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Jorge Luis Borges: Das geheime Wunder

Zeitdehnung und imaginäre Zeit

Interpretationsansatz von Edgar Neis (1965)


Edgar Neis untersucht die Zeitgestaltung in Jorge Luis Borges' Text "Das geheime Wunder" und stellt dabei zunächst einmal fest, dass sich in dem Textauszug zwei verschiedene Zeitebenen bzw. Zeitskalen überlagern, was sich aus der besonderen Art der Gestaltung des Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit ergibt:

"Einer Denunziation zufolge wird Hladik nach dem Einrücken der Panzertruppen Adolf Hitlers verhaftet. Obwohl er ein völlig unpolitischer Mensch ist - seine Unterschrift fehlt auf einer Liste von Proteststimmen gegen den "Anschluss" -, wird er als Verdächtiger und, »um die anderen seiner Rasse und seines Glaubens abzuschrecken«, zum Tode durch Erschießen verurteilt.[...]
Hladik fleht zu Gott, er möge ihm die nötige Zeit für die Vollendung seines Gedichtes gewähren. Ein Traum offenbart ihm die Gewährung dieser Bitte. Gott spricht zu ihm: »Die Zeit für deine Arbeit ist dir gewährt.«
Es ist eine imaginäre Zeit. Es ist die Zeit, die zwischen dem Feuerbefehl und der Ausführung dieses Befehls, der Gewehrsalve, die den Delinquenten zu Boden streckt, vergeht, eine Zeitspanne von Bruchteilen von Sekunden. Sie genügt aber für die - in Gedanken vollzogene - Vollendung des Gedichtes. Sie, die messbare reale Zeit, ist identisch mit einer unmessbaren imaginären Zeit. Der Verfasser hält den Ablauf des Geschehens gewissermaßen an, so etwa wie ein laufender Film plötzlich gestoppt wird und ein Bild dieses Films als unbewegliches Bild erstarrt: »Das physische Universum blieb stehen.«"

Der Übergang von der realen Zeit in eine simultan verlaufende, aber rein imaginäre Zeit führt zu einer gänzlich veränderten Wahrnehmung, die Edgar Neis, wie folgt beschreibt:

"Die Gewehre sind plötzlich unbeweglich, der Arm des Serenaden verewigt eine unvollendete Gebärde, eine über den Fliesen des Hofes fliegende Biene wirft einen reglosen Schatten, der Wind hat zu wehen aufgehört, Hladik versucht einen Schrei, aber der Ton bleibt ihm im Halse stecken, er versucht die Drehung einer Hand, aber er scheint »wie gelähmt« zu sein. Ein Wassertropfen, der seine Schläfe gestreift hatte, beginnt »anzudauern« so wie der Schatten der fliegenden Biene auf den Fliesen des Hofes oder wie der Rauch einer weggeworfenen Zigarette in der Luft stehen bleibt. Die Welt ist »lahmgelegt«. In dieser wenige Sekunden währenden Ewigkeit, in der das Zifferblatt der Uhr angehalten wird und das Universum stillsteht, gelingt Hladik die Vollendung seines Gedichtes. Das geheime Wunder (daher der Titel der Geschichte) hat sich vollzogen: Gott hat Hladiks Bitte erhört und ihm die Gnade der Vollendung gewährt. Das Unbeschreibliche ist Ereignis geworden: in dem Augenblick, da Hladik sein Gedicht vollendet hat, beginnt der Wassertropfen über seine Wange weiterzurollen, der Schrei seines Mundes vernehmlich zu werden, der Schatten der fliegenden Biene auf den Fliesen des Hofes weiterzuwandern, der Rauch der weggeworfenen, brennenden Zigarette sich zu verflüchtigen, die Gewehre und der Arm des Serenaden sich zu senken: eine vierache Salve hat Hladik niedergeworfen. [...]"

Das Besondere dieser imaginären Zeit sieht Edgar Neis in der Darstellung der subjektiv wahrgenommenen Zeit, der vom Protagonisten erlebten Zeit, der Zeit seiner inneren Erfahrung:

"Wir sehen: die erzählte, messbare Zeit, die [...] nur die wenigen Sekunden zwischen dem Feuerbefehl und der Ausführung dieses Befehls umfasst, wird zu einer endlosen, imaginären Zeit zerdehnt. Wichtiger als die messbare Zeit ist Jorge Luis Borges, dem Verfasser der Geschichte, die erlebte Zeit der inneren Erfahrung. Um diese darzustellen und dem Leser als solche fühlbar zu machen, braucht der Verfasser ein Vielfaches der erzählten Zeit, in der sich das Geschehen selbst, also die Hinrichtung Hladiks, abspielt. Da es zu Beginn unseres Textes heißt: »Der Sergeant schrie den Befehl zum Feuern« und am Schluss berichtet wird, dass eine vierfache Salve Hladik niederwirft, können höchstens ein bis zwei Sekunden vergangen sein, bis der eingangs gegebene Befehl vollzogen worden ist; die Zeit aber, die der Dichter braucht, um den Vorgang zu berichten und festzustellen, dass Jaromir Hladik »um neun Uhr zwei Minuten« stirbt, beläuft sich auf etwa fünf bis sechs Minuten. Diese Diskrepanz zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit beruht auf dem Umstand, dass der Dichter die physikalische Zeit gleichsam anhält, »stehen lässt«, weil er das subjektive Erleben und das Denken des Helden in seiner Vieldimensionalität berücksichtigt und in seine Darstellung mit einbezieht.[...] "

(aus: Edgar Neis, Struktur und Thematik der traditionellen und modernen Erzählkunst, Paderborn: Ferdinand Schöningh

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

 


   Arbeitsanregung

Arbeiten Sie die Interpretationsthesen des Autors heraus und überprüfen Sie diese am Originaltext »Das geheime Wunder«.
  

                 
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