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Funktion der Artikelsetzung in: 

E.T.A. Hofmanns, Zusammenstoß am Schwarzen Tor

(Novellenbeginn "Der Goldene Topf")


Der Beginn von E.T.A. Hoffmanns Novelle »Der goldene Topf« (Zusammenstoß am Schwarzen Tor) wurde von Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1994) unter dem Aspekt der Kohäsionsmittel analysiert.

Dabei stellten die Autoren unter dem Aspekt des Artikelgebrauchs fest:

Am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr, rannte ein junger Mensch in Dresden durchs Schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und Kuchen hinein, die ein altes hässliches Weib feilbot, so dass alles, was der Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde und die Straßenjungen sich lustig die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die alte erhob verließen die Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so dass er, vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen, nicht eben besonders wohlgefüllten Geldbeutel hinstreckte, den die Alte begierig ergriff und schnell einsteckte.

(aus: E.T.A. Hoffmann, Der Goldene Topf, (1814), München: dtv 1997, S.5 (= Novellenanfang)

  • Dem Leser noch unbekannte Hauptfiguren (ein junger Mensch; ein hässliches altes Weib) und ein unbekannter Hauptgegenstand (ein Korb) werden mit unbestimmtem Artikel eingeführt

  • Im weiteren Textverlauf wird ihr vom Text her kommendes Bekanntsein vorausgesetzt und mit dem bestimmten Artikel fortgefahren.

  • Gleichzeitiges Zusammenwirken mehrerer Kohäsionsmittel im vorstehenden Textauszug:

  • Bestimmter Artikel verweist nicht nur auf das schon im Text bekannte (Textdeixis), sondern auch auf andere über den Text hinausreichende Elemente, die beim Leser als bekannt vorausgesetzt werden ((Vor-)Wissensdeixis):

    • am Himmelfahrtstag

    • Dresden

    • am Schwarzen Tor

    • die Straßenjungen und die Gevatterinnen
      (für zeitgenössischen Leser selbstverständlich zum öffentlichen Straßenbild gehörende Personen)

"Es ist kein Zufall, dass unser Beispieltext dem Anfang einer Erzählung entnommen ist. Gerade Textanfänge sind dadurch charakterisiert, dass wichtige Elemente der Textwelt neu - mit unbestimmtem Artikel - eingeführt werden. Diese Beobachtung (ver-)führte zur Annahme, dass Textgrenzen, zumindest aber Textanfänge formal identifizierbar sind aufgrund der Häufigkeit des Vorkommens von unbestimmtem bzw. bestimmtem Artikel. Der Anfang von Hoffmanns Erzählung ist nun aber gleichzeitig ein Beispiel dafür, dass ein Textautor oder eine -autorin immer auch das Vorwissen ihrer potentiellen Leser und Leserinnen miteinbeziehen und folglich auf vieles, was im Text selbst neu eingeführt wird, zu Recht mit bestimmtem Artikel referieren. Die Analyse der Verweisstruktur dürfte folglich nur in seltenen Fällen die Bestimmung von Textgrenzen erlauben. Sie kann aber - und die ist v.a. bei der Beschäftigung mit Texten aus vergangenen Epochen und aus anderen Kulturen interessant - Hinweise darauf geben, was der Autor oder die Autorin als selbstverständliches Wissen voraussetzt bzw. was zu einer bestimmten Zeit oder in einer bestimmten Kultur als allgemein bekannt gilt." (Linke u. a., 1994, S.220) 

      
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