmodernen Territorialstaats im Absolutismus Didaktische und methodische Aspekte Überblick Ausgangspunkt: Vielfalt sozialer Gruppen mit zahlreichen Sonderrechten und Lebensformen Schlüsselmonopole staatlicher Herrschaft Sozialdisziplinierung als Mittel der Staatsentwicklung Überblick Aspekte der Sozialdisziplinierung (Oestreich/Schulze)Sexualstrafrecht in der frühen Neuzeit [ Die Entwicklung sozial konstruierter Scham in der frühen Neuzeit und im Barock Überblick Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwellen Nacktheit auf dem Rückzug Das höfische Ankleideritual des Fürsten (Lever) Die höfische Form der Erotik im Barock ] Die Rolle der territorialen Konfessionskirchen Beginn des bürgerlichen Zeitalters ▪ Deutsche Geschichte
 

Ehebruch
Vorehelicher  und außerehelicher Geschlechtsverkehr

Nacktheit auf dem Rückzug
Das höfische Ankleideritual des Fürsten
(Lever)
Die höfische Form der Erotik im Barock
▪▪ (Literaturgeschichte:) Die höfische Form der Erotik im Barock
 
teachSam-Projekt: Sex und Sexualisierung

Dabei führte die Entwicklung, die nach Elias (1897-1990) "mit der beschleunigten Verhöflichung der Oberschicht" (Elias 1939/1976., Bd. 2, S.415) zu tun hatte, auch zu neuen Abhängigkeitsverhältnissen.

Was das bedeutet, wird am Beispiel des französischen Königs »Ludwig XIV. (1638-1715) deutlich, dessen Hofhaltung im »Schloss von Versailles in Europa eine mehr oder weniger einheitliche Hofkultur begründete, in der "der Hof die lebendige Mitte des ganzen Landes (war): [...] Fluchtpunkt der neuen [...] klar aufgebauten und rational disziplinierten Herrschafts- und Gesellschaftsordnung des Absolutismus." (Schilling 1994a, S.19)

Der Versailler Hof wurde nach den zuvor lange dominierenden konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen dabei zur "Bühne, wo Fürst und Adel die neue vom Herrscher bestimmte Einvernehmlichkeit inszenierten." (ebd.) Eine wesentliche Voraussetzung dieser Inszenierung war, dass die Rolle, der Rang und Status der Adeligen davon abhing, ob sie sich in die Hofgesellschaft einfügten, deren Spielregeln der König festlegte.

So wurde die Zahl der am Hof von Versailles in der Hofgesellschaft lebenden Personen immer größer. Zugleich wurde der Hoch- und Hofadel damit auch der Kontrolle »Ludwigs XIV. (1638-1715) unterworfen, zumal er jeden, der sich weigerte, seinen ständigen Aufenthalt in Versailles zu nehmen, missachtete und gänzlich ignorierte.

Wo so viele Menschen so eng zusammenlebten, entwickelten sich auch neue Elemente der sozialen Kontrolle, die vergleichsweise unabhängig von dem direkten Eingreifen des Königs dieses soziale System "bei Hofe" stabilisierten. Man beobachtete sich gegenseitig und die Verbote wurden "differenzierter und differenzierter, umfassender, vielfältiger". (Elias 1939/1976., Bd. 2, S.415) Das betraf dabei auch das, worüber man sich schämen musste und das, was man an anderen als peinlich empfand. (vgl. ebd.)

Die soziale Komponente der Nacktheit im höfischen Ankleideritual des Fürsten ("Lever")

Wer einmal von den öffentlich vollzogenen Ankleideritualen, dem sogenannten »Lever gehört hat, denen sich Fürsten und Fürstinnen, Könige und Königinnen vom 17. Jahrhundert an in ihren Schlaf- und Ankleidezimmern unterzogen haben, wird sich unter Umständen über diese seltsame soziale Praxis am Hof gewundert haben.

