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Gert Ueding, Das System der Rhetorik

Parallelkonspekt

 
 
Das System der Rhetorik ist in allen wesentlichen Zügen bereits in der Antike (Aristoteles, Cicero, Quintilian) entwickelt worden und in dieser Form bis heute Grundlage der Allgemeinen und der Angewandten Rhetorik. Die theoretischen Voraussetzungen fußen auf der anthropologischen Annahme der Redefähigkeit als einer allgemein menschlichen Naturanlage (natura), die durch Kunst und Wissen (ars, doctrina) sowie durch Erfahrung und Übung (exercitatio) vervollkommnet werden kann.  Anthropologische Grundannahme:
Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit zum Sprechen und diese Fähigkeit kann im Rahmen eines umfassenden Lernprozesses perfektioniert werden
Der rhetorische Unterricht besteht in der Aneignung des rhetorischen Wissens (doctrina), der Nachahmung exemplarischer Vorbilder (imitatio) mit dem Ziel, sie zu übertreffen (aemulatio), und der praktischen Einübung (declamatio).  Bestandteile des rhetorischen Unterrichtes:
Die Produktionsstadien der Rede bilden das wichtigste systematische Einteilungsprinzip der Rhetorik. Produktionsstadien der Rede
Am Anfang steht 1. die Erkenntnis des Themas, seine Zuordnung zu einer der drei klassischen Redegattungen, Gerichtsrede, Politische Rede, Festrede, und das Auffinden aller zur wirkungsvollen Behandlung des Gegenstands nötigen Argumente und Materialien (inventio). Zu deren Erforschung hat die Rhetorik ein eigenes System von Suchkategorien (Topik) ausgebildet, die personen- oder problembezogen alle möglichen Fundorte für Argumente, Beweise oder sonstige Belege erschließen.  1. Inventio
  • Thema erfassen
  • Thema den Redegattungen zuordnen
  • Argumente und Materialien sammeln
Das 2. Arbeitsstadium regelt nach bestimmten Mustern die Gliederung des Stoffes (dispositio) unter den leitenden Aspekten der Sachangemessenheit, der Überzeugungsherstellung beim Hörer/Leser und der vier Redeteile. Diese bestehen aus Einleitung (exordium), Darlegung des Sachverhalts (narratio), Argumentation und Beweisführung (argumentatio), schließlich dem Redeschluss (conclusio, peroratio).  2. Dispositio

Stoff gliedern (Sachangemessenheit, argumentative Struktur)

vier Redeteile:

Das 3. Arbeitsstadium umfasst die sprachlich-stilistische Produktion der Rede gemäß der Theorie des rednerischen Ausdrucks (elocutio), die das differenzierteste Teilgebiet der Rhetorik ausmacht. Es umfasst die Figuren und Tropen sowie den Wortgebrauch und die Satzfügung, soweit diese nicht grammatischen, sondern stilistisch-rhetorischen Zwecken dienen. Sprachrichtigkeit, Deutlichkeit, Angemessenheit an Inhalt und Zweck der Rede, Redeschmuck und Vermeidung alles Überflüssigen sind die obersten Stilqualitäten. Um allen Wirkungsintentionen zu entsprechen, hat die Rhetorik zum Teil sehr komplizierte Stillehren entwickelt, doch allein die wohl auf Theophrast zurückgehende Dreistillehre hat sich durchgesetzt und beherrschte die Geschichte der europäischen Beredsamkeit und Literatur bis ins 19. Jh. Sie unterscheidet die schlichte, schmucklose, sowohl dem belehrenden Zweck wie der alltäglichen Kommunikation angepasste Redeweise von einer auf Unterhaltung und Gewinnung der Zuhörer ausgerichteten Stilart, die sich des Redeschmucks auf eine temperierte Weise bedient und eine sympathische Beziehung zwischen Redner und Publikum herstellen soll; von diesen beiden abgesetzt wird schließlich die großartige, pathetisch-erhabene Ausdrucksweise, die alle rhetorischen Register zieht und die Zuhörer mitreißen will. Sie ist besonders handlungsbezogen und zielt auf Entscheidung und praktische Veränderung aufgrund der zuvor durch Darlegung und Argumentation erreichten Einstellungsveränderung oder -sicherung.  3. Elocutio

sprachlich-stilistische Ausgestaltung

  • Tropen
  • Wort- u. Satzfiguren

Kriterien

 

Dreistillehre (Theophrast)

schlichte, schmucklose, belehrende wie alltägliche Redeweise

Redeweise, die Redeschmuck auf angemessene Weise zur Herstellung einer sympathischen Beziehung zwischen Redner und Publikum (Unterhaltung und Gewinnung des Publikums)

pathetisch-erhabene Redeweise, die sich aller rhetorischen Mittel bedient und das Publikum mitreißen (handlungsbezogen, entscheidungsorientiert, zielt auf Einstellungs-
veränderung

Im 4. Stadium konzentriert sich der Redner auf das Einprägen der Rede ins Gedächtnis (memoria) mittels mnemotechnischer Regeln und bildlicher Vorstellungshilfen.  4. Memoria

Einprägen der Rede

Das 5. und letzte Produktionsstadium besteht in der Verwirklichung der Rede durch Vortrag (pronuntiatio), Mimik, Gestik und sogar Handlungen (actio). Diesen Anforderungen entsprechend entwickelte die Rhetorik eine ausgefeilte Sprechtechnik, die körperliche Beredsamkeit und in neuerer Zeit die Rhetorik der Präsentation, deren besondere Aufgabe die wirkungsbezogene Vorführung von Gegenständen und die Gestaltung des gesamten Ambientes der Rede ist. In Dekoration, Design und moderner Verkaufsrhetorik hat die Rhetorik der Präsentation heute ihre wichtigsten Anwendungsbereiche. In diesem letzten rhetorischen Arbeitsstadium liegt auch der Ursprungsort der Schauspieler- und Theatertheorien sowie der "gesellschaftlichen Beredsamkeit", wie A. v. Knigge seine Kunst des "Umgangs mit Menschen" nannte.  5. Pronuntiatio / Actio

Vortrag der Rede

Mimik, Gestik, Handlungen

Sprechtechnik

Rhetorik der Präsentation:

wirkungsbezogene Vorführung von Gegenständen

Gestaltung des Ambientes bei der Rede

Verkaufsrhetorik

 
(Text übernommen mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Seminar für Allgemeine Rhetorik
Wilhelmstraße 50 72074 Tübingen 
 
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