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Analyse von Alltagsargumentationen

Eine Diskussion über das Spicken in der Schule


  Der folgende konstruierte Dialog über das Spicken in der Schule zeigt beispielhaft, wie Alltagsargumentationen funktionieren und wie und mit welchen Problemen derartige Argumentationen zu analysieren sind.
 
1 Christian (17 Jahre alt, 11. Klasse) Ich finde, Spicker sind die schlaueren Schüler. Die anderen pauken den Stoff nur wahllos in sich rein. Ich lerne nicht jeden Quatsch auswendig. Da schreibe ich mir doch lieber einen Spicker - und habe für andere Sachen, die mir Spaß machen, mehr Zeit.
2 Michael (16 Jahre alt, 11. Klasse) Ich lerne eigentlich alles. Mir macht es nichts aus, Details zu lernen, die ich außerhalb der Schule nicht gleich anwenden kann. Ich lerne eben für die nächste Stunde oder für die Schulaufgabe.[...]
3 Christian Bei Fächern, die dir keinen Spaß machen, lernst du da auch?
4 Michael Ja, schließlich will ich gute Noten. Aber deshalb bin ich noch lange kein Streber, ich lasse die anderen auch abschreiben und sage vor. So wahnsinnig gut in der Schule bin ich ja nicht.
5 Christian Wozu dann der Aufwand? Spicken ist doch viel einfacher.
6 Michael Schummeln ist mir viel zu stressig. Immer die Angst: Hat der Lehrer es jetzt gesehen oder nicht, hat er meinen Spicker entdeckt?
7 Christian Das ist ja gerade der Reiz. Man macht etwas Verbotenes. Und Verbote sind dazu da, dass man sie bricht. Ist doch witzig.
8 Michael Mich reizt das überhaupt nicht. Im Gegenteil: Würde ich spicken, wäre ich total durcheinander. Ich muss in eine Schulaufgabe ruhig reingehen. [...]
9 Christian  [..] Ich finde es einfach schwachsinnig, Dinge zu büffeln, die ich nie mehr brauchen werde. Oder die mir echt egal sind. Wie in Musik, wenn im Buch steht, welche Völker irgendwo irgendwelche Tänze haben. So etwas zu lernen, bin ich zu faul. Außerdem kannst du dir das ganze Zeug, das du im Lauf deiner Schulzeit lernst, ohnehin nicht merken. Hausaufgaben erledige ich auch nicht regelmäßig. Morgens vor dem Unterricht kann ich sie notfalls noch abschreiben. Bei Deutsch allerdings lasse ich es ganz bleiben. Solange ich in den Aufsätzen meine Zweier schaffe, werde ich das auch nicht ändern. Das habe ich meiner Lehrerin gleich zu Anfang des Schuljahres gesagt.
10 Michael Deutsch ist ein Spezialfall, da gibt's nicht viel zu lernen. Bei Französisch oder Latein kannst du dir das nicht erlauben - keine Chance.
11 Christian Für Französisch habe ich nie viel gelernt. Als ich im Sommer in Frankreich war, hatte ich überhaupt keine Probleme, mich mit den Leuten zu verständigen.
12 Michael Den Franzosen ist es egal, ob du Fehler machst. Die verstehen dich auch so. Es macht doch Spaß, eine Fremdsprache richtig zu sprechen. Außerdem hab' ich keine Lust auf Fünfer im Zeugnis.
13 Christian Gute Noten bekomme ich auch durch Spicken und Abschreiben.
14 Michael Verspürst du Triumph, wenn du es geschafft hast, den Lehrer zu hintergehen?
15 Christian Ein bisschen schon. Aber bei den meisten ist es ohnehin ziemlich einfach. Die schauen höchstens mal ins Federmäppchen.
16 Michael Wenn ich durch Spicken eine gute Note kriegen würde, hätte ich das Gefühl, dass es nur durch Betrügen geklappt hat.
17 Christian Für mich ist es kein Betrug. Der Spicker ist ein Behelfsmittel, vielleicht ein bisschen Unterschleif, aber er gehört einfach dazu.
18 Michael Aber es ist doch dann nicht deine Leistung.
19 Christian Den Einser habe ich trotzdem. Und mehr Freizeit außerdem.
20 Michael Mir ist es ganz egal, wenn Mitschüler durch Unterschleif gute Noten bekommen. Ich helfe ihnen ja sogar dabei. Auch wenn es mit meiner Versetzung nicht klappen würde, würde ich mich hinsetzen und lernen. Aber nicht spicken.
21 Christian Bei mir klappt es immer, mit ganz simplen Tricks: einem kleinen Zettel, auf den Tisch schreiben, auf die Hand oder in den Taschenrechner. Diese ganzen Geschichten über ausgefallene Plätze für Spicker sind doch nur Klischee. [...]

(aus:: jetzt, Jugendmagazin der Süddt. Zeitung, 39/1994, v. 26.9.94, gekürzt.)
 

 
   
   Arbeitsanregungen:

Untersuchen Sie den vorstehenden konstruierten Alltagsdialog.

  1. Arbeiten Sie an einzelnen Aussagen heraus, welche Konklusionen oder Prämissen in der jeweiligen Argumentation vorausgesetzt werden.

  2. Stellen Sie die jeweiligen Standpunkte in der hierarchischen Struktur eines Argumentationsdiagramms (Baumdiagramm) dar.

  3. Erläutern Sie, welche Probleme bei der formal-logischen Analyse von Alltagsargumentationen auftreten.
     

 
      
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