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Jakobinismus (1789-1796)

Schreiben des Endinger Magistrats

auf den Endinger Aufruf vom 23.8.1789


(Nachdem dem Endinger Magistrat der Endinger Aufruf am Schulhaus bekannt wird, wendet er sich in einem dringenden Schreiben an die vorderösterreichische Regierung in Freiburg, wo Regierungspräsident von Sumerau das Schreiben nach Wien weiterleitet.)

Dem unterzogenen Magistrat ist soeben der so wichtig als gefahrvolle, drohende Zufall begegnet, dass heute frühe der in der Anlage an dem nächst bei der St. Peters Pfarrkirche an der Straße stehenden städt. Schulhaus, wo ihn die gesamte in den Frühgottesdienst gegangene Leute sehen und lesen konnten und auch des öffentlichen Auffallens wegen lesen mussten, öffentlich angeschlagen erfunden worden ist.
Man mag nun diese Schrift betrachten, in was immer für einem Gesichtspunkt als man will, so ist selbe eine höchst gefährliche Aufforderung der gesamten Bürgerschaft zu einem greuelvollen öffentlichen Aufstand zur Widerstrebung aller landesfürstlichen Anordnungen, die nicht nur eine völlige Ortszerrüttung, sondern den Ortsvorstehern und jedem noch gutdenkenden Bürger offenbaren Untergang drohet.
Durch die täglich weiter ums sich greifende betrübteste Beispiele in Frankreich und in dem naheliegenden Elsass angefeuert, hat der unterzogene Magistrat von der Klasse der bedürftigen, ohnehin der Ordnung abgewohnter und unter den Lasten der Schulden seufzenden Bürger ein allgemeines Missvergnügen, Schimpfen, Drohungen und Schänden gegen die Obrigkeit, somit eine solche gefahrvolle Zerrüttung wahrgenommen, so dass derselbe in Ausübung seines richterlichen Amtes sich mit unglaublicher Mäßigung zurückhalten und seine diesfälligen Pflichten nur zum Teil in Erfüllung bringen muss. Durch diese unerwartete Aufforderung, die bereits schon, dieweilen sie öffentlich war, in der Nachbarschaft kundig geworden ist, ist nun der Magistrat in solche dringendste Verlegenheit gesetzet, dass es ihm wirklich an der nötigen Sicherheit gebricht, eine obrigkeitliche Anordnung vorzunehmen.
Der unterzogene Magistrat siehet sich dahero äußerst notgedrungen, einer Hochlöblichen Regierung und Kammer diesen gefahrvollen Notfall gehorsamst anzuzeigen und anbei zu bitten, dass von Hochselber unmittelbar die hochnötigsten Sicherheitsanstalten und etwaige Untersuchungen, wozu der urschriftlich anliegende Aufforderungszettel wegen der allenfalls zu erhebenden Ähnlichkeit der Schrift vieles Licht geben wird, ohne einigen Verzug getroffen und dem Unterzogenen Magistrat die nötige Verhaltungsbefehle erteilt werden möchten, um welche mit dringender Angelegenheit gebeten wird.

Endingen am 23. August 1789

(aus: Haasis 1988, Bd. 1, S.188, dort. zit. n.: Schäfer 1964, S.331-333)
 


   Arbeitsanregungen: 

  1. Fassen Sie den Inhalt des Textes knapp  zusammen.
  2. Arbeiten Sie heraus, in welche Lage sich der Endinger Magistrat durch den Anschlagzettel am Schulhaus gebracht sieht.
  3. Wie bewertet er die Bedeutung des Anschlagzettels?
  4. Was erwartet der Endinger Magistrat von der vorderösterreichischen Regierung in Freiburg?
  5. Wie beurteilen Sie auf diesem Hintergrund die Bedeutung dieser Form unbotmäßiger Volksliteratur?

  

     
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