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Barock 1600 - 1720

"Holder Wahn" und Sexualmoral

Peter Lahnstein (1974)


  IÜber der Umarmung von Mann und Frau, vor und außer der Ehe, hingen in jener Zeit Ängste und Gefahren wie Schwerter, und sie haben den Zauber der Heimlichkeit geschärft und narkotisch beschwingt.
Da war das Gefühl der Sündhaftigkeit, der holde Wahn und blinde Rausch, die Ur-Sünde des ersten Menschenpaares nachzuvollziehen.
Da war das Wissen um peinliche Verbote. Vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr waren in allen Territorien Gegenstand genauer strafrechtlicher Androhungen, die, was die Sache für Menschen keineswegs besser machte, ungleichmäßig, oft willkürlich, gehandhabt wurden. Auf wiederholten Ehebruch stand in vielen Ländern (darunter Preußen und Kurbaiern) die Todesstrafe. Vollzogen wurde sie nur selten (zum Beispiel Ende des 17. Jahrhunderts an einem hohenloheschen Amtmann), im 18. Jahrhundert wahrscheinlich überhaupt nicht mehr; aber als schreckliche Drohung schwebte sie über den uneingesegneten Paaren. Massenhaft und bedenkenlos wurden schimpfliche Strafen wie Prangerstehen oder Karrenziehen vollzogen, erbärmliche Schauspiele für Gassenjungen und Pöbel aller Stände. Man muss sich klarmachen, dass das verschwiegene Beieinandersein zweier Menschen, wenn die Sache herauskam, ein skandalöses Vergnügen niederster Sorte für Hunderte wurde! Es sei noch erwähnt, dass mancherorts Dirnen, die ihre speziellen Gesetze übertreten hatten, nackt in den Drillkäfig gesteckt wurden, der von gröhlenden Buben um und um geschwenkt wurde, dass die eingesperrten Frauen sich erbrachen; so in Lothringen.
Da war die Angst vor der Geißel der Geschlechtskrankheiten. An denen wurde zwar fleißig herumgedoktert, aber der Erfolg blieb nur allzu fragwürdig. […]
Aber für das Barock tritt hoch etwas hinzu: ein merkwürdig geschärftes Gefühl für die Vergänglichkeit aller Freuden, von der allmächtigen Gegenwart des Todes. […]
Der Liebende, der sich über die Geliebte neigt, sieht hinter ihren glühenden Wangen und feuchten Lippen den Totenschädel. […] Hier sei nur bemerkt, dass ihre [der Menschen, d. Verf.] Lebenslust durch schwere Ängste und das Bewusstsein des Todes geschärft worden ist.“

(Lahnstein 1974, S. 39f.)
  

 
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Nehmen Sie zu den Aussagen der vier jungen Leute Stellung.
  2. Welche Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie im Vergleich mit dem barocken Lebensverständnis zwischen Carpe diem und Memento mori?

 

 
                      
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