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Dramaturgie und Inszenierung

"Im Minimum ‘nen Gummi drum"

Rhetorische Artikulation dramatischer Rede


Der "Auftritt der Sozialtante", ein Auszug aus dem 5. Bild von Jochen Kelters Drama "In der besten aller Welten" eignet sich gut zu Übung der Artikulation und der Stimmmodulation beim Sprechen auf der Bühne.
Zugleich bietet er auch Ansatzpunkte zur thematischen Auseinandersetzung mit dem Thema Aids. Das Stück, eine Farce in zehn Bildern mit Musik ist anlässlich der 700-Jahrfeier der Schweizer Eidgenossenschaft entstanden. Es wirft  in der Abfolge von zehn, z. T. revueartigen Bildern, einen kritischen Blick auf die (Schweizer) Gegenwart am Ende des 20. Jahrhunderts. Moritz August Stern - zu Zeiten Napoleon Bonapartes gefallen - kehrt auf die Erde zurück, um sich ein Bild von ihr zu machen. Er will wissen, was aus den Idealen der Französischen Revolution am Ende des 20. Jahrhunderts geworden ist. In Strümpfelbach trifft er auf typische Vertreter der zeitgenössischen Welt, die sich in einem Symposium, den so genannten "Strümpfelbacher Tagen" über Probleme dieser Welt äußern.
 
(…Auftritt die Sozialtante. Sie wendet sich an das Publikum.)
Sozialtante: »Im Minimum ‘nen Gummi drum.« Klingt ganz gut, wie? , Macht sich ganz locker, nicht? Bei den jungen Leuten kommt’s an. Ich bin bei Gott nicht für bierernste Aufklärung. Die kommt nämlich nicht rüber.
Aber im Ernst? Glauben Sie an wirksamen Schutz? Umweltschutz? Strahlenschutz? Oder eben davor? (hält ein Kondom hoch) Damit? Weil, erstens werden die Dinger porös, wenn sie zu lange rumliegen. Zweitens, wer hat schon immer so ein Ding bei sich, wenn’s drauf ankommt. Also, wenn wir mal die statistischen Wahrscheinlichkeitsdaten hochrechnen, dann wirds finster, sage ich Ihnen. Die mit dem Tripper Clipper nach Bangkok düsen, sind eh’ nicht aufzuhalten. Schwule? Fixer? Penner? Vergessen Sie’s.
Unter uns (winkt das Publikum näher zu sich heran): Wir in unserem Alter, wo Sex nicht mehr so zählt, haben mit der ganzen Chose ja eigentlich wenig am Hut, hab ich recht? Außer moralisch natürlich. Aber zum Zahnarzt würd’ ich an Ihrer Stelle nur noch gehn, wenn’s unbedingt sein muss. Auch den Hausarzt würd’ ich mal unauffällig checken. Glauben Sie einer, die lange genug dabei ist. Gratistipps von mir für Sie. Und schon gar nix mit Männern mit schlechten Zähnen. Aber wem sag’ ich das?
Ach was, CIA! Oder aus den Labors entwichen! Alles Quatsch, wenn Sie mich fragen. Eine Geißel Gottes, wenn Sie meine Meinung hören wollen. Jawohl, die Erdbevölkerung ist sowieso viel zu groß. Die kann ja nicht ewig so weiterwachsen, oder?
Ich kann’s, unter uns, auch volkstümlicher ausdrücken. Damit wir uns besser verstehen. Natürlich hat’s was mit Negermusik zu tun und mit Hasch, in den Parks rumhängen und nix tun.
Ich seh’ grad’, wir müssen auf unsere Plätze. Schmidtchen spricht. Na dann, nichts für ungut. und bleiben Sie gesund.
(Die Melodie von »Gehn Sie mit der Konjunktur« ertönt.…)

(aus: Jochen Kelter, In der besten aller Welten. Eine Farce in zehn Bildern mit Musik. Edition Isele, Egginen 1991, S.32-33)

* JOCHEN KELTER; geb.1946 in Köln, lebt seit 1969 auf der Schweizer Seite des Bodensees in Tägerwilen/Thurgau; Lyriker, Erzähler und Essayist; Präsident der Föderation der Europäischen Schriftstellerverbände; Literaturförderpreis New York , 1981; Literaturpreis der Stadt Stuttgart, 1984; Literaturpreis des Kantons Thurgau 1987; WERKE u. a.: Defrangers Zeit (Erz., 1989), Verteidigung der Wörter (Gedichte, 1992); In der besten aller Welten (Drama, 1991)

 

   
   Arbeitsanregungen:
  1. Geben Sie Regieanweisungen, wie der Text von der Schauspielerin vorgetragen werden soll.
  2. Inszenieren Sie den Text als Ansprache vor der Klasse.

 

 
     
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