Home
Nach oben

 

 

deu.jpg (1524 Byte)

Gert Ueding, Geschichte der Rhetorik

Parallelkonspekt

 
 
Die Rhetorik ist im 5. Jh. v. Chr. nach der Beseitigung der Tyrannenherrschaft in Syrakus und Athen entstanden, als Interessengegensätze auf ökonomischem, politischem und rechtlichem Gebiet öffentlich ausgetragen werden konnten. Ihre erste Blüte erlebte sie in der sophistischen Aufklärung (Protagoras, Gorgias), die die Sprache endgültig aus dem mythischen Denken befreite und die menschliche Rede zu einem rational brauchbaren und universell einsetzbaren Instrument des gesellschaftlichen Lebens machte. In Platon, dessen Zerrbild der Sophistik bis heute nachwirkt, erwuchs der Rhetorik ein wirkungsmächtiger Gegner, der sie als "Überredung", "Scheinkunst" und "Schmeichelei" kritisierte und zur Wahrheitserkenntnis für untauglich erklärte. Ihre Rehabilitierung kam von dem Platon-Schüler Aristoteles, der mit seiner "Rhetorik" das bis heute folgenreichste Lehrbuch einer rhetorischen Argumentationstheorie schrieb und ihre Aufgabe darin bestimmte, "nicht ... zu überreden, sondern zu untersuchen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist." Außerdem wurde von Aristoteles die Rhetorik als gleichberechtigtes Gegenstück zur philosophischen Dialektik behandelt, da beide es mit dem Ungewissen zu tun haben und durch ihre Fähigkeit, "über Entgegengesetztes Schlüsse zu bilden", strittige Sachverhalte im Für und Wider der Argumente zur Entscheidung bringen können.  Griechische Antike

Blüte während Sophistik

Befreiung der Sprache aus mythischem Denken

 

Platon als Gegner der Rhetorik

Aristoteles verfasst "Rhetorik" = Lehrbuch rhetorischer Argumentations-
theorie

Von den römischen Rednern und Redetheoretikern wurde die Rhetorik dann endgültig zu dem neben der Philosophie wirkungsmächtigsten Bildungssystem der europäischen Geschichte ausgeführt. Während die nur anonym überlieferte "Rhetorik an Herennius", das älteste erhaltene Lehrbuch in lateinischer Sprache, allein die Produktionsstadien und Hauptgattungen der Rede behandelt, legte Cicero in seinen rhetorischen Lehrschriften (De oratore, Orator, Brutus) die Grundlage für ein umfassendes Lehrgebäude, in dem Erziehung, Politik, Recht, Gesellschaftstheorie und Ethik zusammengeführt wurden. Sein Ideal des "perfectus orator", der die Redekunst auf der Grundlage einer umfassenden Allgemeinbildung mit moralischem Verantwortungsbewusstsein ausübt (ein "vir bonus", ein guter Mensch, sein soll), wurde auch von Quintilian in das Zentrum seiner Rhetorik gestellt. Sein umfangreiches Lehrbuch "Die Ausbildung des Redners" (De institutione oratoria), ein Kompendium, das die Rhetorik als regina artis, als Königin aller Künste und Wissenschaften, inthronisierte, avancierte zum maßgebenden Standardwerk der europäischen Rhetorik  Römische Antike

Rhetorik neben Philosophie wichtigstes Bildungsinstrument

Cicero führt in seinen Lehrschriften über die Rhetorik fächerübergreifend Erziehung, Politik, Recht, Gesellschafts- theorie und Ethik zusammen

Quintilian macht Rhetorik zur regina artis

Das christliche Mittelalter rezipierte die Rhetorik nach anfänglichem Zögern (bahnbrechend: Augustinus "De doctrina christiana") und eignete sich das rhetorische Wissen für die Bibelauslegung und Predigtlehre an, womit den bisherigen drei klassischen eine weitere Redegattung hinzugefügt und mit der Homiletik* ein neuer rhetorischer Theoriebereich geschaffen wurde. In den Schulen wurden die sieben freien Künste gelehrt, wobei der Rhetorik neben Grammatik und Dialektik grundlegende Bedeutung zukam. Christliches Mittelalter

