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Friedrich Schiller: Maria Stuart

Die Tragödie als Triumph der Idee

Rudolf Ibel (1943)

 
 
 

Was sich in Maria vor und während der Hinrichtung vollzieht, hat mit dem in den vier vorhergehenden Aufzügen breit entwickelten Ablauf des Schicksals kaum mehr einen inneren Zusammenhang. Der Tod trifft nur den  physischen Teil Marias, er berührt nicht mehr ihr intelligibles Wesen, das für ihn unerreichbar bleibt; seine Tragik ist aufgehoben. Wo der erhabene Mensch sich vor dem Schicksal, wenn auch mit Hilfe des Schuld-Sühne-Zusammenhangs, in die Freiheit der Geister »flüchtet«, ist die Tragödie entmächtigt. Beim Eintritt des Verhängnisses tut der Held den geistigen Sprung auf eine Höhe, von der aus jede Katastrophe als ein äußerliches Schauspiel verpufft, ohne den Helden zu vernichten.
   In Maria Stuart wird die Gefahr der idealistischen Anschauung für die Tragödie besonders deutlich. Die Tragödie wird nicht zum Fest des Lebens, das gerade in der Vernichtung des großen Einzelnen seine übermenschliche Macht bekundet; sie wird vielmehr zum Triumph der Idee, die nur leuchten kann, wenn die sinnliche Hälfte der Existenz als wertlos überwunden ist. Das physische Dasein spielt in dem Läuterungsprozess des zu verklärenden Helden wohl die Rolle des Verführers zur Schuld, und damit wiederum wird es der Anlass zur erhebenden Sühne, doch ist es an sich bedeutungslos, es hat keine metaphysische Wirklichkeit.  [...]
Wenn Schiller in seinem Aufsatz »Über das Erhabene« meint, das Erhabene mache sich »um den reinen Dämon« in uns verdient, so versteht er hier unter dem von Goethe übernommenen antiken Begriff das christliche Gegenteil, nämlich den weltlosen, der reinen Idee verpflichteten Geist, während bei Goethe der Dämon das natur- und welthafte, unzerstörbare Wesen in seiner menschlich-seelischen Verdichtung und einmaligen Prägung ist.  Aus diesem Dämon lebt Maria Stuart, als sie während der über Leben und Tod entscheidenden Unterredung mit Elisabeth aus den Tiefen ihres Wesens sich stolz erhebt und der Wallung ihrer empörten Seele keinen Zwang anlegt. In diesem Augenblick ist sie dämonisch groß, gerade weil sie sich nicht »nach dem Gesetzbuch reiner Geister« richtet, sondern nach der Stimme ihres Blutes und Herzens. Den »reinen Dämon« im Sinne Schillers aber zeigt die erhabene Maria, die wie »ein schön verklärter Engel« sich dem Reiche Gottes zuwendet, »wo keine Schuld mehr sein wird und kein Weinen«. Dieses Nebeneinander des heidnisch-naturhaften und christlich-geistigen Dämons in einem Drama erweist den Riss, der durch das Werk Schillers geht und seinen Kampf um die Tragödie bestimmt."
 (Ibel 1943, zit. n. Ibel, 9. Aufl, 1982, S.63f.)
 

 
 
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus:

    • Wodurch unterscheidet sich das Drama Schillers von der idealistischen Auffassung der Tragödie?

  2. Welche verschiedenen Aspekte kennzeichnen die Wendung zur Erhabenheit in Schillers Drama?

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
     
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