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Essay

Textsortenmerkmale


Die nachfolgende Textzusammenstellung gibt einen Einblick in die Beschreibung der Textsorte "Essay".

Text 1:
Ein Essay (Plural: Essays), seltener: Essai (der, selten: das; über französisch essai von mittellateinisch exagium, „Probe“, „Versuch“), ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema. Die Kriterien streng wissenschaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden.
Essays zählen auch zu den journalistischen Darstellungsformen. Ähnliche Textarten, teilweise auch synonym verwendet, sind Causerie, Glosse, Kolumne, Traktat, Aufsatz und der journalistische Kommentar sowie der Leitartikel.
Der Essay als literarische Form oder Gattung geht zurück auf den französischen Autor »Michel de Montaigne (1533–1592). Montaigne entwickelte den Essay aus der »Adagia des »Erasmus von Rotterdam. Was zunächst noch eine Sammlung von Sprüchen, Aphorismen und Weisheiten war, versieht Montaigne nun mit Kommentaren und Kritik. Dabei stellte er seine Erfahrungen dem scholastischen Absolutheitsanspruch entgegen.
Montaigne tritt als ein Fragender auf, der nach Antwort sucht, ohne sie letztlich zu finden. Ein guter Essay wirft neue Fragen auf oder umreißt ein neues Problem. Erkenntnisse und Forderungen werden oft nur so weit ausgeführt, dass der Leser sie selbst assoziieren und als eigene Gedanken betrachten kann, nicht als eine dogmatische Lehrmeinung.
Montaignes Bekenntnis zur Subjektivität und sein Zweifel an der Existenz absoluter Wahrheit widersprachen freilich der offiziellen Lehrmeinung des Vatikans. Schließlich setzte die katholische Kirche Montaignes Essays auf den Index Librorum Prohibitorum.
Sein Nachfolger, der Engländer »Francis Bacon, erweiterte die Gattung des Essays in Richtung einer belehrenden, moralisierenden Form mit deduktiver Beweisführung; in der Folge pendelt der Essay zwischen diesen beiden Ausrichtungen. So wurde der Essay auch zu einer beliebten literarischen Form der Moralisten und Aufklärer.
Die »Enzyklopädisten adaptierten die ursprünglich literarisch-philosophische Form zu einem wissenschaftlichen Stil. Im Gegensatz zum Traktat oder zur wissenschaftlichen Abhandlung verzichtet ein Essay auf objektive Nachweise und definitive Antworten. [...]
Die essayistische Methode ist eine experimentelle Art, sich dem Gegenstand der Überlegungen zu nähern und ihn aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Wichtigste ist jedoch nicht der Gegenstand der Überlegungen, sondern das Entwickeln der Gedanken vor den Augen des Lesers.
Viele Essays zeichnen sich aus durch eine gewisse Leichtigkeit, stilistische Ausgefeiltheit, Verständlichkeit und einen nicht zu unterschätzenden Witz. Jeder neue Begriff wird eingeführt und vorgestellt. Handlungen werden chronologisch erzählt und Zitate deutlich gekennzeichnet; meist ist es aber befreit von vielen Zitaten, Fußnoten und Randbemerkungen. Zuweilen ist es auch schlicht eine stilisierte, ästhetisierte Plauderei.
Während der Autor einer wissenschaftlichen Analyse sein Thema systematisch und umfassend darstellen sollte, wird ein Essay eher dialektisch verfasst, mit Strenge in der Methodik, nicht aber in der Systematik. Essays sind Denkversuche, Deutungen – unbefangen, oft zufällig scheinend. Damit ein Essay aber überzeugt, sollte es im Gedanken scharf, in der Form klar und im Stil geschmeidig sein.
(aus: wikipedia. 16.02.2010)

