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Jakobinismus (1789-1796)

Ästhetische Erziehung oder politische Agitation?

Inge Stephan (1982)


Besonders jakobinische Autoren schätzen die Wirkungsmöglichkeiten von Literatur skeptisch ein. [...] So war für Forster "des Schreibens zu viel und des Handelns zu wenig in der Welt", und Rebmann wollte "Gedichte thun, nicht dichten". [...] Eine solche skeptische Einstellung der Dichtung und der eigenen literarischen Produktion gegenüber hat verschiedene Gründe. Sie ist einmal Ausdruck der Auffassung, dass die Verhältnisse nicht durch Literatur verändert, sondern nur durch revolutionäre Handlungen überwunden werden können. Zum anderen ist sie Reflex des von den Verhältnissen erzwungenen Verzichts auf konkrete revolutionäre Praxis und der frustrierenden, die Auffassung von der relativen Wirkungslosigkeit der Literatur bestätigenden Erfahrungen, die die Jakobiner in ihrer eigenen literarischen Praxis sammelten. [...]
Sie steht in scharfem Gegensatz zu der Hochschätzung der Literatur bei den Klassikern und Romantikern. Für Schiller war die Dichtung allein in der Lage, die durch die moderne Zivilisation hervorgerufene Vereinzelung, Verkrüppelung und Entfremdung des Menschen zu überwinden und den Menschen als sittliches Individuum wiederherzustellen. Die "ästhetische Erziehung" was dabei als Vorstufe zur politischen Veränderung gedacht. Eine "Verbesserung im Politischen" erschien Schiller möglich nur über eine "Veredlung des Charakters", wobei die "schöne Kunst" das Werkzeug sein sollte. Eine solche Argumentationsweise, die das politische Konzept des Reformismus im Literaturbereich einzulösen versuchte, wiesen die Jakobiner als idealistisch zurück und vertraten demgegenüber den materialistischen Standpunkt, dass die politischen und sozialen Veränderungen der moralischen Verbesserung voranzugehen hätten [...]
Nicht "ästhetische Erziehung" im klassischen Sinne, sondern politische Erziehung, d. h. Aufklärung der Bevölkerung über ihre Rechte und Pflichten im Medium der Literatur, ist die Antwort des jakobinischen Schriftstellers auf die vorgefundene gesellschaftliche Situation. Eine solche politische Erziehung zielt nicht wie das klassische Konzept auf eine Vermeidung der Revolution, sondern versucht vielmehr bei der Bevölkerung Einsichten für die Notwendigkeit einer solchen Revolution zu wecken. [...]

(aus: Inge Stephan 1982, S.167f., gekürzt)
 


   Arbeitsanregungen

  1. Welche Unterschiede bestehen zwischen der jakobinischen und klassischen Literaturauffassung?
  2. Untersuchen Sie auf der Grundlage der Thesen von Inge Stephan Texte Ihrer Wahl aus der Epoche des literarischen Jakobinismus. (» Textauswahl)
  3. Vergleichen Sie diese Texte mit Friedrich Schillers Auffassungen in seiner Ankündigung der Horen (1795) und in 6. Brief seiner Schrift »Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen« (1795).

  

  
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