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Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?

Texterfassung


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

I. Definition

axiomatische Definition Aufklärung, Unmündigkeit (ex negativo: Mündigkeit), Selbstverschulden

Wenn Unmündigkeit "selbstverschuldet" ist, dann ist sie historisch erst entstanden. Der Mensch, der von Natur aus mit seiner  Vernunft ausgestattet ist, besitzt also eine natürliche Mündigkeit, die verlorengegangen ist.
= aufklärerische Botschaft von der natürlichen Vernunftbegabung des Menschen

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen, (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es wagen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

II. Ursachen der Unmündigkeit

trotz gesellschaftlicher Weiterentwicklung und physiologischer Reife des Einzelnen: Faulheit, Feigheit des Einzelnen

Formen der Unmündigkeit im Alltag: Seelsorger, Arzt

 

 

Vormünder = die Herrschenden:

haben Interesse an der Aufrechterhaltung der Unmündigkeit (=Feigheit des Einzelnen, sich gegen die Herrschenden zu stellen)

unmündiger Mensch = Hausvieh der Herrschenden!

 Strukturskizze bitte anklicken!

 

Es ist, also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln, und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

III. Wege aus der Unmündigkeit

1. Möglichkeiten für den Einzelnen

  • hat Unmündigkeit schon internalisiert (beinahe zur Natur geworden)

  • Es genügt nicht, Regeln und Normen einfach nur zu negieren

  • daher: üblicherweise scheitert der Einzelne

  • aber: wenigen gelingt der Schritt zur Mündigkeit durch Reflexion und eigene (autodidaktische) Schulung

 

Dass aber ein Publikum1 sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. Besonders ist hierbei: dass das Publikum, welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie hernach selbst zwingt, darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner Vormünder, die selbst aller Aufklärung unfähig sind, dazu aufgewiegelt worden; so schädlich ist, es Vorurteile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst rächen, die, oder deren Vorgänger, ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ein Publikum nur langsam zur Aufklärung gelangen. Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurteile werden, eben sowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen. [...]

2. Möglichkeiten für die Öffentlichkeit

1Publikum; h: Gesellschaft, gesellschaftliche Öffentlichkeit

  • Für eine liberale verfasste Gesellschaft möglich; Voraussetzung: Freiheit (Redefreiheit, Meinungsfreiheit als öffentlicher Gebrauch der Vernunft, akademische Freiheit?)

  • Aufgeklärte Eliten der Herrschenden verbreiten aufklärerisches Gedankengut

    • aber: auch eine Aufklärung von oben ist langwierig und schwierig, da

    • die antiaufklärerischen Eliten (z.B. Kirche?) sich wehren

    • unmündiges Volk von Anhängern der Anti-Aufklärung aufgewiegelt wird

  • daher: Langwierigkeit des Aufklärungsprozesses, denn Aufklärung ist

  • eine "wahre Reform der Denkungsart" - Ziel: Änderung des Menschen (Erziehung des Menschengeschlechts)

  • kein revolutionärer Vorgang des "gedankenlosen großen Haufens", was nur neue Vorurteile, neue Vormünder und damit das Fortbestehen der Unmündigkeit bedeuten würde.

Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter: so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Dass die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen, schon im Stande wären, oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, dass jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung, oder des Ausganges aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, allmählich ,weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friederichs2 .

IV. Epochencharakter der Aufklärung

Aufklärung als Prozess

2FRIEDRICH II. d. Große, 1712-1786; preuß. König; Förderer von Wissenschaft und Kunst, Vorliebe für die Aufklärungsphilosophie (Voltaire); aufgeklärter Absolutismus; Ideal des selbstdenkenden Herrschers

aufgeklärter Absolutismus: Anpassung der absolutistischen Herrschaftsform ("Der Staat bin ich!" Ludwig, XIV.) an die humanitären Staatsidee der Aufklärung: Fürst als "erster Diener" seines Staates, Sachwalter des Gemeinwohls und einer begrenzten Reformpolitik (Bauernbefreiung, staatliches Schulwesen, Ansätze zur Rechtsstaatlichkeit)

     
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