Augustinus:
Rhetorik für Bibelauslegung und Predigtlehre

Rhetorik im Feld der sieben freien Künste mit grundlegender Bedeutung

Renaissance und Humanismus brachten der Rhetorik neue Höhepunkte an Geltung und Machtausbreitung, die Philosophie ging zeitweise in ihr auf, sie beherrschte Schul- und Universitätsbetrieb, Literatur und Architektur, Hof- und Gerichtswesen, gesellschaftliches Leben, Kirche und Theologie; der historische und philologische Sinn und die allgemeine Verweltlichung der Wissenschaften und des Lebens waren unmittelbare Folgen der neuen Rhetorik-Rezeption, die dann auch in die höfische Kultur aufgenommen wurde und das barocke Zeitalter besonders hinsichtlich seiner Schmuck- und Prachtentfaltung geprägt hat.  Renaissance und Humanismus

Philosophie geht in Rhetorik auf, die das gesellschaftliche Leben beherrscht

Rhetorik-Rezeption im Barock führt zur Integration der höfischen Kultur in das System der Rhetorik

Die Aufklärung des 18. Jh.s brachte die Nationalisierung der bisher lateinischsprachigen Rhetorik in allen europäischen Ländern. Es entstand eine Fülle neuer muttersprachlicher Lehrbücher, auch die Terminologie veränderte sich, in Deutschland z. B. festigte sich der Sprachgebrauch "Beredsamkeit" (oder" Eloquenz") für die Praxis und "Redekunst" (oder "Rhetorik") für die Theorie der Rede. Anknüpfend an die antiken Briefautoren (Plinius) und die humanische ars dictandi (Briefkunst) weiterführend, etablierte sich der Brief als eigenständige rhetorische Gattung und der "Briefsteller" (Gellert) als ihre Theorie. Auch die Poetik, seit der Antike (Horaz) zur rhetorischen Domäne gehörend, blieb weiter unter dem Einfluss der Rhetorik (Pope, Boileau, Gottsched). Eine neue politische Dimension gewann die Rhetorik bei der Vorbereitung und nach dem Ausbruch der Französischen Revolution, direkt als politische Beredsamkeit oder durch die Entwicklung einer kritischen bürgerlichen Publizistik.  Aufklärung (18. Jh.)

ehemals lateinsprachige Rhetorik wird "nationalisiert"

In Deutschland Begriffsdifferenzierung in Beredsamkeit (Eloquenz) und Redekunst (Rhetorik)

Briefkunst als eigenständige rhetorische Gattung

Poetik unter dem Einfluss der Rhetorik

unter dem Einfluss der frz. Rev.: politische Beredsamkeit, kritische bürgerliche Publizistik

Mit dem Ende des Jh.s begann aber auch der Verfall der Rhetorik als Folge komplizierter, bis heute nicht ganz erhellter Vorgänge wie der politisch restaurativen Entwicklung, der Entstehung neuer konkurrierender Wissenschaften (Ästhetik, Psychologie, Germanistik, Pädagogik) und einer allgemeinen Kultur der Innerlichkeit. Einzelne Gegenstimmen wie die Nietzsches änderten daran nichts. Ende des 18. Jh.

Verfall der Rhetorik 

z. T. wegen politischer Restauration,  Aufkommen konkurrierender Wissenschaften wie Ästhetik, Psychologie, Germanistik und allgemeiner Kultur der Innerlichkeit

  

Worterklärungen

* Homilektik: Theorie und Geschichte der Predigt

     
  Ueding 1 ] Ueding 2 ]  
  

          CC-Lizenz
 

 

Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA) Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de