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Naturalismus (1880-1910)

Strindbergs Theorie des naturalistischen Dramas


  Der Schwede Johann August Strindberg (1849-1912) entwickelt im Vorwort zu seinem Einakter "Fräulein Julie. Ein naturalistisches Trauerspiel" (1888) eine Art Musterdramaturgie des naturalistischen Dramas. Die wichtigsten Elemente dieser Musterdramaturgie sind:
  1. Ein Ereignis im dramatischen Leben soll nicht durch ein einzelnes Motiv, sondern durch ein ganzes Geflecht von Motiven hervorgerufen werden. Verlangt wird damit eine vielseitige Motivierung dramatischen Handelns.

  2. Komplizierte, inkonsequente, in einem herkömmlichen Sinne betrachtet: charakterlose Figuren beherrschen die Szene statt fertige und gefestigte Charaktere.

  3. Die Dialogsprache der dramatischen Rede muss dem Gespräch in der Wirklichkeit angepasst werden (Prosa statt gebundener Sprache wie in Versdramen).

  4. Der Handlungsverlauf soll psychologisch motiviert sein.

  5. Die Struktur des Dramas weist keine Szeneneinteilung auf.

  6. Das Bühnenbild soll nach den Prinzip der Wahrscheinlichkeit gestaltet werden.

  7. Die Beleuchtung soll einen "natürlichen" Eindruck hinterlassen. Also: keine Rampenbeleuchtung oder Beleuchtung von vorn unten.

  8. Der Schauspieler soll um Raumtiefe zu gewinnen mehr in einer Diagonalen statt in Frontstellung zum Publikum agieren.

  9. Monologe, Pantomime und Ballett sind nur unter ganz besonderen Bedingungen möglich. Ein Monolog muss dann z. B. wie ein improvisiertes Sprechen aussehen, Pantomime kommt nur in Frage, wenn ein Monolog zu unwahrscheinlich wirkt, und Ballett kann bestenfalls noch die Rolle einer folkloristischen Einlage spielen.

Im deutschen Naturalismus bemühte man sich, diese Forderungen zu erfüllen. Beim Bühnenbild vollzog sich dadurch der Wechsel von der Illusionsbühne (Vortäuschung) zur Wirklichkeitsbühne. Bühnenbilder dieser Art versuchten jeden Scheincharakter zu überwinden und "echte" Wirklichkeit in Szene zu setzen (z.B. wurden keine Attrappen mehr verwendet). Monologe verschwanden ganz, das "unnatürliche" Beiseitesprechen (ad-spectatores) wurde verpönt.

(vgl. Ivo Braak, Gattungsgeschichte deutschsprachiger Dichtung, Teil Ib Dramatik, Biedermeier bis Gegenwart 1975, S.343f.)

 
       
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