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Jakobinismus (1789-1796)

Politische Gebrauchsliteratur

Hellmut G. Haasis (1988


Mit der Revolutionsepoche setzte eine phantasievolle Literaturproduktion ein, die nicht die Handschrift eines bürgerlichen Individualismus trug. Mit dem Niedergang demokratischer Bewegungen verschwand dieser neue Typ von Literatur. [...]
Autoren wie Erscheinungsorte, Sprache wie Inhalt und Überlieferungsweise garantierten dieser Literatur Desinteresse, wenn nicht gar Verachtung. Die Autoren waren niedergehaltene Menschen, nicht immer mit einer vorzüglichen Bildung, kaum jemals Leute von Rang und Namen [...].
   Die Erscheinungsorte dieser Literatur waren nicht Verlage oder Buchhandlungen, sondern Türen, Bäume, Laternenpfähle, Wirtshaustische, Aborte, Stadttore, Fensterbänke, Kanzeln, Landsgemeinden, Straßen, Sammelplätze, Märkte, Kutschen, Brunnen, Haustürschwellen usw. Rebellische Volksliteratur konnte um einen Stein gewickelt erscheinen und so einem Mächtigen ins Fenster geworfen werden, oder sie wurde zwischen Buchdeckeln geschmuggelt oder in Kleider eingenäht oder in Einkaufskörben versteckt oder dicken Warenballen anvertraut.
   Sicher meldet sich bei manchem schon der Einwand, solche Zettel aus dem Untergrund hätten doch nichts mit Literatur zu tun. [...]
   Aufständische singen auf der Straße ein neues Lied gegen ihre Plagegeister. Wird das erst dann zur Literatur, wenn ein Schreiber alles säuberlich aufzeichnet?
   In einer Bauernwirtschaft gibt ein phantasiebegabter Mitkämpfer während einer Fronverweigerung einen Schwank auf Kosten des Herrschers zum besten, bis die Runde im Gelächter schier erstickt. Wird das erst dann Literatur, wenn ein gelehrter Herr aus der Stadt - frühestens nach dem Ende des Aufstandes, vielleicht erst nach hundert Jahren oder mehr - angereist kommt und aus kuriosem Interesse an einer niedergehenden Volkskultur auch dieses verquere Stück niederschreibt, bei dem er sich abgrundtief unbehaglich fühlt? [...]
   Die Formen der unbotmäßigen Volksliteratur zeigen eine erstaunliche Vielfalt. [...]
   Scharf voneinander scheiden lässt sich diese Art von Volksliteratur nicht. Ein Aufruhrzettel, der von Dorf zu Dorf weitergegeben wird und zum Zug gegen ein Schloss auffordert, kann unterwegs zum Anschlagzettel am Rathaus oder, abgewandelt und erweitert, zum schon allgemeiner werdenden Flugzettel für einen größeren Landstrich werden.

(aus: Haasis, 1988, Bd. 1, S.181 ff., gekürzt)
 


   Arbeitsanregungen: 

  1. Was kennzeichnet nach Haasis die unbotmäßige Volksliteratur?
  2. Womit begründet er seinen erweiterten Literaturbegriff? 

  

  
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