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Barock 1600 - 1720

O, was Modi

Abraham a Santa Clara über die Mode


  in früheren Tagen hat man ein Kleid viel Jahr lang getragen, und zwar zu heiligen Zeiten, anjetzo aber ist fast alle Wochen eine neue Mode und diese ist mehrer veränderlich als der Mondschein. Von sechzig Jahren her, o was Modi nur in Hüten! Bald ein hoher Hut, wie ein steirischer Kegel; bald ein niederer Hut, wie ein Pudelfell; bald ein glatter Hut, wie eine Scheermaus; bald ein breiter Hut, wie ein Fußboden; bald ein schmaler Hut, wie ein Milchtopf; bald dreifach, daß er also drei Hörner vorstellt (da sich unterdessen einer wegen zweier schämt). Bald ist’s ein Hut, der mit Federn prangt, bald ist’s ein anderer, der da maust. Bald ists’s ein Hut mit einem silbernen oder guldenen Reif, bald ohne dergleichen Zirkel. In Summa, eine stete Veränderung ist in den Hüten – außer die Sauschneider, diese bleiben bei einer Tracht.
O, was Modi nur in Krägen und Überschlägen! Eine Weil hat man Krausen gehabt, wie lauter Hohlhippen aufeinander; eine Weile hat man glatte getragen, wie ein Halsküraß; eine Weile mit langen Spitzen, wie ein Judenleilach; eine Weil ganz schmal, wie ein Bachstelzenschweif; eine Weil ganz breit, wie eine Schießenscheiben. Anjetzo trägt man Halstücher, wie ein Kinderwindel. Von dem Hals kann man wohl sagen, daß er nicht halsstarrig ist in der Modi, sondern er bequemt sich in alle Weis.
O, was Modi nur in Röcken! Bald französisch, bald kalabresisch, bald portugiesisch, bald walisisch, bald lukelisch, bald sardonesisch, bald bolognesisch, bald chinesisch; bald voller Knöpf, bald unter Knöpf, bald auf der Seiten Knöpf, bald gar grobe Knöpf etc.
O, was Modi nur in Hosen! Lange Hosen, bange Hosen, Bloderhosen, Lotterhosen, enge Hosen, strenge Hosen, Schürzelhosen, Stürzelhosen, runde Hosen, gestrickte Hosen, gebrämte Hosen, gegerbte Hosen, gefärbte Hosen – mit einem Wort: unbeständige Hosen etc. Die Frösch allein bleiben bei ihrer Tracht, denn, wenn man ihnen die grünen Hosen auszieht, so legen sie keine anderen mehr nach. Wer will endlich alle Modi zu den Faden schlagen? Wer will alle Gestalten und Falten durchsuchen? Der Echo sagt gar wohl die Wahrheit: Kleider – leider! Vor diesem hat man nur in den Höfen und Palästen der Könige Kleider von Seiden getragen. Anjetzo trägt ein jeder Mistfink und wilde Tandlerbutten Taffet und Seiden.

(Abraham a Sancta Clara, zit. n. Lahnstein 1974, S. 34f.)
  

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Wie schildert Abraham a Santa Clara die Modeleidenschaften im Barock?
  2. Wie beurteilt er sie?
  3. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede hat seine Kritik an der Mode von Stimmen, die sich mit der heutigen Mode kritisch auseinandersetzen?
     
 
                      
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