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Aufführungsberichte und -kritiken

"Gefangen wider alle Völkerrechte"

Theaterensemble "Die Anstifter", Universität Heidelberg 2001

 
 
  Die Königin des katholischen Schottland sieht sich im protestantischen England "gefangen wider alle Völkerrechte", noch dazu von ihrer Halbschwester Elisabeth, der aber Blutsbande nichts mehr bedeuten, wenn es um die Herrschaft im Lande geht. [...]
Leichtsinn und Leidenschaft, Sinnenfreude und Katholizismus kämpfen in diesem am 14. Juni 1800 uraufgeführten Trauerspiel Friedrich Schillers gegen scheinbare Zucht und Ordnung, Sittenstrenge und Protestantismus. [...] Doch wer glaubt, es ginge in der Tragödie allein um Konfessionsstreitigkeiten, irrt. Im Verlauf der fünf Akte wird vielmehr deutlich, dass Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit von den Handelnden benutzt wird sowohl für internationale Macht- und Wirtschaftskämpfe als auch für persönliche Intrigen und Familienfehden. Das ist sogar ein halbes Jahrtausend nach dem Elisabethanischen Zeitalter aktuell: Frieden zwischen Katholiken und Protestanten gibt es auf großbritannischem Territorium noch immer nicht. Und wie nicht nur die jüngsten heftigen Ausschreitungen in Nordirland zeigen, befinden wir uns wohl noch immer im Mittelalter der zu allerlei Zwecken instrumentalisierten Religions- und Konfessionskriege.
Dieser auch in unseren Tagen brisante Aspekt des Stückes blieb in der Aufführung der "Anstifter" allerdings etwas ungenutzt und fiel teilweise Textkürzungen zum Opfer. Statt des von Schiller vorgesehenen Rosenkranzes und Kruzifixes in der reuigen Hand zeigte man Maria Stuart, gespielt von Karin Polit, stets mit einer Flasche Alkohol, der am Ende gar als Abendmahlssakrament herhalten musste – so konnte die tragische Fallhöhe der Heldin schon mal ins Komische abgleiten. Vielleicht hätte diese Flasche besser der Elisabeth (Susanne Kröhl) gestanden, die nach außen strenge Königinnenwürde zu bewahren sucht, in Wirklichkeit aber von dem zügellosen Lebensstil träumt, den ihre Halbschwester vor Festnahme und Kerkerhaft gepflegt hatte. Umgarnt von intriganten Lords, fällt Elisabeth willenlos das Todesurteil über die zu Unrecht Gefangene, wird schließlich von ihren Beratern verlassen, das Volk rebelliert, Maria ist tot – die Tragödie der Elisabeth kann beginnen. [...]
Besonders effektvoll von Regisseur Raphael Utz (auch in der Rolle des Lord Burleigh) inszeniert: der Schlagabtausch zwischen den Herrscherinnen in der zentralen Szene des Dramas. Kühles blaues Scheinwerferlicht deutet die Irrealität der Begegnung an, zu der es historisch nie gekommen ist. Voten ablesend, die ihnen zugesteckt werden, ist jede der beiden Protagonistinnen für eine Weile nur Instrument der sie umgebenden Männer. [...]

Uta Schwabe


(aus: Website der Universität Heidelberg, Auszüge http://www.uni-heidelberg.de/presse/unispiegel/us5_2001/gefangen.html )
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
Arbeiten Sie aus der Aufführungskritik zu Friedrich Schillers »Maria Stuart« heraus:
  1. Worin sieht die Kritikerin Uta Schwabe den thematischen Kern und die politische Aktualität des Stückes?

  2. Maria mit der Flasche in der Hand. - Was hält die Kritikerin davon? Was meinen Sie?

  3. Wie gefällt Ihnen die Inszenierung der Begegnung der Königinnen (III,4)?

 
 
     
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