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Jakobinismus (1789-1796)

Parodie und Gegenparodie

Klaus R. Scherpe (1982)


Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die zum stimulierenden Kampfgesang umgedichteten Trinklieder, wobei die weinselige Stimmung offenbar die poetische Lizenz geben sollte für den Hass auf die Feudalherrschaft und den revolutionären Enthusiasmus. Matthias Claudius‘ „Rheinweinlied“ wurde in Mainz mehrfach umgedichtet. Auch eine konterrevolutionäre Parodie auf die revolutionäre Inanspruchnahme des Textes ist überliefert. Das folgende "Freiheitslied" wurde nach Claudius "bekränzt mit Laub den lebenvollen Becher" gesungen. Die ersten und letzten Strophen lauten folgendermaßen:

"Umhängt mit Flor den umgestürzten Becher
Und trauert um ihn her;
Auf ganz Europia, ihr Herren Zecher,
Liegt Despotismus schwer.

Er kommt nicht aus der Schule wahrer Weisen,
Noch von den Göttern her;
Ihn mögen wohl die Bonzen preisen!
Wer glaubt den Bonzen mehr?

Vom Rhein, vom Rhein, da rufen edle Brüder:
Die Freiheit lebet noch!
Herab den Flor und füllt den Becher wieder:
Sie lebe lange hoch!

Und trinkt ihn aus, und lasset allerwegen
Der Freiheit Fahne wehn,
Und jauchzt den Franken brüderlich entgegen:
So muss, so wird es gehen!"

Die Umdichtung hält sich formal streng an die Vorlage. Darauf beruht ihre Wirksamkeit. Die beim Rezipienten vorauszusetzende Kenntnis nicht nur der Melodie, sondern auch des stereotypen Inhalts des alten Liedes wird zum konstituierenden Bestandteil des neuen. Der bei Claudius im Bereich Idylle und Behaglichkeit angesiedelte Leitbegriff "Wein" wird ersetzt durch den politischen Symbolbegriff “Despotismus“. Die abrupten Symbolsetzungen ("der Freiheit Fahne weht") erscheinen allzu lehrhaft. Doch setzt der Dichter der Dichter bei einer derart politisierenden Kontrafraktur auf die Lust am Wechselspiel der altvertrauten und der neuen Worte. Das lyrische Pathos und das emotionale Engagement im Gesang stellen die Abstrakta in einen besonderen Wirkungszusammenhang, der dem einer Ansprache oder lehrhaften Flugschrift vergleichbar ist. Die "wir-Stimmung des Liedes, unterstützt von seinem stimulierenden Sprachgestus, soll eine emotionale Verbundenheit herstellen, durch die eine revolutionäre Gemeinsamkeit möglich wird.
Gegen diese von den Revolutionsgegnern als gefährlich erkannte Emotionalisierung wendet sich die folgende Parodie des Revolutionsliedes:
 

"Umhängt mit Flor den umgestürzten Becher,
Und trauert um ihn her,
Beinah‘ ganz Europa, ihr Herren Zecher,
Plagt’s Freiheitsfieber sehr.

Wär’s gutartig und aus reiner Quelle;
Woher sonst diese Wut?
Das Toben, Hängen und Laternenpfähle,
Und dieser Durst nach Blut?

Das Übel kommt von ganz verderbten Säften
Und vom verbrannten Hirn;
Fischweiber sprechen jetzt von Staatsgeschäften
Mit unverschämter Stirn."

Die Übernahme der Trauerstimmung zeigt an, dass der drohende Umsturz der alten Ordnung in Deutschland als reale Gefahr begriffen wird. Gegen die Bedrohung setzt der Schreiber eine Strategie der Diffamierung, die in den antirevolutionären Schriften immer wieder begegnet. Zu dieser Methode gehört es, den Gegner für krank oder gar wahnsinnig zu erklären ("Freiheitsfieber", "verderbte Säfte", "verbranntes Hirn") und, wie schon in der Französischen Revolution, die Katastrophe zu beschwören, die absehbar ist, wenn das Gemeinwohl dem politisierenden Fischweib anvertraut wird.

(aus: Klaus R. Scherpe 1982, S.195)
 

     
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