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Aufführungsberichte und -kritiken

Wo Schiller Shakespeare am nächsten ist

Staatstheater Darmstadt 1997

 
 
  Die Inszenierung des Österreichers Michael Gruner hält sich jedoch an die Schillersche Vorgabe und betont die angebliche Jugendlichkeit der beiden Frauen. Nicht nur hat er junge Schauspielerinnen gewählt - Veronika Nickl als Elisabeth und Franziska Sörensen als Maria - sondern die erotische Komponente erhält auch verbal und teilweise handfest einen hohen Stellenwert. Immer wieder bricht Elisabeth in bittere Bemerkungen über die Anziehungskraft ihrer Rivalin aus, und sowohl Leicester als auch Mortimer beugen sich den Reizen der beiden Frauen als seien diese Twens.
Glücklicherweise hat der Regisseur den Mut gehabt, das Stück konsequent um etwa ein Drittel zu kürzen. Dadurch gewinnt es an Tempo und Dichte, die es zeitweise etwas in die Nähe eines Thrillers rückt, vermeidet jedoch jegliche Längen, die bei längeren klassischen Texten leicht auftreten können. Überhaupt wirkt die Sprache nie klassisch im Sinne von "hölzern-ehrfürchtig". Durch die weitgehend umgangssprachliche Diktion der Dialoge gewinnen die Figuren menschliche Züge, die auch heute nachzuvollziehen sind. Selbst die wenigen Monologe von Elisabeth und Maria wirken dadurch menschlich hautnah und glaubwürdig.
Elisabeth charakterisiert der Regisseur als eine Frau, die zwischen ihren Beratern und ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen hin- und herschwankt. Sie merkt, dass ihre Berater ihre eigenen Ziele verfolgen, teilweise durchs vermeintliche Staatswohl kaschiert. [...] Sie ist die eigentlich tragische Person, die im Grunde keine freie Entscheidung treffen kann und am Ende allein und verlassen dasteht. [...]
Ihre Gegenspielerin Maria ist von Kopf bis Fuß Königin. Nie wird sie ihre wahre Situation akzeptieren, und lieber stirbt sie, als im Staub zu kriechen. Im großen Zwiegespräch mit Elisabeth brechen bei beiden Frauen nach anfänglichem taktischem Geplänkel die Dämme, und sie werfen sich zum Schluss alle Wahr- und Gemeinheiten an den Kopf, so Marias Schicksal besiegelnd. Maria hat eine durchgängige Vita, sie kann konsequent handeln, auch wenn sie daran zugrunde geht. Mit hocherhobenem Haupt, nur kurzfristig schwankend, schreitet sie dem Schafott entgegen.
Über allen menschlichen Auseinandersetzungen durchzieht der kalte Hauch der Machtpolitik das Stück. Nur darum geht es [...] immer steht das schnöde Machtkalkül im Mittelpunkt der Überlegungen. Michael Gruner arbeitet diese Strukturen deutlich heraus, wenn er Lord Burleigh mit dem "Parade-Intriganten" Rolf Idler (Clavigo) besetzt oder Matthias Scheuring einen schmierigen Leicester geben lässt.
Humor kommt durch den französischen Gesandten hinein, der den französischen Charme bis zur Affektiertheit treibt und die "Grande Nation" vor sich herträgt. Sein "Frankreisch" war allerdings der jüngeren Vergangenheit entlehnt.
Als besonderen Gag hatte Michael Gruner das Stück in eine Rahmenhandlung verpackt. Zu Beginn und wieder zur Schlussszene erscheinen alle Figuren auf der Bühne, anfangs ein Menuett tanzend, am Ende mehr "hingeflözt". Elisabeth liest zum Schluss wie bei einer Probe ihren Text teilweise mit dem Zeigefinger aus dem Textbuch, und als der französische Gesandte - in Abwandlung des Schillerschen Textes - den berühmten Schlusssatz  "Der Lord lässt sich entschuldigen. Er ist per Schiff nach Frankreisch!" gesprochen hat, fällt die verlassene Elisabeth in einen tranceartigen Schlusstanz, das maskierte Gesicht vom Bühnenboden grell angestrahlt..
In den Hauptrollen überzeugten Veronika Nickl als zickig-zerrissene Elisabeth und Franziska Sörensen als königliche Maria. Vor allem die Szene der beiden Frauen geriet beiden zu einem "Showdown" ihrer Rollen und schauspielerischen Fähigkeiten, ohne in "Schrei-Theater" abzurutschen. [...]
Peter Schulz hatte das Bühnenbild karg aber effektvoll als Schafott ausgestattet. Schwarze Vorhänge verhüllten große Teile der Bühne und ließen nur eine "Guckkasten"-Bühne frei. Ein dreieckiges, rotes Tuch diente als Tiefe schaffender Raumteiler oder auch als Unterlage und versinnbildlichte die roten Elemente der Richtstätte. Einige Stühle, schon in der letzten Saison "Renner" der Bühnenausstattung, rundeten das Mobiliar ab.
Besondere Mühe hatte sich Gabriele Sterz mit den Kostümen gemacht. Mit viel Aufwand hatte sie originalgetreue Kleidung des ausgehenden 16. Jahrhunderts mit Pumphosen und weit ausladenden Kleidern entworfen. Zusätzlich trugen alle Spieler aufgeschminkte weiße Masken, die symbolisierten sollten, dass jeder nur eine Rolle spielt und sein wahres Ich hinter einer Maske verbirgt. Nur Maria schminkt sich ab, nach der letzten Beichte durch ihren Haushofmeister vor dem Gang zum Schafott. Da nutzt auch keine Maske mehr, da ist der Mensch nackt.

(aus: egotrip, Wo Schiller Shakespeare am nächsten ist, http://www.egotrip.de/kultur/stuart.htm, 8.7.02, Auszüge)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie aus der Aufführungskritik zu Friedrich Schillers »Maria Stuart« heraus:

  1. Worin sieht der Regisseur Michael Gruner den thematischen Kern des Stückes?

  2. Inwiefern spiegelt sich diese Auffassung in seiner Konzipierung der Figuren von Elisabeth und Maria und den Mitgliedern des Staatsrates von Elisabeth wieder? Beachten Sie dabei auch die nonverbale Bedeutung der Kostüme.

  3. Wie beurteilt die Kritik Gruners Umgang mit Sprache und Länge des Stücks? Nehmen Sie dazu Stellung.

  4. Worin sehen Sie die Bedeutung der in der Kritik "besonderer Gag" genannten Rahmenhandlung?

  5. Was halten Sie von dem Bühnenbild?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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