Text 2
"
Essay, der (engl., franz. essai = Versuch) kürzere Abhandlung über einen wissenschaftlichen Gegenstand, eine aktuelle Frage des geistigen, kulturellen oder sozialen Lebens u.ä. in leicht zugänglicher, doch künstlerisch wie bildungsmäßig anspruchsvoller, geistreicher und ästhetisch befriedigender Form, gekennzeichnet durch bewusste Subjektivität der Auffassung, die dem Essay auch im Fall überholter wissenschaftlicher Voraussetzungen im einzelnen als geistigem Zeugnis seines Schöpfers bleibenden Wert gibt, bewusstem Verzicht auf systematische und erschöpfende Analyse des Sachwertes zugunsten mosaikhaft lockerer, das Thema von verschiedenen Seiten fast willkürlich, sprunghaft-assoziativ belichtender Gedankenfügung, die wesenstiefe individuelle Erkenntnisse zu vermitteln sucht, ein Nachvollziehen des persönlichen Erlebnisses erstrebt und das Thema in großen Zusammenhängen sieht, Vorläufigkeit der Aussage bei aller aphoristischen Treffsicherheit im einzelnen und Unverbindlichkeit der aufgezeigten möglichen Zusammenhänge, die keine Verallgemeinerung zulässt, schließlich die Souveränität in der Verfügung über den Stoff. Der Essay gilt daher als offene Form von fragmentarischer Wahrheit, als ein Schwebezustand zwischen Wissen und Zweifel, und unterscheidet sich durch die subjektive Formulierung von der streng objektiven wissenschaftlich-sachlichen Abhandlung, durch das geistige Niveau und Streben nach zeitlosen Einsichten von breiteren und oberflächlicheren journalistischen Feuilletons."
(aus: G. v. Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1969, S. 235 f.)

Text 3
"Was ist ein Essay?
Der Essay ist keine fest umrissene Textsorte. Er bietet einen großen Spielraum für Ausdrucks -und Gestaltungsmöglichkeiten. Kein gelungener Essay gleicht einem anderen. Insofern ist der Essay frei von Strukturvorschriften und vorgefertigten Mustern. Essays verzichten auf wissenschaftlich genaue Analytik ebenso wie auf strenge Systematik der Gedankenfolge. Vielmehr ist der Essay ein assoziativ-vernetzender Spaziergang. Essayschreiber/innen zeigen sich interessiert am offenen Nachdenken, am Gedankenexperiment, von dem noch gar nicht feststeht, wohin es führen wird. Der Essay bietet zugleich Spielraum für die Lust am Formulieren, für das Spiel mit der Sprache und die ganz persönliche Note des Stils. Der Essay ist in allen - in gedanklicher Substanz und sprachlicher Gestaltung - ein Versuch. “Versuchen“ heißt im Französischen “essayer“; die essayistische Aussage ist also eine vorläufige, nicht fertige. Das Motto des essayistischen Schreibens lautet: Interessant und gewagt, aber keine ewige Wahrheit!"
(aus: Texte, Themen und Strukturen, Deutschbuch für die Oberstufe Neue Ausgabe B, Berlin 2001,S.86)

