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Arno Holz und Johannes Schlaf: Ein Tod

Zeitdeckendes Erzählen als absolute Gegenwart

Interpretationsansatz von Edgar Neis (1965)


Edgar Neis untersucht die Zeitgestaltung in der Erzählung "Ein Tod" von Arno Holz und Johannes Schlaf aus dem Jahr 1889. Dabei sieht er in der szenischen Darstellung, die Erzählzeit und erzählte Zeit dem natürlich-physikalischen Zeitablauf entsprechend gestaltet, eine  Form der Zeitgestaltung, die in besonderer Weise in epischen Werken der Literaturepoche des Naturalismus (1880-1910) zu finden ist. In diese den Skizzen "Papa Hamlet" entnommenen Erzählung verwenden die beiden Autoren den so genannten Sekundenstil. Dieser versucht, sämtliche inneren und äußeren Vorgänge in linearer zeitlicher Reihenfolge von Sekunde zu Sekunde in allen Einzelheiten zu registrieren. Dies kann sogar so weit gehen, dass die Sprache grammatische Fehler aufweist, unvollständig ist oder unlogisch wirkt. Wirklichkeit soll, das ist das Ziel dieser Darbietungstechnik, möglichst total nach- bzw. abgebildet werden. Damit soll u. a. die Unabsehbarkeit der Realität zum Ausdruck gebracht werden.

"Ein Tod" steht […] im Mittelpunkt der Erzählung […]. Es handelt sich um eine Geschichte von Arno Holz und Johannes Schlaf, die den Tod eines Studenten schildert. Dieser wird in einer ärmlichen Studentenbude von zwei Kommilitonen Olaf und Jens nach einem Duell versorgt, bis sie schließlich feststellen müssen, dass der Duellant tot ist. Unser Text versucht, wie es die Absicht des konsequenten Naturalismus war, die Natur "exakt zu reproduzieren", indem er Wort für Wort der Unterhaltung zwischen den beiden Studenten Olaf und Jens wiedergibt. Arno Holz und Johannes Schlaf wollten in der "Sprache des Lebens" schreiben. Mit - im wahrsten Sinne des Wortes - minuziöser Genauigkeit wird der Dialog der beiden Studenten aufgezeichnet. Die Absicht dieser Dialogtechnik ist eine äußerste Vergegenwärtigung aller einzelnen Momente der Unterhaltung, so wie sie ein Zuhörer wirklich erlebt. Dieses Erzählen will keine Vergangenheit mehr darstellen, es will nur noch absolute Gegenwart sein. Es deutet nicht … über sich selbst hinaus. Der Dichter erkennt keinen übergreifenden Sinnzusammenhang, gibt keine Sinndeutung […] (Edgar Neis, Struktur und Thematik der traditionellen und modernen Erzählkunst, Paderborn: Ferdinand Schöningh 1965, S.61ff.)

So sieht Edgar Neis auch in der Zeitgestaltung des Textes realisiert, was Arno Holz (1863-1929) an anderer Stelle programmatisch über die ästhetische Theorie des Naturalismus in folgender Weise ausgeführt hat: "Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein." Formelhaft ausgedrückt: "Kunst = Natur - x." (zit. n. Hofacker 1989/1992, S. 311). So folgert Neis aus der Zeitgestaltung des vorliegenden Textes:

"Erzählzeit und erzählte Zeit decken sich völlig; die Anpassung des Erzählten an die Wirklichkeit der physikalischen Zeit ist in konsequenter Weise gelungen; "die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein, sie wird sie nach Maßgabe ihrer Mittel (ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen) und deren Handhabung", lautet einer der wichtigsten Kernsätze des konsequenten Naturalismus." (ebd.)

 
   
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Interpretationsthesen des Verfassers heraus und überprüfen Sie diese am Text von Johannes Schlaf und Arno Holz.

  2. Untersuchen Sie, welche Elemente des Sekundenstils in dem Text verwendet werden.
     

                          
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