Während des »Lever du Roi (=Aufstehen des Königs) war der französische König ▪ Ludwig XIV. (1638-1715), dessen ganzer Tagesablauf nach einem von ihm selbst erfundenen ▪ Hofzeremoniell im Schloss von Versailles "getaktet" war, in seinem »Paradeschlafzimmer von einer Reihe von Würdenträgern und Dienern umgeben, die dem Ankleiden des Königs beiwohnten oder es vornahmen. Sein Zeremoniell, das das spanische Hofzeremoniell ablöste, sah u. a. vor, dass sich der König in Anwesenheit des erlesenen Personkreises, der dem Lever beiwohnen durfte und musste, den Morgenrock ausziehen ließ. Dann zogen ihm  der Meister und der Erste Diener der Garderobe sein Nachthemd aus und zogen dem nun nackt im Raum stehenden König ein frisches Hemd an, welches ihnen von einem königlichen Prinzen oder dem Großkammerherrn von Frankreich ihnen gereicht wurde. Danach waren die Seidenstrümpfe und die Schuhe an der Reihe. Man band ihm danach einen Degen und der Großmeister der Garderobe zog ihm dann die Weste, den Justaucorps und die Krawatte an.

Von unserer heutigen Warte betrachtet, kann man sich schon, warum dem König oder anderen Fürsten, die das Lever in ähnlicher Weise anordneten, die Anwesenheit ihrer Bediensteten und sonstiger Höflinge offenbar überhaupt nichts ausmachte, wenn sie sich ohne Perücke von oben bis unten nackt zeigten.

Sieht man etwas genauer hin, zeigt sich einem ein Zugang zum barocken Verständnis von Nacktheit, zumindest in der höfischen Gesellschaft, der einem dieses verwunderliche und fremdartige Verhalten erklären kann.

Vielleicht wird einem dann auch das Eigene im Fremden erkennbar, wenn man z. B. an Peinlichkeiten unserer Tage denkt, die beim Besuch einer öffentlichen Sauna entstehen, in der man sich unzähligen fremden Personen ohne Scham (in den USA geht man nur mit Badeanzug dahin!) nackt zeigt, aber "erschauert", wenn plötzlich der Nachbar oder die Nachbarin splitterfasernackt, noch viel schlimmer Kolleginnen oder Kollegen, vom Chef ganz zu schweigen, vor einem steht.

In der höfischen Gesellschaft des Barock hatte Peinlichkeit von oben nach unten jedenfalls keinen Platz, wenn der König sich beim Ankleiden nur vor seinen Dienern oder anderen Höflingen entblößte. Unerträglich wäre ihm aber gewesen, wenn ihn "Seinesgleichen", also Gleichrangige oder sonst wie Hochgestellte, die nicht zu dem von ihm erwählten Personenkreis gehört hätten, so zu Gesicht bekommen hätten.

Was gegenüber dem Untergebenen letztlich noch als Geste des königlichen oder fürstlichen Wohlwollens interpretiert wurde (vgl. Elias 1997, Bd.2, S.414), wird aber im Zuge der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung, "wenn die ständischen Mauern fallen, wenn die funktionelle Abhängigkeit aller von allen noch stärker wird und alle Menschen in der Gesellschaft um einige Stufen gleichwertiger" (ebd.) werden, zusehends bedeutungslos und im Zuge des sozialen Wandels entsprechend verändert.

So wurde im Laufe der Zeit "die Entblößung des Menschen von minderem Rang vor dem Höherstehenden [...] oder auch die von Menschen gleichen Ranges voreinander mehr und mehr als Zeichen der Respektlosigkeit aus dem gesellschaftlichen Verkehr verbannt [...] als Verstoß gebrandmarkt und dementsprechend mit Angst belegt" (ebd.).

Heute, wo wir längst im Sinne von Elias, sämtliche grundsätzlich sozial konstruierten Schamgefühle so internalisiert haben, dass uns die Scham als Gebot unseres eigenen Innern erscheint (vgl. ebd.), ist die Entblößung des Körpers "außerhalb bestimmter, enger Enklaven in Gegenwart eines anderen zu einem Verstoß" (ebd.) geworden, auch wenn sich die Schamgrenzen, ganz entgegen der Sozialdisziplinierungsthese von Elias, schon seit Längerem wieder zurückgezogen haben und ihn einer medialen Kultur des "Anything goes", in der alle Akteure um Aufmerksamkeit ringen, die bis ins Obszöne reichende Zurschaustellungen des menschlichen Körpers ein tägliches und einträgliches Geschäft wurde.

Ehebruch
Vorehelicher  und außerehelicher Geschlechtsverkehr

Nacktheit auf dem Rückzug
Das höfische Ankleideritual des Fürsten
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.10.2021

 
 

 
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