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Jakobinismus (1789-1796)

Das jakobinische Literaturkonzept

Inge Stephan (1982)


Aufklärung der Bevölkerung über ihre Rechte und Pflichten im Medium der Literatur, ist die Antwort des jakobinischen Schriftstellers auf die vorgefundene gesellschaftliche Situation. [...]
Anknüpfend an Funktionsbestimmungen der Literatur in der Aufklärung und insbesondere in der Sturm-und-Drang-Poetik wiesen die Jakobiner der Literatur folgende Aufgaben zu:
  1. Ideologiekritik
    Literatur sollte Kritik der bestehenden Verhältnisse und Entlarvung der herrschenden Ideologie leisten.
  2. Information und Aufklärung
    Mit Hilfe von Literatur sollten der Bevölkerung gesellschaftspolitische Kenntnisse und Einsichten in die Veränderbarkeit der Verhältnisse vermittelt werden.
  3. Bündnisbildung
    Durch Literatur sollte die Kluft zwischen der kleinen Schar jakobinischer Intellektueller, die sich als revolutionäre Avantgarde verstanden, und der Masse der Bevölkerung, dem eigentlichen Träger der Revolution überwunden werden.
  4. Agitation
    Die Literatur sollte nicht nur den Intellekt ansprechen, sondern auch die Emotionalität der Leser anrühren. [...]

Die ästhetischen Kategorien, denen die Jakobiner ihre eigene Literaturpraxis unterwarfen, waren nicht orientiert an einem abstrakten Schönheitsbegriff, sondern entwickelt aus dem konkreten Vermittlungs- und Wirkungszusammenhang von Literatur. [...] Verständlichkeit oder – wie es Bürger vorher und Brecht nachher sagen – Volkstümlichkeit war die übergeordnete ästhetische Kategorie, an der die Jakobiner ihre literarische Produktion inhaltlich und formal ausrichteten. Volkstümlich konnte Literatur jedoch nur sein, wenn sie sowohl von den Inhalten als von den literarischen Mitteln her am Bewusstseins- und Kenntnisstand der Adressaten anknüpfte und [...] wenn sie in der Klassenauseinandersetzung der Zeit den Standpunkt des Volkes einnahm. Im Kontext der bürgerlichen Revolution konnte Parteinahme des jakobinischen Autors [...] nur etwas Widersprüchliches bedeuten: Orientierung an den Zielen der bürgerlichen Revolution, d.h. Engagement für die Interessen der Bourgeoisie und zugleich Parteinahme für die Unterschichten [...].
Volkstümlichkeit und Parteilichkeit waren die zentralen Kategorien, an denen die Jakobiner ihre Literaturproduktion ausrichteten, eine weitere Kategorie kommt noch hinzu, die des Realismus. [...] Die jakobinischen Schriftsteller setzten mit ihrer realistischen, d. h. an den realen Verhältnissen orientierten und auf die Veränderung der Gesellschaft zielenden Schreibweise die Tradition der gesellschaftskritischen Literatur des Sturm und Drang fort. Dabei knüpften sie an den konkreten Erfahrungen der Adressaten an, um daran allgemeine gesellschaftliche Probleme und Mechanismen zu verdeutlichen. [...]
Man würde den Literarischen Jakobinismus um eine wichtige Dimension verkürzen, wenn man ihn ausschließlich sehen würde als Instrument einer kleinen revolutionären Avantgarde, um die Ziele der bürgerlichen Revolution in Deutschland durchzusetzen. Der Literarische Jakobinismus war nicht nur eine Literatur für das Volk, sondern auch eine Literatur vom Volk, d. h. Bevölkerungsschichten, die bis dahin noch kaum als Adressaten, geschweige denn als Produzenten von Literatur in Erscheinung getreten waren, begannen ihre Unzufriedenheit, ihre Wünsche und Forderungen selbst zu artikulieren. Das Volk trat aus seiner passiven Rezipientenrolle heraus und wurde in Ansätzen selbst zum Produzenten, wie z. B. die große Anzahl anonymer Lyrik und Flugschriftenliteratur zeigt.

(aus: Inge Stephan 1982, S.168, gekürzt)
 


   Arbeitsanregungen

  1. Arbeiten Sie die Aufgaben und ästhetischen Kategorien der jakobinischen Literatur heraus und zeigen sie auf, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.
  2. Vergleichen Sie diese Positionen mit denen folgender Literaturepochen: Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik und Romantik.
  3. Untersuchen Sie auf der Grundlage der Thesen von Inge Stephan Texte Ihrer Wahl aus der Epoche des literarischen Jakobinismus. (» Textauswahl)

  

  
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