Text 4
Essay: Essay (englisch: Versuch, Probe, zu lateinisch exagium: das Wägen), in Prosa verfasste und stilistisch hoch stehende, zumeist kürzere Abhandlung mit sprunghaft-unsystematischem, intuitiv-assoziatorischem Charakter. Durch seinen ästhetischen Anspruch unterscheidet sich der Essay vom journalistischen Feuilleton oder vom Traktat, durch seine subjektive Formung vom Bericht. Thematisch ist er nicht festzulegen. Gegenstandsbereiche sind etwa soziologischer (Georg Simmel), kunsthistorischer (Jacob Burckhardt), philosophischer (Gottfried Wilhelm von Leibniz), literaturgeschichtlicher (Odo Marquart) oder wissenschaftlicher Natur (Werner Heisenberg, Robert Jungk, Carl Friedrich von Weizsäcker).
Vorformen des Essays finden sich bereits in der Antike (Plutarch, Seneca, Cicero, Horaz, Marc Aurel, Catull). Der Begriff selbst geht auf Michel de Montaigne zurück (Essais, 1580), der auch den spielerisch-offenen Aspekt der Form hervorhob, indem er seine Gedankenfolge mit einem "Spaziergang” und der Fahrt eines Schiffes über die stürmische See verglich. Auch stellte er bereits die Subjektivität der Darstellung ins Zentrum ("Ich selbst bin der einzige Inhalt meines Buches”). Die englische Tradition eines eher objektiv-naturwissenschaftlichen, formal strengen Typus wurde von Francis Bacon etabliert, der seine 1597 begonnenen Betrachtungen Essays nannte. In der Folge geriet vor allem das Fragmentarische und Philosophische des Essays in den Blickpunkt (René Descartes, Blaise Pascal, John Locke etc.). In Deutschland versuchten etwa Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried von Herder, Goethe, Christoph Martin Wieland, Georg Christoph Lichtenberg und Georg Forster die literarische Form zu kultivieren.
In der literarischen Moderne entstand, ausgehend von Otto Flake und Robert Müller, der von Hermann Broch (Die Schlafwandler, 1931/32) und Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften, 1930-1952) perfektionierte "Roman-Essay” (Müller), der durch betrachtende Einschübe (Broch) die Romangattung aufsprengte oder aber durch ein intellektualisiertes Schreiben (Musil) das essayistische Verfahren in die Erzählstrategie integrierte. [...]
(aus: Microsoft ® Encarta ® Enzyklopädie 2003. © 1993-2002 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.)

Text 5
Der Essay als literarische Gattung
“Der Essay ist eine Abstraktion, für die es beinahe keine Beispiele gibt“, heißt es bei Robert Musil, womit die scheinbar harmlose Formulierung eines Schriftstellers, der es wissen muss, auf wesentliche Merkmale der Gattung hinweist. Da wäre zunächst die „Reinheit“. Der Essay ist als Zwitter verrufen, als Un-Gattung: er ist weder Drama, noch Lyrik noch Epik. Aber auch die Wissenschaften, vornehmlich die Philosophie erkennen den Essay nicht ohne weiteres als ihr Kind an. Der eher assoziative Gedankenspaziergang, die Offenheit des Resultats und sein Widerwille gegen geschlossene Ideensysteme machen ihn unbrauchbar für die stringente Abhandlung wie für das moralisierende Traktat. Stattdessen gewährt der Essay dem eher hypothetischen Denken, der Interpretation des bereits Bekannten den Vorzug. Er greift im „gelehrten Zitat“ auf kulturelle Wissensbestände zurück, kennt aber nicht den “kritischen Apparat“ des Brotgelehrten, sondern zeigt sich als philosophischer Kopf. Er wird über einzelnes stutzig, will ihm auf die Schliche kommen und findet dabei - eher absichtslos, so scheint’s - Allgemeines. Dabei bedient er sich oft eines Plaudertons, der - in Deutschland allemal - als Ausweis der Unwissenschaftlichkeit gilt, verweist dieser Ton doch auf eine der Quellen des Essays, nämlich die Reflexion der Sitten und Unsitten in der Gesellschaft. Und hierbei ist der phantasievollen Ausgestaltung des Kerns ja keine Grenze gesetzt. […].
Lust am Schreiben jedenfalls heißt zweierlei, heißt Lust am Formulieren und Fabulieren, heißt auch Lust am Denken, am gedanklichen Erproben. Beides zusammen scheint mir, kann das Dach bilden, unter dem das nur scheinbar ungeliebte Kind groß wird. Genährt von einer Zeit, die offene Problemlagen zur Genüge kennt und betreut von Menschen, die sich selbst schreibend erproben, ihren Horizont abstecken und erweitern, müsste dieses Kind eigentlich zur Schule gehen [...]
(aus:) R. Nolte: Stationen der Literatur, Essays von der Aufklärung bis heute, Berlin 2000
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   Arbeitsanregungen:
  1. Stellen Sie in Form einer Tabelle oder eines Mind Maps zusammen, welche (Textsorten-)Merkmale der Essay in den obigen Texten erfüllen soll.

  2. Vergleichen Sie den Informationsgehalt der Texte und beurteilen Sie dabei den Eintrag aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
     

 
     
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