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Jakobinismus (1789-1796)

Die jakobinische Literaturpraxis

Inge Stephan (1982)


Das auffälligste Merkmal der jakobinischen literarischen Praxis ist die Bevorzugung solcher Genres, die den traditionellen, an klassischen und romantischen Mustern ausgebildeten Literaturbegriff sprengen [...].
Ein durchgängiger Zug der jakobinischen Literaturpraxis ist die dialogische Struktur, die fast alle Genres prägt und ihre konsequenteste Ausprägung in der Konstituierung des Dialogs als Gattung erfährt. Dabei kann der Dialog zwischen Autor und Leser sich in sehr unterschiedlicher Weise realisieren. Er kann sich im Rezeptionsvorgang selbst herstellen, wobei sehr häufig fiktive Briefe bzw. die immanente appellative oder dialogische Strukturierung von Texten als kommunikationsfördernde Mittel eingesetzt werden, oder aber die erstrebte Kommunikation wird bereits im Medium der Literatur idealtypisch vorgezeichnet, wie dies z. B. im literarischen Dialog, im Rollenspiel oder im Katechismus der Fall ist.
Alle diese Möglichkeiten werden von den jakobinischen Autoren in ihrer Agitation eingesetzt. Die jakobinischen Zeitschriften sind als Kommunikationsformen zwischen Autor und Leser konzipiert. [...]
Politische Reden und Flugschriften stellen ebenfalls sehr direkte Versuche dar, eine Verbindung mit dem Hörer bzw. dem Leser herzustellen. Über den traditionellen rhetorischen Aufbau hinaus, der in sich schon dialogische Elemente enthält, greifen die Jakobiner in Reden und Flugschriften in ganz auffälliger Weise auf dialogische Strukturen zurück. Am deutlichsten ist die dialogische Struktur im Katechismus, im Rollenspiel und im Kalender, wo sie zum Gattungsmerkmal wird, während sie im jakobinischen Schauspiel sehr viel vermittelter als dramatische Form auf dem Theater zum Ausdruck kommt. Die in Briefen abgefassten Reiseberichte der deutschen Jakobiner schließlich stellen eine Form der Kommunikation dar, in der durch die fiktive Briefform, durch direkte Leseransprache usw. ein freundschaftliches Dialogverhältnis mit dem Leser gleichsam simuliert wird.
Ein weiteres gemeinsames Strukturelement der jakobinischen Literaturpraxis ist die satirische Form, die ähnlich wie die dialogische Form entweder als Strukturelement oder aber als eigenständige literarische Gattung von den jakobinischen Autoren in der Agitation eingesetzt wird. Anders als der Dialog, mit dem sich die Jakobiner vor allem an die unteren Bevölkerungsschichten wandten, richtete sich die Satire in erster Linie an die gehobenen Schichten des Bürgertums, da sie einen Normenkonsens zwischen Autor und Publikum voraussetzt, von dem aus der Gegenstand der Satire verlacht werden kann. [...]
Ein drittes, ganz auffälliges Kennzeichen der jakobinischen Literaturpraxis ist das Anknüpfen an liturgische Formen wie Predigt, Gebet und Katechismus, die zumeist die einzigen literarischen Gattungen waren, die den noch kaum alphabetisierten, auf Religion und Kirche fixierten Unterschichten vertraut waren. [...] Ganz selten geschieht das Anknüpfen an die der Bevölkerung vertrauten religiösen Formen in parodistischer Absicht, wie z.B. bei den Vater-unser-Parodien. Zumeist wird die religiöse Form politisch umfunktioniert und als Vehikel für die Vermittlung von revolutionären Inhalten eingesetzt.

(aus: Inge Stephan 1982, S.170, gekürzt)
 


   Arbeitsanregungen

  1. Arbeiten Sie von Inge Stephan genannten Kennzeichen jakobinischer Literaturpraxis heraus.
  2. Vergleichen Sie diese Positionen mit denen folgender Literaturepochen: Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik und Romantik.
  3. Untersuchen Sie auf der Grundlage der Thesen von Inge Stephan Texte Ihrer Wahl aus der Epoche des literarischen Jakobinismus. (» Textauswahl)

  

  
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